90 Prozent. 95 Prozent. 9.9 von 10. Ja, seid ihr Spieletester da draußen denn vollkommen feige? Wieso vergebt ihr nicht endlich die Hundert? Was hält euch von der Traum-Ten ab? Die Nummer eins für die Nummer eins!

Aber vielleicht fehlt euch allen alleinig das letzte Quäntchen Überzeugung. Vielleicht seht ihr da noch irgendwo ein Haar in der Suppe, wo eigentlich eine Nudel schwimmen sollte. Doch keine Sorge, denn ihr habt ja mich und ich werde euch jetzt so viel Argumente liefern, dass ihr nicht umhinkommt, dem binären Messias so zu huldigen, wie es ihm gebührt.

Zuallererst wäre da der Geniestreich, Skyrim konsequent mit Himmelsrand zu übersetzen. Sind wir doch mal ehrlich. Wir Deutsche haben schon lange die Schnauze voll von diesen Anglizismen. Cool, Chillen, Computer, Blow-Job und was ich mir sonst noch so alles mühsam merken muss. Endlich steht jemand auf und zeigt diesen i- und Big-Mac-Süchtigen, wozu Landesgrenzen gut sind. Einzig diesem Landesverräter, der zu feige war, Himmelsrand gleich auf die Box zu drucken, sollte man noch einen Besuch abstatten. Doch unser Verfassungsschutz dürfte wissen, was zu tun ist und welche Kontakte er auszuspielen hat.

Oder habt ihr 100%-Vergabeverweigerer etwa das neue und nach vier vergeblichen Vorgängerversuchen schlussendlich geniale Level-Skill-System übersehen? Was war ich glücklich, als ich bei Steam meinen Skill-100-Erfolg freigeschaltet hatte. Da Händler fast alltäglich ihr Ledersortiment auffrischen und das Schmieden dieser billigen Rüstungen bis rauf zum Skillmaximum jedes Mal Erfahrung wie dreißig erfolgreiche Studienabschlüsse ergeben, hieß es bereits in der ersten Hauptstadt Superrüstung für den Superman. Unverwundbarkeit schneller, als der Notarzt kommt - so machen herausfordernde Spiele erst richtig Spaß.

Olniggs Glosse - Ausgabe 131: 100 Prozent

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Und bestimmt habt ihr professionellen Spieletester auch niemals den Taschendiebstahl oder das Schleichen ausgetestet. Da gibt es die generösen Skillsprünge gleich im Dutzend. Das Vortreffliche an diesem ICE-Skillaufstieg ist die Folge, gleichermaßen umgehend in die höchstmöglichen Levelbereiche vorzustoßen, ohne es überhaupt jemals darauf angelegt zu haben. Ich persönlich liebe Bethesda dafür, dass sie uns Spieler schnellstmöglich von diesem elenden Leveldruck befreien und man fortan Zeit für die ungefährdete Betrachtung der wunderschönen Landschaft hat.

Apropos Steam. Jetzt, wo ich mich endlich an diesen Fortschritt gewöhnt habe, stört es mich auch nicht mehr, dass pünktlich zum Himmelsrand-Release die Steam-Datenbanken gehackt worden sind und sich mein Passwort und meine Kreditkarteninformationen nun in russischer oder chinesischer Hand befinden. Erstens war ich schon so schlau und habe mir extra ein bayrisches Passwort ausgedacht, und das verstehen diese neugierigen Suff- und Gelbköpfe sowieso nicht. Und zweitens was soll eigentlich daran so schlimm sein, wenn man keinen Zugriff mehr auf eine online gekaufte Spielesammlung im Wert von mehreren tausend Euro hat? Man muss sich doch nur vor Augen halten, dass es viel tragischere Dinge auf Erden gibt, wie zum Beispiel Krebs im Endstadium oder diese ganzen Spiele ein zweites Mal spielen zu müssen.

