Alle Jahre wieder beginnen Vertreter des männlichen Geschlechts ihr Gesicht in einer Form zu maskieren, die an den anderen 364 Tagen eines Jahres regelmäßige Lohneinkünfte binnen Sekunden torpedieren und allerhöchstens zu einer Inanspruchnahme von Armenspeisung und Kartonunterkunft führen würde. Ehemals rotzfreche Kurze denken in vorausschauendem Überlebenswillen darüber nach, inwieweit die drohende Rutenanwendung eines in Ferrarifarbe getünchten Würdenträgers durch das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit abgewendet werden kann. Dies alles nur, weil der Nikolaustag vor der Tür steht.

Der Dezember ist angebrochen. Während allerorten die Dienstleister in Erwartung üppig werdender Trinkgelder ihren Service auf das von den Kunden eigentlich im ganzen Jahr erhoffte Niveau bringen und so manches schlechte Gewissen seinen Besitzer dazu bringt, die rücksichtslosen Ellbogen ein- und die spendable Brieftasche auszupacken, will und kann auch ich mich diesem Trend hin zu Harmonie und Scheinheiligkeit nicht entziehen. Es ist höchste Zeit, dass auch ich etwas Gutes tue.

Der fette Rotmantel

Und zwar mir selbst und das in Form eines Wunschzettels:

Sehr geehrte Damen und Herren Wunschzettelerfüller,
ob meine Wünsche jetzt vom Nikolaus oder erst zu Weihnachten erfüllt werden, ist mir so egal wie einem Gnom die Existenz von Kleidung in Übergrößen. Nur bitte tut endlich etwas!

1. Ich wünsche mir mehr Hirn für die Polygonhaufen!
Im Jahr 11 der MMORPGs verfügen die Gegner immer noch über so wenig künstliche Intelligenz, dass im direkten Vergleich selbst ein Getränkeautomat mit überraschenderen Ergebnissen dienen kann. Wo die Technik uns immer perfektere Graphic und Physics Engines beschert, scheint die Entwicklung von Think Engines über die Fähigkeit rechtzeitig zu ziehender Waffen nicht hinausgekommen zu sein. Könnte also bitte einer der zukünftigen Addon- oder Vollversionenverantwortlichen, etwas mehr als die üblichen 1 Euro 50 in den Intelligenzausbau der NPC-Schmieden investieren?

2. Macht mich kurzsichtig!
Kennen Sie das? Sie streifen auf der Suche nach den Serienopfern 2514 bis 2561 mordlüstern durch die Gegend und plötzlich bemerken Sie auf Ihrem Monitor viele schräg bis senkrechte verlaufende Streifen. Gleichzeitig vernehmen Sie aus den Lautsprechern den Klang von niederprasselndem Wasser in viel zu leiser oder lauter Relation zur restlichen Soundabstimmung. Das alles wird abgerundet durch Blitze, die in einem Sekundentakt aufblenden, welche im realen Leben die Einäscherung ganzer Waldbestände nach sich ziehen würden. Das also soll ein Gewitter sein?

Ich wünsche mir mehr - viel mehr. Nebel, Schnee- und Sandstürme wären wunderbar. Aber nicht solche, bei denen man an schlecht geputzte Fenster oder Pixelausfall und Grafikkartengarantie erinnert wird. Um den Realismus der schlechten Sicht zu perfektionieren, müsstet ihr selbstverständlich auch diese unsäglichen Radargeräte deaktivieren. Was wäre das herrlich spannend, wenn Monster überraschend auftauchen und sich nicht immer wie Tante Klara brav zum Sonntagstee ankündigen würden.

Wünsche 2.0

3. Reißt eurer Homepage die Stimmbänder raus!
Bei den Internetauftritten wird es inzwischen lästige Gewohnheit, die Startseite mit Musik oder zumindest entfernt daran erinnernden Tonfolgen auszustatten. Zu allem Überfluss könnt ihr euch alle nicht auf eine einheitliche Lautstärke einigen, sodass ich bei einem Erstbesuch in großer Regelmäßigkeit darüber rätsel, ob Trommelfelltransplantationen von meiner Krankenversicherung abgedeckt sind. Eine voreingestellte Deaktivierung dieser Killerklänge könnte zudem der Community so manche Arbeitsplatzkündigung ersparen, da Chefs nicht selten auch Ohren haben.

4. Redakteure haltet euer Maul!
Es gab da mal eine Zeit, in der der Begriff Spoiler nicht nur mit automobilen Brustvergrößerungen in Verbindung gebracht wurde. In einer gekonnten Gratwanderung zwischen Appetit wecken und Vertraulichkeit bewahren, waren umfassende Skillratgeber und Walkthroughs ausschließlich Bestandteil gesondert ausgewiesener Heftbereiche und Internetseiten. Testberichte machten ihrem Namen Ehre und dumme Loser auf der Suche nach Starthilfe waren die verlachte Ausnahme und nicht die kaufende Regel.

Heute hingegen sind im Rahmen von Preview und Erstmeldungsgeilheit jegliche Vorbehalte gefallen und die Spielverderberei wurde zum Kult erhoben. Wo Kinomagazine seit Jahrzehnten keine Probleme damit haben, den Kunden mit kritischer aber wenig verratender Detailinformation zu versorgen, sind die Reporter der Bitleinwände zum vorauseilenden Überbringer des kompletten Storyboards verkommen. Weniger wäre also mehr. Also bitte weniger Petzen und nicht weniger Hirn.

5. DRM für Luxusartikel!
Um den Damen und Herren aus den Chefetagen ihre als Piratenverfolgungswahn getarnte Angst vor dem Gebrauchtspielhandel auszutreiben, hätte ich gerne ein Ausweiten der Kopiersperren auf alle Arten von Luxusartikeln. Jeder der mir zukünftig SecuRom auf die Festplatte drückt, dem soll in seinen Lebensbereichen Gleiches widerfahren.
Der Chef von Electronic Arts will seine Oberklassenlimousine starten? Dann soll er gefälligst mit Drehen des Zündschlüssels auch Fahrzeugbrief, Führerschein und Geburtsurkunde durch den mitinstallierten Scanner authentifizieren lassen. Seine Ehefrau will Zugriff auf ihre Luxushandtasche? Ohne Kassenbeleg und Nagellackanalyse wird sich die It-Bag keinen Spalt weit öffnen. Und könnte man bitte das Ausgeben von großen Geldscheinen durch die zwangsweise Onlinefreischaltung der entsprechenden Seriennummer erschweren.

Lieber Nikolaus und liebes Christkind,
wie ihr seht, sind meine Wünsche doch gar nicht so unerfüllbar. Solltet ihr wider Erwarten Probleme mit der Realisierung haben und mir etwas bescheidenere Anliegen abringen wollen, so wäre es nett, wenn ihr zumindest all die vorhin erwähnten Personenkreise einfach von einem Meteorenhagel erschlagen lasst.