Die obere Bandbreite des menschlichen Schaffens erstreckt sich von Epoche machenden Erfindungen bis hin zu künstlerischen Genialitäten, die über Generationen hinaus für Gesprächsstoff sorgen. Allzu leicht wird hierbei übersehen, dass Schönes und Großes überhaupt nur deshalb existieren und herausragen kann, weil das Leben parallel dazu als abschreckenden Kontrast Unmengen an hässlichem Fehlverhalten und bodenloser Dummheit darbietet.

Interviewer: Meine Damen und Herren Zuhörer, in unserem heutigen fiktiven Interview der Woche begrüße ich Herrn Derflinger aus Wien. Guten Tag, Herr Derflinger.

Herr Derflinger: Guten Tag, Herr Interviewer der Woche.

Interviewer: Herr Derflinger, Sie arbeiten bei der österreichischen und trotzdem halbwegs erfolgreichen Softwarefirma JoWood Productions. Was ist dort Ihr Tätigkeitsbereich?

Herr Derflinger: Ich bin Leiter des Gothic Research and Updating Supports. Mir obliegt die Weiterentwicklung und Projektbetreuung dieser überaus erfolgreichen Traditionsmarke.

Interviewer: Vor knapp einem Monat wurde das Gothic 3 Addon Götterdämmerung veröffentlicht. Welches Fazit ziehen Sie heute?

Herr Derflinger: Wir hier bei G.R.a.U.S. haben ganze Arbeit geleistet. Gothic 3 Götterdämmerung ist ein weiterer qualitativ hochwertiger Meilenstein aus unserem Hause.

Interviewer: Diese Meinung wird nicht von jedermann geteilt. Aufgrund der Bugflut bevorzugen viele Käufer zur abschließenden Bewertung Ihres Meilensteins eher die Analogie eines Grabsteins.

Herr Derflinger: Hier irrt der Laie. Das ursprüngliche Gothic 3 hatte zum Release über 500 Bugs. Mit dem Addon Götterdämmerung ist es uns gelungen, die Buganzahl auf unter 250 zu drücken. Das ist eine nachweisbare Verbesserung um mehr als 50 Prozent. Mir fiele kein Unternehmen der Welt ein, dem jemals innerhalb einer einzigen Produktgeneration eine derartige Qualitätssteigerung gelungen wäre.

Interviewer: Würde das unlängst erschienene Fallout 3 über „nur 250 Bugs“ verfügen, dann könnte die amerikanische Waffenlobby angesichts rapide steigernder Amokläufe in Spielefilialen die Änderung des Schusswaffengesetzes nicht länger verhindern.

Herr Derflinger: Auch hier sollten Sie die Zahlen ganz nüchtern betrachten. Fallout 3 wurde bereits über 5 Millionen Mal verkauft. Selbst wenn man wohlwollend unterstellt, dass jedes „Fallout 3“-Spiel, sagen wir mal, nur zehn Fehler enthält, dann käme man bereits auf einen gigantischen Gesamtausstoß von 50.000.000 Bugs. In Anbetracht der aktuellen Verkaufszahlen unseres Addons bleibt unser Gesamtbugausstoß hingegen weit darunter. Im globalen Mistbau rangieren wir also bestimmt nicht auf den vorderen Plätzen und diesbezügliche Vorwürfe sind bei unseren Mitbewerbern wesentlich besser aufgehoben.

Interviewer: Dann lassen Sie uns über Inhalte sprechen. Die gothische Götterdämmerung von heute hat mit dem Ambiente vergangener Tage nur noch den Namen gemeinsam. Warum diese Abkehr von bewährten Konzepten?

Herr Derflinger: JoWood Productions kann sich dem Trend der Zeit nicht entziehen. Wenn heutzutage in einem Onlinespiel die Hälfte der Spieler überhaupt nicht mehr wissen wollen, warum sie den Bossmob eigentlich erlegen, sondern allerhöchstens welchen Loot er abwirft, dann sind wir die Letzten, die sich dieser Entwicklung weg von denkfordernden Handlungssträngen entziehen können. Zudem leisten wir mit unserem Schema der Egalität einen wertvollen Beitrag zur Integration geistig gehandicapter Mitmenschen.

Dümmerung 2

Interviewer: Der Wegfall von Logik und Verstand als entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Unternehmenskultur? Drückt sich das auch in der Wahl Ihres Developers aus?

Herr Derflinger: Die für die Erstellung von Gothic 3 verantwortliche Firma Trine Games Studios aus Indien besitzt unser vollstes Vertrauen und hat den Vorgänger Piranha Bytes im Bereich Kosteneinsparung und Deckungsbeitrag wie erwartet um Welten geschlagen.

