Da lese ich in der onlinischen Ausgabe einer großen deutschen Tageszeitung einen Artikel mit der so unlogisch wie verrückt klingenden Schlagzeile „Zahltag in China – Steuer auf virtuelle Währungen“ und schon hatte man mich zum lesenden Konsum geködert.

Nun ist man ja von Zeitungen Einiges gewohnt, was fantasiegetragene und Auflagen steigernde Tatsachenvergewaltigungen betrifft, aber ich muss zugestehen, dass der vorliegende Artikel dann doch ein ganz neues Kapitel in Sachen gewürfelte Berichterstattung aufschlägt. Verkommen doch im vorliegenden Fall der Gebrüder Grimms gesammelte Märchenerzählungen im direkten Vergleich zu staubtrockenen Sachbüchern.

Doch worum geht es eigentlich? Der Artikel berichtet über ein angebliches Vorhaben der chinesischen Regierung (Zitat) „jetzt auf virtuelles Geld Steuern erheben“ zu wollen. Die Höhe betrage (Noch’n Zitat) „und zwar ganze 20 Prozent“. Weiter kann man einer Bildunterschrift unter dem obligatorischen WoW-Sündenbockscreenshot entnehmen: (Abschluss der Zitattrilogie) „China will auf Online-Rollenspiele wie World of Warcraft Steuern erheben - und so den Handel mit virtuellem Geld eindämmen.“

Bevor jetzt die ersten WoW-Spieler im Realen ihre Sparschweine und in Gedanken irgendwelche Regierungen schlachten, sei an das beliebte Kinderspiel Flüsterpost erinnert. Schmeißt man die Suchmaschine an und beginnt mit dem, was moderne Reporter hassen wie Faultiere die Bewegung, nämlich der Recherche, dann passiert gar Wunderliches. Auf Spieler orientierten Internetseiten wird aus dem „Steuern auf virtuelle Währungen“ urplötzlich ein „Steuern auf Profite aus virtuellen Währungen“. Es wird also beileibe nicht daran gedacht, den Erwerb eines Reitmounts zukünftig der Kraftfahrzeugsteuer zu unterwerfen oder das Twinken unter die Erhebung von Erbschaftssteuer fallen zu lassen.

Ehe ich des Rätsels Lösung in seiner Gänze aufdecke, seien ein paar Fakten kredenzt.

In China suchen derzeit geschätzte 40 Millionen Menschen mehr oder minder regelmäßig ihre Entspannungsflucht in Onlinespielen. Selbstverständlich ist die Mehrheit nicht in schwergewichtigen Westprodukten unterwegs, sondern konsumiert meistens ebenso kosten- wie anspruchslose Alternativen. Von diesen 40 Millionen kaufen 80 Prozent Ingame-Gegenstände, wobei hier fairerweise angemerkt werden sollte, dass sich im asiatischen Markt viele Spiele ausschließlich durch Itemshops finanzieren. Durchschnittlich gibt jeder dieser Spieler pro Jahr 400 Yuan für sein Hobby aus, was umgerechnet unverbindlichen 45 Euro entspricht. Allerdings fließen nicht alle diese Euronen in des Herstellers Taschen und somit erfreuen sich nicht nur gewerbliche Goldfarmer sondern auch private Grindnaturen über den Byteklondike des 21. Jahrtausends.

Wahrheit war gestern

So manchem Glossenleser mit Sherlock Holmes’ Genen dürfte es schön langsam dämmern, wie die Wirklichkeit ausgesehen hat, bevor sie von der Zeitung entdeckt wurde.

Unwahrheitenbereinigt will uns der Artikelträumer also lediglich beibringen, dass China Privateinkünfte aus Onlinespielen mit einer eigenen Einkommensteuer belegt. Und das soll eine Meldung wert sein?! Schon einmal mit einem deutschen Finanzbeamten über nichtgewerbliche Einnahmen geredet? Man rate doch mal, was nach Überschreiten der Freigrenze hierzulande für eine Steuer fällig wird? Etwaige Namensgleichheiten sind garantiert nicht zufälliger Natur.

Wer zudem die Behauptung aufstellt, China wolle Steuern erheben, um den Handel mit virtuellem Geld einzudämmen, der mag auch so naiv bleiben und die Tabaksteuer als Erfindung des Gesundheitsministeriums ansehen.

Liebe Zeitung!
Wann immer du in Zukunft meinst, uns die Welt erklären zu müssen und den Schmetterlingsflügelschlag zum Katastrophengebiet erklärst, sei bitte nicht böse, wenn ich persönlich abweichender Meinung bin.

Ich finde es geil, dass in China eine „Privatperson“, die sich am Itemgrind eine goldene Nase verdient, zukünftig ebenso steuerpflichtig ist, wie ein unter Tage und ächzenden Stützbalken arbeitender Kumpel. Obwohl ich gestehen muss, dass mir als Goldhändlerhasser das Vertauschen der jeweiligen Lebenserwartung noch wesentlich besser gefallen hätte.

Sollten übrigens im Staat Burkina Faso eines Tages die Heuschreckenpreise auf das Vorjahresniveau fallen, so empfehle ich eine zentral platzierte Eilmeldung.