Auflage, Reichweite, Einschaltquote, Page Impressions und wie sie alle heißen. Die Phallussymbole der aktuellen Medienlandschaft haben etwas gemein. Sie richten sich nur dann in schwindelerregende Höhen auf, je einmaliger, unglaubwürdiger und bizarrer die dargebotene Information ist. Kein Wunder also, dass das Schicksal stets bestrebt bleibt, immer wahnsinnigere Katastrophen zu erfinden.

Nun ist die MMO-Branche nicht gerade sehr reich an Meldungen der schockierenden Art. Ab und an kippt ein Spieler wegen übertriebenen Dauerdaddelns tot vom Stuhl oder er findet urplötzlich ein Messer in seiner Herzgegend steckend vor, weil der virtuelle Raub eines Uber-Schwerts bei seinem Mitspieler äußerst realen Widerspruch provoziert hat. Aber alles in allem sind wir Online-Spieler eigentlich sehr dürftige Sensationsverursacher.

Olniggs Glosse - Ausgabe 113: Goldene Zeiten

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4. Platz des Wettbewerbs „Sinnlosestes Foto zum Thema Gold-Farming“
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Aber wie gut, dass wir wenigstens die Gold-Farmer haben. So schaffen wir es zumindest zwei bis drei Mal im Jahr heraus aus den Fachmagazinen hin zu den Google-News und deren kuschenden Verlagszuarbeitern. Letzte Woche war es mal wieder so weit. Ein chinesischer Edelmetallbauer hatte es doch glatt gewagt, Strafgefangene zum nächtlichen World-of-Warcraft-Spiel zu zwingen.

Mal abgesehen davon, dass Amnesty International damit einen handfesten Beweis für Folter im chinesischen Strafvollzug hat und die Rechtswissenschaft jetzt ihrerseits beweisen kann, dass Blizzard Marterinstrumente herstellt, erstaunt das Medienecho dann doch etwas.

Wo ist das Außergewöhnliche, fragt man sich. Als in der Juni-Ausgabe des Jahres 2009 die Stiftung Warentest Laufschuhe und deren Herstellung zum Thema machte, da stellte sich heraus, dass ausgenommen von Adidas und Reebok allen anderen Firmen die Produktionsbedingungen mehr oder minder egal sind.

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Wobei die finanzielle Ausbeutung fernöstlicher Arbeitskräfte noch das geringere und das ungeschützte Aussetzen der Arbeiter gegenüber den Lösungsmitteldämpfen der Sohlenverklebung das kriminellere Problem darstellten. Was sind schon ein paar durchzockte Knastnächte im Gegensatz zu einer Lungenverätzung? Da müssen wir Gamer uns noch gehörig anstrengen, um da wesentlich mehr Dramatik reinzubekommen.

Keep on buying

Wer bis heute noch nicht begriffen hat, dass in China das Menschenrecht auf Gesundheit so viel zählt wie ein Katzenleben auf dem Speiseteller, der dürfte wohl schwer begreifen, dass unser Geiz und unsere Faulheit in Sachen Einkaufsquellenwahl solche Skandale überhaupt erst ermöglichen. Wenn sich jetzt der westliche Goldkäufer über den WoW-Grind-Knast scheinheilig aufregt, dann würde er in seiner Rolle als Schwein noch viel besser auf den eben erwähnten Teller passen.

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Wer in der vorliegenden Zeitungsmeldung etwas Außergewöhnliches sieht, der glaubt auch, dass Billigkleidung und Schuhe an Bäumen wachsen. So lange Puma, Nike und WoW-Gold immer noch genügend gleichgültige Käufer finden, so lange ist die Grind-Knast-Meldung nichts anderes als eine weitere unserer Wohlstandsblähungen.

Wahlweise bleibt selbstverständlich noch der Weg des Schönredens. Eine Untergruppe aus der Armee der Realitätsverleugner wird nicht müde, die Gewissensbisse mit der Aussage vertreiben zu wollen, Gold-Farming würde Arbeitsplätze schaffen, das Bruttosozialprodukt der entsprechenden Länder steigern und letztendlich die Ärmsten der Armen vor dem Hungertod retten. Gold-Farming als Lebensretter?

Mal abgesehen davon, dass 99 Prozent der Einahmen in der Tasche des Byte-Zuhälters landen, der seinerseits durch den Kauf von deutschen Luxusautos wiederum das Busenlifting hiesiger Managergattinnen ermöglicht, bin ich mir persönlich nicht ganz so sicher, was dem Chinesen lieber ist. Ob er zum Sargkonsumenten wird, weil der Hunger die Oberhand über ihn gewinnt oder weil ihm der Dauerstress einen Herzinfarkt spendiert, juckt doch nicht einmal die Hinterbliebenen.

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Darum, Spieler aus aller Welt, lasst euch nicht beirren. Solcherlei News-Meldungen sind nicht zum Denken, sondern lediglich als Auflagenstimulans gedacht. Vergesst den Inhalt und kauft weiter Ingame-Gold, damit die Finanzierung des nächsten Raids gesichert ist. Und ob dabei orkisches Spitzohren- oder chinesisches Schlitzaugenblut fließt, ist doch ganz egal, solange nicht der eigene Teppich damit eingesaut wird.