Lässt man die Fantasie in die Zukunft reisen, dann führt das nicht selten dazu, manche Dinge der Gegenwart noch viel unbegreiflicher erscheinen zu lassen. Was werden wohl unsere Ururenkel empfinden, wenn sie eines fernen Tages einen Blick zurück auf unsere Gepflogenheiten werfen?

Deutsches Museum, Abteilung für internationale Spielsoftware, Freitag den 14. Mai 2078.

„Meine Damen und Herren, ich möchte Sie auf einen weiteren Höhepunkt dieser Führung hinweisen. Im Rahmen unseres Rundgangs durch das Museum der Games darf ich Sie nun in den nächsten Raum mit den Erstveröffentlichungen aus dem Jahre 2011 bitten.“

„Auf den Bildfolien zu Ihrer rechten Seite sehen Sie Spielvideos zu dem Online-Spiel ‘Troy’. Lassen Sie uns an dieser Stelle etwas verweilen, damit ich Ihnen die obskuren Unterhaltungsmethoden aus der Steinzeit der binären Unterhaltungsindustrie etwas eingehender vor Augen führen kann.“

Olniggs Glosse - Ausgabe 118: Troy oldline

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Ein Kartoffelknödel hat schärfere Konturen.
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„Das Spiel ‘Troy’ wurde vor 67 Jahren von einer südkoreanischen Firma erstellt. Der Release erfolgte seinerzeit parallel zur damals größten Computerspielmesse ‘Gamescom’. Historiker rätseln bis heute, ob die damalige temporäre Schließung der Messe tatsächlich durch den Besucherandrang verursacht worden war. Unsere Wissenschaftler hegen nämlich den Verdacht, dass in Wahrheit das gesamte Sicherheitspersonal einschließlich der Einlassordner zum Messestand der Firma ‘ALT1 Games’ gerufen werden musste, weil dort entsetzte Investoren zu randalieren begonnen hatten und damit drohten, den „Troy“-Projektleiter zu lynchen.“

„Denn ‘Troy’ hinkte selbst für das Empfinden der Spielprimaten aus dem Jahre 2011 seiner Zeit gnadenlos hinterher. Es umfasste lediglich drei spielbare Klassen. Die Charaktererstellung war so variantenlos wie die Wegalternativen auf einer Kinderrutsche. Und nicht zuletzt das Konzept der massenhaft anzuwendenden Heil- und Aufputschtränke war in diesem Jahrzehnt eigentlich nur noch im Bereich des olympischen Profisports anzutreffen.“

„Bevor ich mit meinen Ausführungen fortfahre, möchte ich Ihnen eine kleine Hörprobe über die Vertonung der Kampfhandlungen geben. Zu diesem Zwecke werde ich den Ton der umstehenden Bildfolien aktivieren. Sollten Sie darüber irritiert sein, weil ich vorher einen Hörschutz anlegen werde, so sei zu Ihrer Beruhigung gesagt, dass mir dies ausschließlich aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen vorgeschrieben ist. Bei fünf Führungen pro Tag sechsmal in der Woche erhöht sich das Gefahrenmoment entscheidend. Bei einem einmaligen Hörkonsum müssen Sie sich keine Sorgen um Ihre Gesundheit machen - zumindest nicht die Jungen und Gesunden unter Ihnen. Vorsicht ich beginne …“

„... na, geben Sie es zu! Jetzt sind Sie beeindruckt. Dagegen war das, was sie vorhin in den Simulatorhallen unseres Museums im Rahmen der Startgeräusche eines Space-Shuttles gehört haben, ein akustischer Waldspaziergang. Kampfgeräusche in der Vertonung kopulierender Mülltonnen hört man eben nicht alle Tage. An dieser Stelle sei etwas Werbung in eigener Sache gestattet. Selbstverständlich können Sie das soeben Gehörte in unserem Museums-Shop als Download erwerben. Beachten Sie hierbei bitte unbedingt den Sicherheitshinweis, die Troy-MP3-Sounds nur zu Silvester und dann auch nur im Freien abzuspielen.“

„Das für Forscher Faszinierende an diesem Spiel über Trojaner war dessen spartanisches Terrainkonzept. So gab es zwei Fraktionen, die sich in dezidierten Kampfzonen miteinander bekriegen konnten. Um niemand der Kontrahenten entscheidend zu benachteiligen, wurden diese Zonen so symmetrisch wie ein Schachbrett und so steril wie ein Operationssaal gestaltet.“

„Ja, selbst die PvE-Gebiete, die einzig zum unterhaltungsarmen Hochleveln des Avatars dienten, waren auf beiden Fraktionsseiten vollkommen identisch. Wobei man sowieso nicht viel Spielraum für gestalterische Abwechslung gehabt hatte, da die Mobs brav nach Level gruppiert und in aufsteigender Reihenfolge platziert worden waren. Daher darf es nicht verwundern, dass in Fachkreisen die Meinung kursiert, die Erstellung von ‘Troy’ wäre in Wahrheit von Tierschützern finanziert worden, die damit ein binäres Mahnmal zur Brandmarkung von Massentierhaltung und industrieller Fließbandschlachtung schaffen wollten.“

Olniggs Glosse - Ausgabe 118: Troy oldline

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„Weitere Kennzeichen von ‘Troy’ waren ein Item-Shop, der das Preisniveau der Inflationsjahre 2013 bis 2015 bereits vorweggenommen hat, und so gigantische XP-Mengen zum Levelaufstieg, dass man bereits in den Release-Wochen einen doppelten XP-Boost aktivieren musste, um die teilnehmenden Spieler vor dem plötzlichen Hirntod durch Selbstabschaltung aufgrund geistiger Unterforderung zu bewahren.“

„Sie sehen, meine Damen und Herren, selbst unter den fantasielosen Spiele der damaligen Zeit war ‘Troy’ noch ein erstaunlich großer Fehlschlag. Einzig die Modeforscher unserer Generation verdanken diesem Spiel eine ungeahnte Erkenntnis. Konnten sie doch aus dem zur Verfügung stehenden Bildmaterial der Charakterentwicklung eindeutig schließen, dass die Menschen des Jahres 2011 lila- und orangefarbene Haare als sehr normal empfunden haben müssen. Die Fachwelt vermag allerdings noch nicht zu sagen, ob dies einzig giftigen Färbemitteln chinesischer Produktion oder den Auswirkungen eines Atom-GAUs aus demselben Jahr geschuldet ist.“

„Doch genug von ‚Troy‘. Dürfte ich Sie jetzt bitten, sich den Bildfolien der linken Raumseite zuzuwenden und sich somit dem wahren Highlight des Jahres 2011 zuzuwenden. Hier sehen Sie das damals teuerste MMO aller Zeiten, und wenn ich Ihnen nun erzähle, was mit diesem nach dem Release passiert ist, dann werden Sie glauben, dass Ihre Ohren seit der ‘Troy’-Hörprobe unter Fehlfunktionen leiden.“