Kennen Sie Johannes Ricke?
Wenn nicht, dann möchte ich Ihnen Johannes Ricke kurz vorstellen.
Johannes Ricke ist ein Forenbesucher.
Obwohl das so nicht stimmt.
Johannes Ricke ist nicht ein sondern irgendein Forenbesucher. Eine Namensgleichheit mit irgendeinem tatsächlich existierenden Johannes Ricke sei also nicht der Absicht sondern ausdrücklich dem Zufall zugeschrieben.

Johannes Ricke

Doch was macht meinen irgendeinen Johannes Ricke so besonders?
Nichts.
Nichts?
Das Besondere, oder sollte man sagen, das Beunruhigende an Johannes Ricke ist die Tatsache, dass er eben nicht besonders ist.
Im Gegenteil, Johannes Ricke steht stellvertretend für viele der Millionen tagtäglichen deutschen Forenbesucher und Johannes Ricke ist gerade durch seine Normalität so beunruhigend.
Was mag nun das so beängstigend Normale an Johannes Ricke sein?
Johannes Ricke hat recht.
Wenn Johannes Ricke sich die Mühe macht und sich zu einem Thema äußert, dann lügt er nicht, sondern er schreibt, was Tatsache und Wahrheit ist, denn Johannes Ricke ist ein sehr ehrlicher Mensch.
Sie wollen wissen, was daran so beunruhigend ist?
Sie wünschten sich, dass in Zeiten von Lug und Betrug alle Menschen wie Johannes Ricke wären?
Lassen Sie es mich erklären.

Lasst die Oma leben

Stellen Sie sich vor, ein Johannes Ricke trifft auf einen anderen Johannes Ricke.
Was passiert nun, wenn der eine Johannes Ricke plötzlich das Gegenteil von dem anderen Johannes Ricke behauptet? Wenn zwei Menschen von ihrer höchst unterschiedlichen Meinung überzeugt sind, ist dann die argumentative Großkatastrophe in Form eines sich langsam bis zum Exzess steigernden Flamewars nicht schon vorprogrammiert? Wie bitte?

Sie wenden ein, dass dies rein logisch nie der Fall sein kann? Wenn ein Johannes Ricke wirklich immer recht hat, dann müsse ein zweiter Johannes Ricke immer derselben Meinung sein, weil die Wahrheit immer eindeutig ist. Ein zweiter Johannes Ricke mit abweichender Meinung könne niemals ein echter Johannes Ricke sein, sondern nur einer der fälschlicherweise annimmt, einer zu sein? Hmm…

Schon einmal etwas von Deuteranopie gehört?
Keine Angst, Sie müssen nicht nachschlagen, ich erkläre es Ihnen.
Deuteranopie ist das Eindruck schindende Fachwort für Grünblindheit. Ein Mensch mit Deuteranopie sieht und empfindet die Farbe Rot genauso wie die Farbe Grün. Er erkennt keinen Unterschied.
Sie ahnen, worauf ich hinaus will?

Was nun, wenn Johannes Ricke Nr. 2 sie hat, die Deuteranopie, und Johannes Ricke Nr. 1 sie nicht hat?
Der eine Johannes Ricke schwört Stein und, im Falle eines Jahre zurückliegenden Motorradunfalls, Holzbein, dass das ihm vorgelegte Blatt Papier die rote Ziffer Zwei auf grünem Hintergrund zeige. Der andere Johannes Ricke erklärt, beim Leben seiner Großmutter nichts als eine einheitliche Farboberfläche zu sehen. Wäre es jetzt wirklich gerecht, die um ihren weitergegebenen Gendefekt wissende und panisch aus dem Raum stürzende Oma einzufangen und leicht verfrüht zu den Urahnen zu schicken?

Könnten denn nicht vielleicht beide in ihrem jeweiligen individuellen Farbenuniversum gleichzeitig recht haben? Ist Wahrheit vielleicht immer und überall nichts anderes als die subjektiv wahrgenommene Wirklichkeit?
Sie bitten mich, auf den Punkt zu kommen, weil Sie jetzt endlich eine Pause machen und etwas Nahrung einschaufeln wollen?
Von mir aus. Aber ein bisschen wird’s noch dauern.

Nicht ins Farbnäpfchen treten

Könnten also all die Johannes Rickes dieser Welt jetzt bitte darüber nachdenken, ob es wirklich im Sinne einer von Kriegsversehrten freien Welt ist, immer und überall recht haben zu wollen?
Wenn jemand anderes soeben das eigene Lieblingsspiel durch die sachliche Schilderung seiner persönlichen Erlebnisse negativ bewertet hat, ist dies dann wirklich ein Freibrief für einen Lügenvorwurf und muss denn die eigene Erwiderung sogleich von Beleidigungen durchsetzt sein wie ein Speiseeis von Salmonellen nach drei Stunden Hochsommerhitze?

Wenn in einem technischen Forum seitenweise über Hardware X oder Treiber Y geklagt wird, sind das dann alles tatsächlich fantasierende Whiner, nur weil man selbst die Gnade der bugfreien Spielgeburt hatte?
Wenn ein Mitspieler leise die Kritik äußert, dass angesichts einer im Fünfminutentakt erlebten Hinrichtung durch Gankgurus ihm die Suche nach Spielspaß ein wenig zu herausfordernd erscheint und man selbst dank einer allumfassenden Cheatausstattung gleiches nicht nachvollziehen kann, wer zwingt einen dazu, dies mit einem „Dann hau doch ab“ zu kommentieren?

Die Beispiele könnten so mannigfaltig wie die Hautstruktur der eingangs erwähnten und seitdem verschollenen Großmutter weitergeführt werden. Aber ich denke, schön langsam erinnern Sie sich, diesem Johannes Ricke bereits irgendwo einmal begegnet zu sein. Und sei es bei einem Blick in den eigenen Personalausweis.
Ein Johannes Ricke hat die Wahrheit für sich gepachtet und seine phlegmatische Denkstruktur käme niemals darauf, Fantasie oder Einfühlungsvermögen in den mitmenschlichen Umgang einfließen zu lassen. Ganz zu schweigen davon, dass er die rote Zwei auf grünem Grund stets in seinen und niemals in den Argumenten des Gegenübers vermuten würde.

Ein Johannes Ricke mag meinungspolitisch so standhaft wie eine Litfasssäule sein. Doch leider steht seine einseitige unabänderliche Kommunikationsführung dieser in nichts nach.
Und wissen Sie, was das Schlimmste an der ganzen Sache ist?
So oft, wie mir ein Johannes Ricke begegnet, bin ich versucht daran zu glauben, dass genetische Massenproduktion längst Bestandteil unseres Alltags geworden ist.

Inzwischen ist ein Johannes Ricke in vielen Foren dieser Welt Normalität.
Deshalb frage ich mich, wenn so etwas normal ist, wäre es dann nicht an der Zeit, sich von der Masse abzuheben? Und von mir aus auch um den Preis, dass der einzige Weg als nicht normal zu gelten der ist, dem Wahnsinn zu verfallen.