TOR ist schuld daran, dass bald militante Fanbois und erzkonservative Old-School-Gamer sich gegenseitig den Bürgerkrieg erklären werden. TOR ist schuld daran, dass zukünftig unter 100 Millionen Euro kein stimmungsvolleres Onlinespiel mehr platziert wird werden kann. TOR ist schuld daran, dass dies die letzte Glosse in diesem Jahr sein wird.

Einleitung

Wo soll ein Vollblutmiesepeter wie ich zukünftig sein Nörgelfutter herbekommen, wenn Firmen plötzlich anfangen auf ihre Kunden zu hören? War anfangs die Welt noch in Ordnung, als Bioware die offene Beta kategorisch verweigerte und die ersten Keys für 300 und mehr Euros über den eBay-Tisch wanderten, als von einem Tag auf den anderen unter dem Mäntelchen eines Stresstests nun doch eine Open Beta dargeboten wird. Noch dazu eine von so ungeheuren Ausmaßen, dass jeder daran teilnehmen konnte, es sei denn, man erwies sich selbst als des Lesens unkundig oder als Igel, der bereits seinen Winterschlaf angetreten hat.

Und gerade, wenn man jubiliert und denkt „jetzt hab‘ ich sie - jetzt haben die bei Bioware aber Mist gebaut“, dann folgt die Ernüchterung auf dem Fuße. Drohte der Stresstest unter dem ersten Ansturm in einem Dauerdesaster zu enden, so wurde innerhalb kürzester Zeit dermaßen sachverständig gegengesteuert, als hätte man bloß 23 Brötchen mehr zu schmieren.

88 Server wurden bis zum Schluss aus dem Hut gezaubert. 88 Server für ein „nur“ Science-Fiction-Spiel. Ob der technische Leiter von NCsoft aufmerksam zugesehen und schon einmal vorsorglich eine Großpackung Beruhigungspillen eingekauft hat? Man kann erahnen, was nächstes Jahr auf Guild Wars 2 zukommen wird. Wobei allerdings spätestens dann gebrauchte Server bei Blizzard und Sony billig einzukaufen sein werden.

Olniggs Glosse - Ausgabe 132: TOR ist schuld

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Im Zeitalter des Spargel-Gens
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Nach dem Einloggen wird dem kritikgeilen Hobbytester endlich der erste Triumph gegönnt. Eine Charaktererstellung mit Grafikoptionen so einfach und eindruckslos wie ein Mikrowellengericht. Zwar deutlich mehr als bei der dreibuchstabigen Konkurrenz, jedoch ist das Wort Innovation hier ebenso fehl am Platz, als würde man einem Bundeswehrsoldaten anstatt eines Steinkeils ganz stolz einen Holzspeer in die Hand drücken.

Gleich danach beginnt das Frohlocken über den nächsten Tiefschlag. Dialoge, deren Grafik-Zoom so verwaschen wirkt, als würden sie in der Dusche geführt. Das User Interface ist altertümlich fest in Zement gegossen, Antialiasing vorerst deaktiviert und trotz aktuellstem Treiber leitet ein oranger Pixelfehler des Auges persönlichen Stresstest ein. Das stinkt nach halb fertig. Das Messer darf gewetzt und die Tastatur geölt werden.

Jetzt die ersten Quests angespielt - zugegeben die Form der Questvergabe ist genial aber deren Inhalt trivialer Standard wie seit der Erfindung des Nachmittagsfernsehens. Schnell noch die Hauptquest etwas ausführlicher verfolgen und danach sollte der Verriss über genügend Dünger verfügen.

Doch dann schlägt Bioware zu. Knallhart und kompromisslos wie es nur ein Rollenspielhersteller der obersten Kategorie kann. Waren bislang Questtexte und Antwortmöglichkeiten lediglich viel Rauch um denselben Storyablauf, schleichen sich langsam still und leise die ersten Entscheidungen mit Konsequenzen ein. Lässt man den Gegner am Leben oder dem Tod begegnen? Das ist plötzlich mehr als eine bloße Wahl für den hellen oder dunklen Pfad, sondern es urteilt auch über Krieg oder Frieden. Ebenfalls darüber, welche Items später zur Verfügung stehen werden. Ganze Gruppenquests kippen. Ja, selbst das ursprünglich spöttisch beäugte Charakteraussehen macht sich auf einmal selbstständig. Wer dem Verbrechen zu oft huldigt, der verrät sich plötzlich durch sein Aussehen. Ein Traum für jede Strafverfolgungsbehörde wird wahr.

