Die Box ist tot! Es lebe der Download! Wenn jetzt schon der Chef von Electronic Arts die Zukunft der Spiele ausschließlich auf digitalen Vertriebswegen wandern sieht, dann ist es allerhöchste Zeit, sich selbst sehr kritisch auf Vorurteile und Rückständigkeit hin zu überprüfen. Nicht dass man am Ende noch das Schließen des eigenen Sargs verpasst hat und draußen bleiben muss.

Ein Selbstversuch von Olnigg in drei Akten.

1. Akt - Das Anfixen

Es ist interessant, wie geteilt die Meinungen über Steam sind. Da gibt es welche wie mich, die verteufeln es von Grund auf, und da sind andere, die sehen darin eine Wagenladung an Vorteilen. Steam sei bequem, da man den Spielekauf sofort geliefert bekäme und es von sich aus für aktuelle Updates sorgt.

Man spare sich das Einlegen des Datenträgers und könne die Software, eine Deaktivierung von Steamguard vorausgesetzt, auf ganzen Serverparks installieren. Und wer Geschäftsbedingungen allenfalls als Empfehlung ansieht, der könne sogar viel Geld sparen helfen und mit der Account-Verleihung eine Menge neuer Freund gewinnen.

Eigentlich eine Vielzahl guter Argumente und ich altbackenes Fossil halte an meinem Feindbild fest. Warum eigentlich? Weil man nicht auf eine Herdplatte fassen muss, um zu wissen, dass sie heiß ist, versuche ich mir meinen Konservatismus zu rechtfertigen. Doch wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann gehören Steam und mein Ego schon längst auf den Prüfstand.

Meine Testwahl fällt auf Oblivion. Das hat zwar schon ein paar Zentimeter Staub zu ertragen, aber dafür ist es billig. 20 Euro Testkapital kann ich vor meinem Gewissen rechtfertigen. Hmm… 20 Euro? Bei der Software-Pyramide gibt es das Spiel für die Hälfte. Warum ist das so teuer? Ob der Byte-Fluss über goldene Leitungen läuft? Egal. Ich beschließe, meine Aufgeschlossenheit nicht vom Gegenwert eines üppigen Frittenbudenbesuchs torpedieren zu lassen.

Der Steam-Account ist schnell erstellt. Hierbei wird mir völlig freigestellt, ob die Kreditkarteninformationen dauerhaft abgespeichert werden. Das dürfte gerade in den heutigen Zeiten so manchen ansonsten nervös abgekauten Fingernagel am Leben erhalten. Mein DSL-Anschluss lässt beinahe ein wohliges Seufzen vernehmen, wird er doch durch die Nutzung der vollen Bandbreite endlich einmal richtig gefordert.

So dauert es nicht lange, bis auf meinem Desktop ein neues Oblivion-Icon prangt. Ich klicke es an und bin gelinde gesagt begeistert. So schnell und einfach war es noch nie, den Kontinent Tamriel zu betreten. Jetzt ist es also belegt. Ich bin ein Dinosaurier und gehöre längst unter Spitzkelle und Handpickel eines Archäologen.

2. Akt - Die Falle

Da war doch ein Spiel von Bethesda, das schon lange auf meiner To-play-Liste steht? Richtig, Fallout New Vegas. Ob ich das vielleicht auch gleich… 50 Euro?! Spinnen die oder haben die Diamanten gefrühstückt? Bei Amazon bekomme ich die Box für 25 Euro und den Österreichimport inklusive fliegenden Extremitäten und reißenden Blutbächen für ein paar Groschen mehr.

Wieso also dieser Steam-Preis auf Luxusjachtniveau? Muss ich mir da irgendwo einen teuer bezahlten Systemadministrator vorstellen, der meine Bestellung erst mühsam auf dem Download-Server platzieren muss? Oder stammen die Bytes aus natürlichem Anbau und durften sie auf Festplatten mit mindestens 2 Terabyte Auslauf aufwachsen?

