Es gibt Ereignisse, deren regelmäßiges Erscheinen so sicher ist wie der Kollektenbeutel in der Kirche. Mit der zyklischen Zuverlässigkeit eines Vollmonds suchen diese immerwährend den Weg in des Spielers Herz, um es mit schlechtem Gewissen zu füllen. Es ist die Rede von Studien zum Thema Internetsucht. Letzte Woche war es mal wieder so weit.

Da sich das Internet im Allgemeinen und die Online-Spiele im Speziellen immer größerer Beliebtheit erfreuen, kann man von der Wissenschaft beim besten Willen nicht verlangen, von diesem Forschungsthema die Finger zu lassen. Zumal: Je größer der Aufmerksamkeitsgrad und je spektakulärer das Forschungsergebnis ist, desto voluminöser versprechen die Anschlussaufträge zu werden. Doch was soll uns Gamer das stören? Wer täglich einen Feiertagsbraten isst, der darf sich auch nicht über die vor der Haustür heulenden Straßenköter beschweren.

Die neueste Schreckensbotschaft entkam den Hallen des Bundesgesundheitsministeriums. Dieses hatte bei zwei der weltweit renommiertesten Universitäten die „erste repräsentative Studie“ zum Thema Internetsucht in Auftrag gegeben. Zum einen war das die Universität Lübeck, bekannt geworden durch ihre Beratungskompetenz bezüglich chemischer Produktionsprozesse bei der naturbelassenen Herstellung von Lübecker Marzipan. Bei der anderen Denkfabrik handelte es sich um die Universität Greifswald, die bereits zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik in Form der „militärmedizinischen Sektion der Nationalen Volksarmee“ unter Beweis stellen konnte, wie man die Entscheidungsfreiheit abtrünnig entscheidender Probanden in geordnete Bahnen lenkt.

Diese beiden Institute stellten Folgendes und noch dazu einstimmig fest: 560.000 Deutsche seien internetsüchtig. Das entspräche erstmals der Zahl der Cannabis-Abhängigen.

Was für eine Sensation! Der Kiffer und der Gamer liefern sich auf der nach oben offenen Abgrundskala ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen. Und während die darüber entsetzten Vorbilddeutschen noch auf das Zielfoto warten, beginnen mir bereits tausend Fragen durch den Kopf zu schießen, zu deren Beantwortung ich mangels passendem Fachdiplom leider nicht imstande bin. Doch vielleicht stolpert ja einer der Gelehrten über diese bescheidene Kolumne und weiß etwas Licht in meine Unwissenheit zu bringen.

Zuerst würde mich interessieren, was Ihr als Cannabis-abhängig bezeichnet? Da ich mir in meiner Jugend so manchen Joint mit Ex-Präsident Clinton geteilt habe, wobei dieser allerdings stets zu dumm zum Inhalieren war, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass der sporadische Zug am Gras alles andere als unmittelbar suchtmachend ist. Als Sprungbrett zu härteren Kalibern mag Cannabis durchaus verteufelswert sein, aber mit ihm selbst aufzuhören war bei meinen Selbstversuchsreihen die leichteste Übung. Ganz im Gegensatz zur jahrelangen Überwindung meiner Tabaksucht bedurfte es zum Entwöhnen vom Marihuana nur eines einzigen Blickes in den Geldbeutel.

Aber ihr Akademiker hattet bei eurem Vergleich sicher den Vollzeitjunkie im Sinn. Also jemand der sich alle paar Stunden das Rauschgift reinziehen muss und der zwangsweise auf den Strich oder über Leichen geht. Bislang hatte ich dabei zwar immer einen Heroinsüchtigen vor Augen, aber was soll‘s? Diese Profi-Hascher sind wahrscheinlich noch viel schlimmer und daher würde ich angesichts der bereits existierenden kostenlosen Spritzenausgabe für Heroinkonsumenten gleiches Recht für alle fordern und ab sofort die Gratisverteilung von Zigarettenpapier verlangen. Viel besser wäre es natürlich, den abhängigen Kiffern gleich Zutritt zu einem Entwöhnungsprogramm zu verschaffen. Da allerdings Methadon hier ein wenig oversized wäre, wäre stattdessen die Abgabe von zwei Schachteln Marlboro täglich vorzuschlagen.

