Die diesjährige E3 hat ihr Soll mehr als erfüllt. Wenngleich Blizzard sich inzwischen die Sensationen für die eigene Hausmesse aufhebt und Bioware weiterhin um den einen wahren aller Release-Termine herumeiert, hatte wenigstens die Konkurrenz einiges an Überraschungen zu bieten.

Allen voran verblüfften vor allem die neuen äußerst perfekten 3-D-Effekte der Shooter aus dem Hause Activision und Electronic Arts. Gelang es doch deren CEOs durch ihr öffentlich ausgeführtes Gezänk über die Nachteile der jeweiligen Konkurrenzprodukte Battlefield und Call of Duty, den Krieg so realistische Züge annehmen zu lassen, als befände man sich inmitten eines blutrünstigen Kampfgeschehens. Solcherlei Reality-Güteklasse dürfte in naher Zukunft allenfalls noch den Anwälten von Bethesda und Interplay mit Fallout Online gelingen.

Etwas weniger wunderlich war die Ankündigung von Sony, den Abopreis von Station Access endlich dem Sicherheitsniveau seiner Server anzupassen. Apropos unterstes Niveau. Skyrim wird nicht von PC zu Konsole, sondern von Konsole auf PC portiert. Das bedeutet also einerseits die gewohnt unterirdische Oblivion-UI und andererseits, dass dieses Jahr für die Modder wohl die Weihnachtsferien ausfallen werden.

Olniggs Glosse - Ausgabe 115: Edreieinhalb

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Vier grüne Scheinwerfer? EU beschließt Tagfahrlicht jetzt auch für Spinnen.
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Die größte Sensation aber war die Durchtrennung der Spinnweben im Bereich Konsolenentwicklung. Nintendo präsentierte die Wii U. Obwohl das so nicht stimmt. Denn über die eigentliche Konsole konnte Nintendo genauso viel sagen wie ein Oppositioneller im iranischen Parlament.

Der zugehörige Controller jedoch durfte umso mehr Aufmerksamkeit einheimsen. Ein in das Steuergerät integrierter Bildschirm soll nicht nur der iPad-Hysterie Anerkennung zollen, sondern auch den Gamer zur Geldabstoßung veranlassen. Obwohl es schon etwas seltsam anmutet. Die Autoindustrie versucht seit Jahren, wichtige Informationen des Armaturenbretts per Head-up-Display in die Windschutzscheibe einzublenden, um des Fahrers Auge die permanente Anstrengung des Wechsels zwischen Nah- und Fernsicht zu ersparen. Nintendo hingegen geht jetzt den genau entgegengesetzten Weg des Pupillenmords.

Wozu also der Bildschirm? Haben wir Menschen uns nicht Jahrhunderte lang für das Schreiben mit der Tastatur mühsam das Zehnfingersystem angeeignet, um den Blick stets dort zu lassen, wo er hingehört? Nämlich bei der Action. Einer Action in all ihren Facetten, vom Brief bis zur Schlachtfeldsteuerung. Und wenn es zwei Tätigkeiten im Leben eines Menschen gibt, die er in absoluter Dunkelheit vornehmen kann, dann sind dies das nächtliche Wälzen im Bett von einer Seite auf die andere und die Bedienung eines Gamepads.

Wii U ist kein Fußballverein

Aber halt, der Vorteil der Wii-U-Konsole soll ja gerade der sein, dass man auf ihr Schalter und Maps einblenden kann, die bei der Konkurrenz dort nicht zu finden sind. Doch auch hier wird der Wunsch von der Wirklichkeit überrollt. Auf einer völlig glatten Glasfläche ohne hinzusehen einen Schalter betätigen zu müssen, dürfte von ähnlich viel Erfolg beschieden sein wie das Treppensteigen auf einem zugefrorenen See. Und jemand, der eine auf einem 6-Zoll-Bildschirm dargebotene Map besser erkennen kann, als wenn sie auf einem 50-Zoll-Flachbildfernseher als Fenster eingeblendet wird, der sollte sich doch schon mal gesundheitsvorsorglich in Brailleschrift üben.

Einen Quantensprung muss man Nintendo allerdings zugestehen. Wenn bisher der Papa die Sportschau, die Mama das Traumschiff und beide zusammen nackte, miteinander verknotete Körper am Fernseher beäugen wollten, dann musste der Nachwuchs bislang das Feld räumen und mit dem Spielen eine Pause einlegen. Das hat endlich ein Ende. Jetzt kann der oder die Kleine das Spiel unterbrechungslos auf dem Konsolenmonitor fortsetzen. Und die Tatsache, dass bislang 50 cm große Gegner und Gesundheitsbalken dabei auf Daumennagelgröße schrumpfen, darf als zeitgleiche Erhöhung des Schwierigkeitsgrades gewertet werden. Das macht der Wii U wirklich niemand so schnell nach.

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Die Kinect-Anbiederung aus dem Hause Crytek: … und wenn es den Spieler zu sehr ermüdet, dann kann man immer noch Lizenzen an die Weight Watchers verkaufen.
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Seltsam nur, dass Nintendos Aktienkurs nach der Ankündigung in den Keller gerutscht ist. Da muss wohl nicht nur bei dem vorliegenden Kolumnenschreiberling noch einiges an Überzeugungsarbeit geleistet werden. Oder sollte das Schweigen zur Konsole und das viele Gelaber zum Controller gar Absicht gewesen sein? Gemäß dem Motto „Wir haben eine gute und eine schlechte Nachricht für euch. Welche wollt ihr zuerst hören?“ Na, dann hoffen wir mal, dass dies nicht schon die gute war.

Ich persönlich habe jetzt auch eine Nachricht. Ob diese gut oder schlecht ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mit der heutigen Ausgabe verabschiede ich mich in die alljährliche sommerliche Kreativpause, um wie immer ein paar Ideen aufzutanken.

Im August liest man sich wieder und bis dahin wünsche ich allseits eine schöne Zeit und dass das Wetter dem Speiseeis genug Anlass zum Schmelzen geben wird.

Olnigg