Launcher Fallout

Meine Spielsucht beschließt, weitere zweieinhalb Frittenbudenbesuche durch das Abgrasen des Stadtparks zu ersetzen. Eine Spur ernüchtert beginne ich mit dem nächsten Download und auch dieser erfolgt flüssig und ohne jegliche Mühsal. Ein Klick auf das zweite Icon bringt mich zu… „Fallout Las Vegas Launcher funktioniert nicht mehr.“

Das Grübeln beginnt und die Standardprozedur läuft ab. Vom aktuellsten Grafiktreiber bis hin zur Antiviren-Software. Die üblichen Verdächtigen werden einem eingehenden Verhör unterzogen, allerdings ohne ein Geständnis hervorzubringen. Dann eben ein Blick in die Steam-Community und etwaige Mitleidende um Rat fragen. Ich gebe mein Suchwort ein. Kein Ergebnis. Mein Fehler. Ich gebe das Suchwort richtig geschrieben ein…

„Dieses Forum erwartet, dass Sie 60 Sekunden Zeit zwischen den Suchanfragen vergehen lassen“, steht da im deutschen Forum sinngemäß auf Englisch. 60 Sekunden Zeitstrafe für einen unschuldigen Tippfehler? Ich erschaudere. Was werden die erst bei einem Doppel-Posting mit mir machen? 60 Minuten Waterboarding?

Nachdem ich das Forum fluchtartig verlassen und mit dem Googlen begonnen habe, lerne ich zwar keine konkreten Lösungen, aber immerhin eine Menge neuer Flüche kennen. Also bin ich nicht der Einzige mit Problemen. Immer tiefer dringe ich in den Sumpf der Online-Opfer ein und bin fasziniert ob der Vielfalt an Steam-Ärgernissen. Nach einem der hunderttausend Tipps geschieht plötzlich das, woran ich nicht mehr geglaubt habe. Ich kann New Vegas betreten!

Unter aufatmender Erleichterung verlasse ich kurz das Spiel, um allseits Problementwarnung zu geben und mich für die Hilfe oder auch nicht zu bedanken. Danach ein letzter Klick und die verbrannte Erde kann mich endlich in Empfang nehmen… „Fallout Las Vegas Launcher funktioniert nicht mehr.“ Die Lösung war gar keine und die Fehlermeldung ist reiner Zufall. Wenn Gedanken töten könnten, dann würden alle IT-Stellenausschreibungen ab sofort ins Leere laufen.

Der Tragödie letzter Akt

Stunden später bin ich steinreich an Erfahrungen. Zuallererst weiß ich, dass ich Fallout mehrmals hintereinander starten muss in der Hoffnung, dass irgendwann einmal der Launcher anspringt. Das kann manchmal bereits beim dritten Mal geschehen und an schwärzeren Tagen auch fünf Minuten meines Lebens kosten.

In Sachen Lösungshilfe sind Bethesda und Steam übrigens absolut Wimbledon-tauglich. Weiß der eine nicht mehr weiter, dann wird der Kunde in das gegnerische Feld geschlagen, in der Hoffnung, dort dauerhaft versenkt zu werden. Wie schön doch die Welt noch war, als Produkte nur durch eine Hand gingen.

Weiterhin habe ich gelernt, dass Steam „keine Rückvergütung von online erworbenen Produkten“ gestattet, selbst wenn dessen Launcher so unausgereift ist wie ein soeben eingepflanztes Samenkorn. Was bei Amazon selbstverständliche Kulanz ist, ist bei Steam allenfalls unter Zuhilfenahme eines Bataillons von Anwälten zu erreichen.

Die wichtigste Erkenntnis ist allerdings die, dass ich endlich den EA-Chef und seine Schwärmerei für den elektronischen Spielehandel verstehen kann. Die Chance, ein Produkt für den doppelten Preis ohne jegliche Support-Leistung und Gelderstattungen an die Kundschaft zu bringen, würde ich mir an seiner Stelle ehrlich gesagt auch nicht entgehen lassen. Nur die anderen Menschen, die kein Unternehmen leiten, die müssen noch etwas länger nach Rechtfertigungsgründen für Steam suchen.