Mitunter kommt selbst eine professionelle Giftschleuder wie Meinereiner nicht umhin, vor der Spieleindustrie anerkennend den Hut zu ziehen. Wenn selbst mir abgebrühten Spielveteranen der Mund offen stehen bleibt und ich nur noch fähig bin, ein „so ein Wahnsinn“ vor mich hinzustammeln, dann muss zwar nicht der Weltuntergang erwartet werden, aber man sollte zumindest den Bau einer Arche in Erwägung ziehen.

Ich möchte heute der Firma Activision meine allergrößte Anerkennung zollen. Was sie in Form von „Skylanders: Spyro’s Adventure“ auf die jugendlichen und jung gebliebenen Konsumenten losgelassen hat, dürfte die viel strapazierte eierlegende Wollmilchsau um die Attribute unkaputtbar und Gold produzierend erweitert haben. Für alle abgeschieden lebenden Hinterwäldler oder WoW-Jünger, die den Tellerrand bereits mit dem Ausloggen erreicht haben, vorab eine kurze Beschreibung des Spielprinzips.

Skylanders ist ein Jump-and-Run-Game, bei dem die Ingame-Avatare in Form echter Plastikfiguren beigelegt sind. Um nun mit einer dieser Figuren im Spiel gegen Bösewicht und Bug antreten zu können, muss diese Spielfigur in ihrer realen Form auf eine mitgelieferte Plattform gestellt werden. Kommt man im Spiel in eine Situation, die mit einem anderen Charakter besser bewältigt werden kann, so ist auf der „Plattform der Macht“ einzig ein Schichtwechsel vorzunehmen. Es handelt sich bei der Plattform also um nichts anderes als ein zusätzliches Eingabegerät mit der Funktion einer Jobagentur.

Olniggs Glosse - Ausgabe 130: Chapeau!

alle Bilderstrecken
Weitere Bilder zuOlniggs Glosse
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/2Bild 86/871/87
Über keine Brücke musst du gehn
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Für sich genommen ist diese Spielidee einer digitalen Quengelwarenbeigabe, die vor allem bei Kids auf nahrhaften Boden stößt, an sich noch nicht weltbewegend. Zumal die Verbindung reales Spielzeug mit digitaler Komplettabhängigkeit heute selbst schon von Auto und Waschmaschine lässig vollzogen wird. Allerdings hat sich Activision noch ein paar zusätzliche höchst originelle Alleinstellungsmerkmale einfallen lassen.

Zuallererst fällt eine umfangreiche Plattformunabhängigkeit der Plattformidee auf. Von Nintendos 3DS und Wii, über Xbox und Playstation bis hin zu PC und sogar Mac wird so ziemlich alles unterstützt, was sich bislang in heimische Kinderzimmer einschleichen konnte. Der Dealer steht also an jeder Ecke. Weiter beinhaltet Skylanders alle gängigsten Spieleelemente wie Jump ‘n‘ Run, Shooter, RPG inklusive Gruppenspiel und PvP, Minigames und vieles mehr. Um des Sprösslings Taschengeld in Zukunft noch umfassender abzuziehen, sind dem Spiel selbst Trading Cards beigelegt.

Dies bringt uns zur eigentlichen Haupteinnahmequelle von Skylanders - den Spielfiguren. Es sind derer vorläufig 32 Stück geplant, wobei selbst Nichtsammler sich für ein Durchspielen aller Gameinhalte mit dem Zukauf von weiteren 5 Figuren anfreunden müssen. Zusammen mit dem unverzichtbaren Starter Pack und einem Figurenpreis, der je nach Mengenrabatt zwischen 7 und 8 Euro liegt, wird der Umfang der verlangten Geldverdunstung für dieserart Ratenkauf recht deutlich. In einem Preissegment, wo Hersteller bislang einzig ihre Collector’s Editions zu platzieren wagten, darf der Kunde endlich auch eine ganz normale Standardversion in den Einkaufskorb legen.

Richtig genial wird das Handeln von Activision, wenn man die Spielfigur genauer betrachtet. Einerseits ist sie eine Art Datensicherung, da in ihr die aktuell erworbenen Charakterattribute und Ausrüstungsgegenstände abgespeichert werden. Nimmt man diese Figur zu einem Freund mit und stellt sie auf dessen Portalplattform, so steht dort einem Weiterspielen oder einem prolligen Protzen nichts mehr im Wege. Selbstverständlich kann der Freund kontern, indem er einen Würgegriff ansetzt oder zum Messer greift und unter Gewaltandrohung eine dauerhafte Überlassung der Spielfigur einfordert, um somit sein eigenes Gameplay entscheidend voranzubringen.

Da die Spielfiguren ein unverzichtbares Spielelement sind, wird aus ihnen deswegen auch der beeindruckendste Kopierschutz, den es jemals gegeben hat - zumindest seit der Erfindung des Onlinespiels. Wo hat man das bis jetzt schon erleben können, dass jemand seinen eigenen Kopierschutz noch extra bezahlen muss und das bis zu 32 Mal?

So richtig den Schauer über den Rücken gejagt bekommt derjenige, der sich mit der Zukunft beschäftigt. Was ist, wenn auch andere Spiele auf den Zug der realen und virtuellen Weltenverschmelzung aufspringen? Wird Titan bereits über vorgefertigte Klassenpüppchen verfügen, wo der Paladin oder Druide mittels Portal auf Azeroth 2 einloggt?

Wird man in den Item-Shops der Zukunft echte Mini-Schwerter und Rüstungen kaufen können, die man der geliebten Ritterfigur ganz real anlegen muss, um in deren Ingame-Genuss zu kommen? Wird die mühsam auf Level 100 hochgespielte Voodoo-Puppe eines Tages auch Hersteller und Welten übergreifend einsetzbar sein? Mit einem wowschen Nachtelfen durch Elder Scrolls 6?

Doch die Fantasiererei geht noch viel weiter. Plötzlich wäre das Schmieden bislang undenkbarer Allianzen möglich. Was wäre, wenn sich im Umsatz darbende Firmen wie Matell und diverse Erotikfilmproduzenten zusammentun würden? Wer eine Barbie langsam auf der Plattform entkleidet, der könnte doch den weiteren Ablauf seines Blu-ray-Films sehr entscheidend und individuell beeinflussen.

Oder nicht auszudenken, wenn Liverollenspieler die Kinect entdecken und der Otto-Versand massentauglich seine erste Mittelalterkollektion herausgeben würde. Flugs das Kettenhemd aus dem Sommerschlussverkauf übergeworfen, vor den 3D-Fernseher gestellt und endlich ist sie da, die seit Jahrzehnten beschworene echte Virtual Reality. Obwohl einen klitzekleinen Nachteil hätte diese Sache derzeit. Nach dem heutigen Stand der Technik müsste der aktuelle Spielstand leider noch in Form eines Strichcodes auf die Haut des Spielers tätowiert werden.