Natürlich hat auch wieder kein schreibendes Schwein bemerkt, wie raffiniert sich Bethesda über die Bankenkrise lächerlich macht. Gold gibt es in Himmelrand so zahlreich wie Gauner in der Anlageberatung. Ein Vermögen ist zu machen durch Massen von ungestraft einzusteckender Gegenstände, Zaubertrankherstellung leicht wie Blumenpflücken und anschließender Verkauf zu Champagnerpreisen, utopische Gewinnmargen für leicht zu verzaubernde Rüstungen und Loot regelmäßig wiederauferstehender Bossmobs. Lediglich die endlos rotierende Notenpresse der himmelsrändischen Zentralbank hat man einzubauen vergessen.

Begraben unter Goldmassen

In Himmelsrand kommt man so einfach an Goldmassen, dass man unter anderen Umständen die Einführung einer Währungsreform herbeisehnen würde. Die Ingame-Anspielung mit den Leichen ist hierbei die Krönung der vortrefflichen Satire. Besucht man einen bereits durchspielten Dungeon zum richtigen Zeitpunkt später erneut, so liegen die Leichen zwar immer noch da, aber inzwischen sind sie wieder komplett mit Loot gefüllt. Das ist zwar absolut unrealistisch, aber besser hätte man die Banker nicht karikieren können. Die sind auch schon lange hirntot und trotzdem werden deren Taschen immer wieder mit Geld gefüllt.

Diese Satire geht noch viel weiter. Schon mal in einem Dorf gewesen, wenn ein Drache angreift? Dabei beim Schmied unter das Vordach gestellt und ab und zu einen Pfeil auf den Drachen abgefeuert? Einfach köstlich, wenn die Dorfbewohner, die dann die eigentliche Hauptarbeit beim Abschlachten des Sturzkampfbombers machen, danach zu mir hinlaufen und mich trotzdem als alleinigen Drachentöter feiern. Für die Stressarbeit eines Anderen das komplette Lob einheimsen und zudem den gesamten Loot einsacken? So etwas kennt jeder Angestellte, wenn er an seinen Boss denkt.

Nicht zu toppen ist die von Bethesda ganz offen geäußerte Sozialkritik an unserer immer rücksichtsloser werdenden Gesellschaft. Da die Gegner jetzt nur noch teilweise mitleveln, bezieht man in höchsten Charakter-Leveln einzig von den Random-Mobs auf der Oberfläche Prügel. Betritt man hingegen die Dungeons, ist selbst im höchsten Schwierigkeitsgrad fröhliches Schnellmetzeln angesagt. Na, ihr Redakteure, worauf will der Himmelsrandhersteller damit wohl anspielen? Kleiner Hint. Im täglichen Alltag den eigenen Frust auf die asozial agierenden Mächtigeren aufbauen und dann unten am U-Bahnsteig die Aggression an den noch viel Hilfloseren aus der Seele treten.

Es gäbe noch so viel mehr herausragende Neuerungen über Himmelsrand zu erzählen, aber irgendwann müssen selbst meine Lobeshymnen ein Ende finden. Daher kann ich hier auch leider nicht mehr verraten, warum im Monat November zum ersten Mal in der Geschichte des Hardware-Handels mehr Xbox-Controller an PC-Spieler als an Konsolenbesitzer verkauft worden sind. Oder warum gemäß Steam-Errungenschaften knapp 15 Prozent der Himmelsrand-Accounts bis jetzt nicht den Erfolg „Erreiche Level 5“ freigeschaltet haben. Oder warum Himmelsrand ein Lehrstück für die Bundeswehr wäre und was das mit Pfeilkampf in Unterwäsche und Nichtentdeckung auf zwei Meter Abstand zu tun hat.

Zusammenfassend muss ich neidlos anerkennen, dass Himmelsrand perfekter als perfekt geworden ist. 100 Prozent - wenn nicht sogar noch mehr. Zu guter Letzt hat Bethesda die Elder-Scrolls-Reihe zu dem gemacht, was sie schon immer sein wollte. Ein grafisch opulentes Adventure-Spiel ohne störende Attributs- und Logikbeigaben. Schwelgen statt schwierig. Endlich obsiegt Hollywood über Balancing und unser wichtigstes Körperorgan das Auge bekommt das, was es schon lange verdient hat. Aber meinen allerbesten Grund für die 100 Prozent für Himmelsrand habe ich mir ganz bis zum Schluss aufgehoben. Jetzt freue ich mich so richtig auf Risen 2.