Bevor sich heute meine glossierende Wenigkeit bis Mitte Januar in den Weihnachtsurlaub verabschiedet, möchte ich nicht versäumen, mich unter Zuhilfenahme von ein paar Zeilen für das entgegengebrachte Vertrauen zu bedanken und gebührend zu verabschieden.

Als Erstes sei mir der oberlehrerhafte Tipp gestattet, dass die Personen, die ihr da in der Zimmertür stehend und mit grimmig-traurigem Blick auf euch starren seht, im allgemeinen Sprachgebrauch als „Verwandte“ bezeichnet werden. Reißt euch also bitte kurz von eurer Lieblingsware los und sammelt ein paar mehr oder minder brauchbare Geschenke ein. Ihr würdet damit zumindest im kleinen Rahmen einen Beitrag zum Weltfrieden leisten, auch wenn angesichts so mancher Gabe mit Tankstellenoriginalität die Freude nicht des Schenkenden Seite verlassen dürfte. Was mich direkt an Sony Online Entertainment denken lässt.

Geldige Weihnachten

Das, was uns SOE so unmittelbar vor Weihnachten auf die Gabentische gelegt hat, erinnert mich in seiner Bizarrheit an einen potenziellen vierten Heiligen aus dem Morgenland, der dem Jesuskind zur Geburt als Spielzeug eine entsicherte Schusswaffe in die Krippe legt. „Station Cash“ heißt deren neueste Tarnung zum Abkassieren und soll die Geldschneidereimisserfolge der Vergangenheit wie „Adventure Packs“ und „Legends Server“ vergessen machen. Und da immer mehr Chefetagen ihre Unternehmenspolitik nicht mehr einer absatzsteigernden Kundenzufriedenheit unterwerfen, sondern ihre kreativen Umsatzmodelle bevorzugt bei den kostengünstigen Freigängern der nächstgelegenen Justizvollzugsanstalt für einsitzende Trickbetrüger erwerben, bleibt dem Konsumenten nichts anderes übrig, als die Abzocke baldigst als Regelfall zu erwarten.

So dachte sich Hütchenspieler Sony, wo die Fertigungsindustrie ihre Preiserhöhungen durch gleichzeitig vorgenommene Änderungen in der Verpackungsmenge kaschiert, muss er eben den Geldzufluss durch die Verwässerung der Gebührenstruktur steigern. Gesagt, getan und schon wurde zusätzlich zu den bestehenden Abonnementgebühren das so genannte „Microtransaction“ eingeführt. Doch wer jetzt denkt, dass man sich durch die Serverwahl für eines der beiden Zahlungssysteme entscheiden kann, der irrt und hat noch nie die Dollarzeichen in Smedleys Augen entdeckt.

Beides zugleich ist des Buchhalters Schlaraffenland und wer das Glück hat und sich nicht zum Prekariat zählen muss, der darf in EverQuest 1 und 2 fortan schneller leveln, hübschere Haustiere füttern und nicht zuletzt seinen virtuellen Ken exklusiver einkleiden.

Wenngleich ich mir immer gewünscht habe, dass die virtuellen Welten in der Abbildung der Realität immer perfekter werden, so hatte ich das stets auf die Qualität der Grafikdarstellung und die künstliche Intelligenz der NPCs bezogen. Es erstaunt mich dann doch, dass das fernöstliche Kastenwesen so schnell implementiert werden konnte.

Die Vor- und Mitläufer

Doch bevor der Leser in sadistischer Zustimmung zum nächstbesten Schwergut greift und die Steinigung für eröffnet erklärt, seien wenigstens ein paar Worte zur Ehrenrettung Sonys geäußert.

Der eigentliche Urknall dieses Doppelkasse-Machens erfolgte schon vor längerer Zeit im Hause NCsoft. So versuchten diese bereits mit der Einführung ihrer Melkmaschine „NC Coin“ des Spielers Geldbörse gewichtsmäßig zu entlasten. Da sich aber der Großteil ihrer im Abo-System finanzierten MMOs seit jeher durch verstaubte Loginserver und akute Kurzlebigkeit auszeichnen, wurde die bislang ausbleibende Erfolgsmeldung dieses Gierkonzeptes auch nirgendwo vermisst.

Richtig beunruhigend wird das Geschehen, wenn man den sich abzeichnenden Nachahmungseffekt betrachtet. Ein erstes Schockerlebnis hatten die Fanbois von Biowares geplanter Interpretation der sternenkriegerischen Altrepublik zu verkraften. Nachdem niemand Geringerer als Electronic Arts’ CEO andeutete, dass ein Microtransaction-Zahlungsmodell angedacht sei, hatte der zugehörige Untergebenentross alle Mühe, die Wogen der Entrüstung wieder mit einer Richtigstellung zu glätten.

Allerdings weigerte man sich, ein generelles Dementi abzugeben, sondern erklärte lediglich, die Entscheidung über das endgültige Geschäftsmodell noch nicht getroffen zu haben. Ob dies nun darin begründet liegt, dass man den Chef ansonsten mit einer gänzlich anderslautenden Presseerklärung endgültig der unwissenden Lächerlichkeit ausgesetzt hätte oder man uns Konsumenten nicht wie bei SOE das Weihnachtsfest verderben wollte, sei dahingestellt.

Wie auch immer. Meiner persönlichen Meinung nach wird Micropayment sowieso nicht aufzuhalten sein. Und so wie es heute schon selbstverständlich ist, dass man den Menschen in Fußgängerzone und Parkhaus die Kaufkraft an Pelzmantel und PKW ablesen kann, so wird dieserart soziales Gefälle eines nicht so fernen Tages in die virtuellen Gefilde einfallen. Mir schwant, dass die großgewerblichen Goldverkäufer nur des Übels Anfang waren und die professionellen Kreativabteilungen der Spielindustrie schon längst mit den Hufen scharren, um die Strapazierfähigkeit von erteilten Einzugsermächtigungen bis ans Limit auszutesten.

Doch genug der Kommerzsinnflut.
Trotz allem wünsche ich allseits ein fröhliches und gesegnetes Weihnachtsfest.
Allseits?
Einzig für die Belegschaft von SOE würde ich meine Wünsche nicht aus dem Neuen sondern aus dem Alten Testament beziehen. Meines Wissens geht es dort irgendwo um zehn Plagen und solche Sachen.

Ach ja, und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2009 darf ich an euch ehrenwerte Leser natürlich ebenfalls nicht vergessen!
Und John! Du weißt, was du dir zu brechen hast?