Im letzten Kolumnenbeitrag kündigte ich großspurig an, die Abhängigen eines bestimmten Privatfernsehsenders in den Status der Verwesung versetzen zu wollen. Doch zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass mir diesbezüglich jegliches Fachwissen fehlt. Höchste Zeit für etwas Nachhilfe bei den Killerprofis aus Russland. Nein, nicht Putin und Medwedew sind gemeint, sondern die Macher von World of Tanks.

Meine erste tiefergehende Begegnung mit WoT hatte ich im Februar dieses Jahres. Dessen Rekordmeldung von gleichzeitig 91.311 Spielern auf einem Server machte mich aufmerksam. Allerdings nur so lange, bis ich erfuhr, dass hierbei eher der Login-Server, aber niemals die Spielwelt an sich gemeint sein konnte. In der Welt der Tanker gibt es nämlich überhaupt keine Zentralwelt, sondern ausschließlich Tausende von Instanzen mit maximal 30 Mitspielern. Diese als einen Server(-cluster) zu bezeichnen, ist ähnlich Thema verfehlend, wie ein Puzzlespiel als ein Ölgemälde oder die heutige Sowjetrepublik als eine Demokratie durchgehen zu lassen.

Ist dieses Spiel also einzig ein dilettantischer Versuch, sich werbewirksam ins Guinnessbuch der Rekorde einzuschleichen, oder verbirgt sich hinter so viel Marktschreierei auch etwas Substanz? Aus diesem Grund ließ ich die Software im Monat August zur Musterung antreten und entdeckte gar Erstaunliches. War ich bislang der Meinung, nur das reale Ausbremsen eines holländischen Wohnwagengespannes könne eine Fortbewegung unterhaltsamer gestalten, so habe ich die virtuelle Panzerfahrt als Alternative meines Aggressionsabbaus schätzen gelernt.

Für die Pazifisten unter uns sei kurz das Spielprinzip erklärt. Man selbst ist ein Panzer und man muss andere Panzer in stählerne Trümmergebiete umgestalten. Dies geschieht zumeist auf zufällig ausgewählten Maps mit ebenso willkürlich ausgesuchten Mitspielern. Zwei Parteien mit jeweils 15 Spielern treten gegeneinander an und müssen binnen einer Viertelstunde entweder die gegnerische Fahne einholen oder die meisten Gegner in Schrottnachschub verwandeln. Da das alles grundsätzlich kostenlos ist - F2P für Personen mit weniger Lesezeit -, dürfen Personen mit Geld in der Tasche selbiges in Gold eintauschen, um damit im Item-Shop durchschlagskräftigere Munition zu kaufen. So gesehen haben wieder einmal auch die Nichtjunkies unter uns die Möglichkeit zum goldenen Schuss.

Bislang gibt es lächerliche 21 Maps, mit denen man die Zeit bis zum Max-Panzer-Grind-Level so abwechslungsreich gestalten kann wie eine Zimmereinrichtung aus Wüstensand. Die Maps sind maximal einen Quadratkilometer groß und können zumindest beim erstmaligen Anspielen ein paar Denkfalten auf die Stirn zaubern. Bessere Panzer erhält man durch Erfahrungszuwachs und vereinzelt gegen Bargeld. (Der nun folgende Satz mag zwar sachunkundige Leser dazu veranlassen, ihren Optiker zu verklagen, aber umfangreichere Erklärungen würden den Rahmen sprengen.) Zum Beispiel kostet ein Löwe um die 45 Euro.

Olniggs Glosse - Ausgabe 120: Kriegstagebuch

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Panzer-Exitus mit lokaler Flammenakne
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Der wahre Wahnsinn liegt in der Zusammenstellung der Kampfgruppen. Wie bereits erwähnt werden die Mitspieler vor jeder Map zufällig aus den bis zu 91.311 anwesenden Panzerfreunden rekrutiert. Das hat ähnliche bizarre Folgen, als würde man die Teilnehmer eines Schachturniers sowohl von der Hochschule für angewandte Physik als auch den Gästen der nächsten Suppenküche anwerben. Ausgerechnet hier beginnt die Faszination der gepanzerten Welt. Es ist das Losglück der jeweils ausgewürfelten Gruppenintelligenz, die kurzweilige Unterhaltung durch allergrößte Abwechslung bietet. An eigenen Emotionen darf vom anerkennenden Kopfnicken bis hin zum verzweifelten Tischkantenbiss alles erwartet werden. Ob im Panzer nebenan ein Patton oder Schwejk sitzt, weiß man erst zu beantworten, wenn man zum eigenen Feuerlöscher greifen muss.

Als sozusagen verschärfendes Element hat sich die Firma Wargaming.net eine weitere Bosheit ausgedacht. Erreicht die Klasse des eigenen Panzers Tier 3 oder mehr, so wird man vom Computergeneral zunehmend in Kampfszenarien abkommandiert, in denen die Panzer der Mitspieler weit stärker als der eigene sind. Das hat zur bizarren Folge, dass die eigene Existenz immer weniger spielentscheidend wird und sich ein gewisser Fatalismus einschleicht. Taktisches Nachdenken weicht amokähnlicher Impulsivhandlung und der maximale XP-Erwerb aus minimalstem Zeitaufwand wird zum alleinigen Online-Lebensziel.

Da man Erfahrung nicht nur aus dem Ankratzen und Abschuss gegnerischer Vehikel bezieht, sondern auch schon durch deren Entdeckung, ist der Kamikaze-Spieler nicht weit. Immer öfter wird man unmittelbar nach Szenariobeginn einen oder mehrere Panzer in das gegnerische Gebiet vorpreschen sehen, mit dem Ziel, möglichst viele Gegner möglichst schnell zu enttarnen, um noch viel schneller abgeschossen zu werden und in die nächste Map einsteigen zu können. Leveln im Lemming-Stil.

World of Tanks darf nicht unter dem Aspekt einer Simulation bewertet werden. Dazu ist die Artillerie mit ihren One-Hit-Wondern zu skurril, die Abwesenheit von Nacht und Nebel zu kindgerecht und ein auf nur 21 Quadratkilometern geführter Weltkrieg zu entwicklerfaul. Was hätte man hier mit einer im DAoC-Stil geführten Massenschlacht inklusive Respawn-Punkten für dauerhaften Spielspaß erzeugen können. So bleibt es lediglich ein, allerdings sehr guter, MMO-Pausenclown. Wer bislang vor PvP Berührungsängste hatte oder wer schon immer einmal im Chat Personen in ihrer Heimatsprache fluchen hören wollte, der sollte zuschlagen. Ein selbst von Einarmigen beherrschbares User-Interface und Friendly Fire stehen Gewehr bei Fuß.

Der Nachwuchs ist auch schon angedroht. World of Plane and World of Warships sollen die nächsten Dusselgeldfallen heißen. Der Plan eines World-of-Combat-Medics hat sich aber im Nachhinein als haltloses Gerücht herausgestellt. Diese Spielreihe wird uns also noch lange Zeit erhalten bleiben und für so manch weitere Rekordmeldung sorgen. Nicht zuletzt weil sich die Kombination aus Firmenbesitz und Teilnahme am Online-Shop für die Russenmafia hervorragend zur Geldwäsche eignen könnte.