Wenn’s am Schönsten ist, soll man aufhören

Wer glaubt, Bioware würde sich mit diesem Etappensieg zufrieden geben, der irrt. Dragon Age im Weltall hat soeben erst den Motor angelassen. Das erste Pet taucht auf. Ein weiblicher NPC, der mir früher als einer unter vielen begegnet ist, beginnt plötzlich eine entscheidende Rolle zu spielen. Einstmals von mir nicht wichtiger als ein Ausrüstungsstück angesehen, beginne ich in der Cantina ein Stück Lebensgeschichte zu erfahren. Immer mehr und immer größer wird mein Interesse an ihr.

Ich ertappe mich dabei, wie ich meine Antworten gegenüber dritten Personen nach ihr ausrichte. Bloß nicht meinen Escort-Service verärgern, will ich doch ihr Vertrauen gewinnen. Das Pet wird zum Menschen. Ich will allen Ernstes eine gute Beziehung zu einem Pixelhaufen aufbauen. Bioware hat mich am Angelhaken wie eine dumme Forelle.

Zu diesem Zeitpunkt hat das Spiel längst all die vorherige Unbill vergessen lassen. Ich beginne die überzeichneten Comicgesichter zu lieben, weil sie den Wiedererkennungswert der NPCs extrem erhöhen und dem Langzeitgedächtnis Erholung bieten. Die „einfache“ Grafik überschwemmt mich zunehmend mit einer Skinvielfalt, die der Lawine an Items eigene Texturen erlaubt, und bei Fernsicht und vollen Details individuelle Gemälde erschafft. Auf einmal wäre ich froh, wenn mir zumindest die Nebenquests nur triviale Kost und keine Entscheidungen abverlangen würden. Doch Bioware bleibt gnadenlos, tritt nach und trifft mit Crafting und Kodex meinen Suchtus Plexus ins Volle. Das tiefnächtliche Ausloggen wird zunehmend zur Entziehungskur.

Olniggs Glosse - Ausgabe 132: TOR ist schuld

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Lagerfeld präsentiert sein erstes Trading Card Game
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Wer Bioware verspottet, der muss dafür büßen. Du wagst es, über die anfänglichen Schlauchgebiete zu meckern? Die Planetenoberflächen wachsen mit den Leveln und schon bald wirst du der Erste sein, der nach einem der vielen Mounts schreit. Der Storyverlauf ist dir zu geradlinig und du vermisst die Freiheit des Erkundens? Wie dumm wirst du aus der Wäsche schauen, wenn du eines Tages bemerken wirst, dass man bereits in der Newbiezone weit abseits der Trampelpfade Attribut erhöhende Datacrons und Quest gebende Gegenstände hätte finden können. Bioware ist längst nicht so oberflächlich, wie das, was mancher täglich im Spiegel zu sehen gewohnt ist.

Jedoch gerade hier beginnt sich Bioware selbst ein Bein zu stellen. Die Komplexität wird wahrscheinlich nicht jedermanns Sache sein. Die Konkurrenz hat mühsam über lange Jahre hinweg ganze Generationen versaut. So tauchen zum Beispiel bereits die ersten Jammerlappen mit dem Schlagwort Skill Bloat auf. Anstatt sich darüber zu freuen, dass man rollenspielgerecht aus einer Skillsintflut auswählen darf, beginnt die unheilige Einfältigkeit der Unselbstständigen erneut die Seichtigkeit des Seins herbeizusehnen.

Was sind das nur für Menschen, deren Fantasie und Entscheidungsfreude gerade mal für das nächtliche Ertasten des Lichtschalters ausreicht? Deshalb bin ich wie bei keinem anderen Spiel vorher gespannt, wie wohl der erste Zusatzcontent aussehen wird? Wird sich Bioware treu bleiben oder dem Mainstream die Kapitulation anbieten?

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So vieles gäbe es zu erzählen, zu schwärmen, richtigzustellen, doch sollen die Spoiler sich woanders zuhause fühlen. Aber so viel sei gesagt: Wer Biowares Spiele der Vergangenheit geliebt hat, der wird dieses Spiel der Zukunft heiraten wollen. Und wer bislang der Meinung war, dass Computerspiele keine Kunst seien, der wird sich fortan mit der Argumentation verdammt schwer tun.

Für mich persönlich wird Weihnachten bereits am 15.Dezember stattfinden und bis dahin will noch viel Berufliches und Privates erledigt sein. Vor allem muss ich noch die Verwandtschaft davon überzeugen, dieses elende Schenkereitreffen um zehn Tage vorzuverlegen. Allen Lesern, sowohl den treuen als auch den tretenden, wünsche ich deshalb schon heute einen schönen Jahresausklang. Man liest sich voraussichtlich wieder Mitte Januar. Oder Ende Januar. Oder Februar. März? Hmm… zur Sicherheit schon mal einen guten Rutsch 2013.

Star Wars: The Old Republic - Die coolste Sau der Galaxis: Kopfgeldjäger-Tagebuch

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