Wer dieser Tage der beginnenden Weihnachtspositionslichterflut und den damit einhergehenden Bescherungsgüterangeboten entkommen will, der muss sich schon sehr weit von den opportunistischen Teilzeitgläubigen absetzen, um endlich besinnliche Ruhe zu finden. Was bietet sich da besser an, als sein Heil in der Flucht vor der nächsten Fußgängerzone nicht in horizontaler, sondern viel effizienter in vertikaler Richtung zu suchen?

Wer hier lächerliche hundert Kilometer hinter sich bringt, der hat nicht nur den Weltraum erreicht, sondern darüber hinaus unübertreffliche Meditationsvoraussetzungen gefunden. Oder sollte man sagen „der könnte vielleicht finden“, denn da oben im All scheinen sich mitunter noch viel seltsamere Dinge zu ereignen als hier auf Erden…

EVE Online ist inzwischen zur unumstrittenen Nummer Eins der Science-Fiction-Simulationen erwachsen. Wenngleich es im direkten Vergleich mit der onlinigen Dogfightvariante Star Wars Galaxies oder dem ohne Linie zu spielenden X3 in Sachen Adrenalinausschüttung nicht ganz mithalten kann. EVE ist eher ein Vertreter der strategisch und ausrüstungsorientierten Kriegsführung. Was allerdings nicht bedeutet, dass hier Menschen mit chronischer Fingerverknotung länger als anderswo überleben. Eine Actionallergie sollte man also auch in EVE auf keinen Fall mitbringen.

Das mittlerweile über fünf Jahresringe zählende MMO-Urgewächs überrascht damals wie heute mit mutig bis irrsinnig zu bewertenden Spielideen und die berühmt-berüchtigtste unter ihnen ist Thema der heutigen Kolumne. Jedoch soll jetzt nicht die Rede von der einfältigen KI sein, die sich so bodenlos wie das Universum gebärdet und die Antwort auf die Frage nach PvP- oder PvE-Orientierung des Spieles genauso vorhersehbar macht, als es eine freie Konsumwahl zwischen Speiseeis und Grippenvirus tun würde. Ebenso geht es nicht um die dort herrschende Überfüllung im Weltall, dessen manch aus den Nähten platzendes Sonnensystem jedweden Weihnachtsmarkt zur Einsiedlei degradiert.

Das Besondere an EVE ist, dass man dort auch spielt, wenn man nicht spielt.

Wo man bei Konkurrenzprodukten mühsam Bots oder Levelservice in Anspruch nehmen muss, kann man in Eveland den Char selbst in den Offlinezeiten weiterentwickeln. Und als unmöglich zu steigernder Lächerlichkeitsexzess wurde das als Ghost Training bekannt gewordene „leveln“ ohne aktiven Account erst vor kurzer Zeit nach fünfjähriger Schlaftablettenreaktionszeit unterbunden.

Da die Skills also nicht durch Anwendung, sondern ohne Zutun und selbst während eines duftenden Schaumbades oder dem Betrachten eines Fußballspiels automatisch aufsteigen, erübrigt sich gerade in der Anfangszeit die hektische Auseinandersetzung mit allen anderen Spielelementen. Obwohl allseits die steile Lernkurve von EVE, je nach Umsatz- und Arbeitsplatzbeteiligung, angepriesen oder angeprangert wird, sollte man also nie vergessen, dass die Zeit für einen arbeitet und nicht man selbst.

Richtig schizophrene Züge nimmt dieses Konzept an, sobald der betrachtende Blick den Skills begegnet, die das Lernen von anderen Skills noch beschleunigen. Richtig gelesen - es existieren hier tatsächlich beeinflussende Realitäten, die den Verbleib in Badewanne oder vor dem Fernseher noch effizienter gestalten. Zuerst lernt man also das Lernen, um später mit dem eigentlich Gelernten das ausführen zu können, wofür man das Spiel eigentlich angeschafft hat. Wer jetzt einwirft, dass dies EVE-Veteranen einen uneinholbaren Vorteil verschafft, dem widerfährt so wenig Widerspruch wie einem Rettungswesten verteilenden Steward auf der Titanic.

EVE – Das Nasenbohrer-Paradies

Jedoch gibt es zwei gute Nachrichten zu vermelden. Die eine ist das Vorhandensein eines, na sagen wir mal, Skill-Caps. Wer noch in seiner ersten Lebenshälfte steckt und eine durchschnittliche Lebenserwartung vor sich hat, kann zum Beispiel im Bereich Mining relativ schnell und im Bereich Combat nicht ganz so schnell zu der dort ausgeskillten Oberschicht aufschließen. Wobei man den Begriff schnell nicht mit einem Jahreskalender, sondern der Erdevolution in Verbindung bringen sollte.

Die zweite gute Nachricht lautet, dass wie überall anders auch in EVE das Geld die Welt regiert. So gibt es teure Implantate zu kaufen, die den Skillaufstieg so beschleunigen, dass man sogar das Vollbad unterbrechen oder die Halbzeitpause dazu nutzen muss, um völlig neue Studiengänge zu starten. Die zugehörigen Finanzmittel müssen keineswegs selbst erarbeitet werden. Hier hat die isländische Spielmutter CCP perfekte Arbeit geleistet, wenn auch die Tarnung des Ingamegoldverkaufes lediglich als teilgelungen zu bezeichnen ist.

Wer für echtes Geld reale Gametime Codes einkauft, der ist in der Lage diese innerhalb des Spieles an andere Mitspieler gegen Ingamegeld weiterzuverkaufen. Dies ist einerseits sehr löblich, weil es dauergrindenden Konsumenten ein F2P-Erlebnis gewährleistet. Andrerseits stellt sich einem etwas besser betuchten Gehaltsempfänger die Frage, weshalb er überhaupt jemals wieder das Bade- oder Wohnzimmer verlassen sollte, wo doch das vorliegende Skill-Geld-Zeit-Perpetuum-Mobile das MMORPG-Erlebnis in völlig neue Passivdimensionen vorstoßen lässt. Die Skills leveln sich automatisch und die hierfür notwendige Startfinanzierung erwirtschaftet sich aus dem echten Geldbeutel. Völlig legal Erfolg zu haben, ohne einen Finger rühren zu müssen, das ist doch das, worauf die Pazifisten unter uns virtuellen Killerkarrieristen ewig gewartet haben.

Ja, das sind schon Genies diese Isländer, und was Einfallsreichtum und erfolgreich anmutende Geschäftsmodelle angeht, kann denen niemand das Wasser reichen. Vielleicht sollte ich einmal nachsehen, was inzwischen aus meinen Wertpapieren geworden ist, die ich vor Jahren in Reykjavík erworben habe. Wenn die dortigen Finanzmanager nur halb so viel Ahnung von der Materie haben wie deren Onlineindustrie, dann bin ich heute bestimmt schon ein reicher Mann.