Interviewer: Hatten Sie denn keinerlei Bedenken, dass bei dem Wechsel weg von erfahrenen Visionären, denen Herzblut und Engagement zu Eigen sind, hin zu schnellöstlicher Massenproduktion am Ende die Seele des Produkts verloren gehen könnte?

Herr Derflinger: Ich kann Ihre romantische Sicht der Dinge nicht teilen. Von jemandem, der einen Rolls-Royce zusammenschraubt, erwartet man doch auch nicht, dass er privat einen fährt.

Interviewer: Man könnte aber den Eindruck gewinnen, dass hier Menschen ein Auto zusammengebaut haben, die besser einen Esel mit Hufen beschlagen sollten.

Herr Derflinger: Der entscheidende Vorteil war doch, dass wir Gothic in Hände gegeben haben, die das Wort Lohnhöhe nicht mit Luxus, sondern einzig mit der Abwendung des Verhungerns verbinden. Solche finanziellen Standortvorteile kommen nicht zuletzt auch unseren Kunden zugute.

Interviewer: Fallen Kinderhände auch in die Kategorie Standortvorteil?

Herr Derflinger: In unseren Augen ist Bartwuchs keine zwingende Voraussetzung für eine erfolgreiche IT-Karriere.

Interviewer: Vor 14 Tagen wandte sich JoWood Productions mit einer Erklärung an die Community und entschuldigte sich für die mangelhafte Marktreife des Addons. Hätte nicht vielleicht doch mehr Investition auch mehr Ertrag bedeutet?

Herr Derflinger: Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Wie in der Presseerklärung beschrieben, geht ein großer Teil der Kundenenttäuschung zulasten der hohen Erwartungshaltung. Das Produkt wäre perfekt, wenn man nicht Perfektion von ihm erwarten würde.

Interviewer: In dieser Erklärung gesteht Ihre Firma aber ausdrücklich gemachte Fehler ein und verspricht, eine Wiederholung zu vermeiden.

Herr Derflinger: Wo steht denn geschrieben, dass Aussage und Tatsache immer untrennbar miteinander verbunden sein müssen? Außerdem findet das von Ihnen genannte Schriftstück seit Firmengründung bei jedem Release unserer Spiele Anwendung. Man denke nur an „Die Gilde“ 1 und 2 oder die Wildschweinerei „Gothic 3“. Es gehört zum Brauchtum unseres Hauses, die Ware nach Fertigstellung nachreifen zu lassen. Was selbst Käse veredelt, kann so falsch nicht sein.

Dümmerung 3

Interviewer: Warum veröffentlicht man ein Produkt, wenn es noch nicht fertig ist? Etwa weil des Kunden Vergesslichkeit den Samen für das nächste Desaster legt?

Herr Derflinger: Ein klares Nein. Als Publisher mag man vielerlei Zwängen unterliegen, denen man sich schwerlich entziehen kann und die höchst unterschiedlicher Natur sein können, aber unkritische Kunden sind allerhöchstens als angenehme Begleiterscheinung einzuordnen.

Interviewer: Was ist bei der Götterdämmerung konkret passiert? War der Urlaub schon gebucht oder wurde die angemietete Lagerhalle mit den Spieleboxen für die Einlagerung von Weihnachtsbäumen benötigt?

Herr Derflinger: Sie fantasieren. Unsere monetären Berater rieten uns lediglich dazu, der Unternehmensbilanz etwas schwarze Farbe zukommen zu lassen.

Interviewer: Ist das nicht etwas zu kurz gedacht? Mit dem erneuten Gothic-Imageverlust verlieren Sie doch gerade fest gewachsene Kundenbindungen und riskieren den langfristigen Umsatzuntergang.

Herr Derflinger: Keine Sorge. Im nächsten Jahr reihen wir uns offiziell in die Riege der Finanzkrisenopfer ein und fordern Milliardenunterstützung von der österreichischen Bundesregierung. Dann kann uns endlich dieser ganze Verkaufsschmarrn gestohlen bleiben.

Interviewer: Und wenn sich Ihr Plan nicht erfüllt? Was würden Sie persönlich machen, wenn eines Tages JoWood keine Dummen mehr findet, die für ihre ungelegten Eier Geld bezahlen?

Herr Derflinger: Ach, das bereitet mir keine Sorge. Ein Halbbruder von mir arbeitet vor der somalischen Küste als so eine Art Bootsbesetzer und gibt den Eignern erst gegen ein sehr hohes Aufwandshonorar ihre Schiffe wieder zurück. So ein Job würde auch ganz gut zu mir passen.