560.000 Hasch-Süchtige! Fast so viel Einwohner hat der Stadtstaat Bremen. Es gibt also ein Bremen voll von Bekifften und ein zweites, soeben von Lübeck und Greifswald neu entdecktes Bremen, in dem sich die Onliner fortgesetzt weigern, den Stecker zu ziehen. Übrigens wäre da noch ein Potsdam mit offiziell 130.000 Heroinabhängigen. Und da sich alle drei Suchtgruppen alleine schon durch ihr Konsumverhalten gegenseitig ausschließen, kann man sie getrost zusammenaddieren. Das ergibt dann ein München. Ein ganzes München voller Süchtiger?! Da braucht man aber jetzt keinen Hochschulabschluss, um zu erkennen, dass da irgendwer gewaltig die Kontrolle über seinen Taschenrechner verloren hat.

Die staatlich subventionierte Flunkerei lichtet sich, sobald man in die Tiefen der Versuchsreihe eindringt. Bringt dies doch bei der Altersgruppe der 14- bis 16-Jährigen eine erstaunliche Tatsache zutage. Es sind mehr Mädchen als Jungen internetabhängig, und dies betrifft nicht das Online-Spiel, sondern die sozialen Netzwerke. Jetzt weiß ich ja nicht, was Ihr Forscher genommen habt und ob ich euch zum ersten Bremen oder Potsdam zählen muss, aber spätestens hier höre ich auf, euch ernst zu nehmen. Zu meinen Jugendzeiten, als beim Autohändler noch Pferdedroschken standen, da entzogen sich Mädchen bereits auch schon stundenlang der Umwelt, indem sie dauertelefonierten. Kein Mensch wäre damals auf die Idee gekommen, eine Telefonentziehungskur vorzuschlagen. Ausgenommen der Eltern, die in Flat-losen Zeiten immense Minutentakte auszubaden hatten.

Richtig bizarr wird das Gelehrtentum bei einer weiteren sensationellen Entdeckung dieser Tage. So weiß eine holländische Weißkittelfachkraft endlich Entwarnung zu geben. Denn seinen Ergebnissen nach macht der Konsum von Online-Pornografie nur in sehr selten Fällen süchtig. Ich bin mir allerdings noch nicht ganz sicher, wie sich diese Erkenntnis auf die Bekämpfung der Suchtgefahr von Online-Spielen auswirken wird. Wird man diese dadurch in den Griff bekommen wollen, dass in diesen zukünftig die Darstellung nackter Elfen zur Pflicht wird und bluttriefende Schwerter durch anderstriefende Dildos ersetzt werden müssen?

Auf eine letzte Unstimmigkeit der Studie sei hingewiesen. Es müssten in Wahrheit 560.001 Süchtige sein, da man mich mitzuzählen vergessen hat. Ich fühle mich zwar absolut nicht süchtig, aber weil die Befragten allesamt lediglich telefonisch kontaktiert worden sind, hätte ich im Befragungsfall ebenfalls angegeben, ein Süchtiger zu sein. Jedoch nicht, weil ich ein notorischer Lügner bin, sondern weil ich durch jahrelang erlittenen Telefonterror des Direktmarketings gestählt wurde und ich mir inzwischen ein Spaß daraus mache, derlei „anonyme Marktforschungen“ an ihrer eigenen Absurdität ersticken zu lassen.

„Herr Olnigg, wollen Sie jede Menge Steuern sparen?“ - „Nein, ich zahle gerne Steuern. Kennen Sie einen Weg, wie ich noch mehr Steuern zahlen kann?“

„Herr Olnigg, trinken Sie gerne Wein?“ - „Nein, aber ich bade täglich in Milch. Hätten Sie vielleicht eine im Angebot, die gut schäumt?“

„Herr Olnigg, verbringen Sie zu viel Zeit im Internet?“ - „Ja, aber nur, weil ich noch keinen Ausgang gefunden habe.“