Es war ein langer aber umso erfolgreicherer Feldzug gewesen und über die erbeuteten Gold- und Machs-zu-Goldgüter hinaus hatte ich unmittelbar vor dem Ausloggen sogar noch einen neuen Level errungen. Voller Ungeduld und Tatendrang begab ich mich am Tag darauf erneut in die virtuellen Lande und fiel umgehend in gewohnter Tranchierbesessenheit über den nächstbesten Gegner her. Doch unmittelbar mit dessen unfreiwilliger Düngerumwandlung vernahm ich plötzlich ein DING!

Ein DING?! Nein, keine Sorge. Ich habe weder Wortfindungsstörungen noch ist hier von einem plötzlich einsetzenden Tinnitus die Rede. Ich spreche viel mehr von dem typischen Laut, mit dem wir Binärhelden gemeinhin von dem nächsten Level begrüßt werden.

Wenn der Level zweimal klingelt

Dem nächsten Level?! Hatte ich das nicht schon am Vortage? Und nur eine erlegte Lebensform später erklimme ich bereits eine weitere Stufe auf dem Weg zum Erfahrungszenit? Und was war das? Zeugte doch das liegende XPmeter davon, dass ich vom Aufstieg zum folgenden Level bereits schon wieder über 80 Prozent gutgemacht hatte. War das jetzt ein Bug oder hatte sich gar ein illegaler Charakterlevelservicedienstleister in der Hausnummer geirrt?

Das Rätsel war schnell gelöst. Binnen Tagesfrist hatte die Welten gebende Firma einen Patch installiert, der da die benötigte Gesamterfahrung zum allerhöchsten Level deutlich reduzierte. In dessen Folge war nach dem ersten Einloggen der aktuelle Erfahrungsstand neu berechnet und entsprechend angepasst worden. Eindreiviertel Level über Nacht! Verstört blickte ich auf den Kalender, um herauszufinden, ob denn schon wieder ein Jahr vergangen und es so weit war…Tatsächlich!

Der Winter naht mit schnellen Schritten und so wie alljährlich die Bäume ihre stimmungsvolle Blätterpracht auf des Wanderers Haupt hernieder schweben lassen, beginnen herstellerübergreifend die Onlinespiele jedes Jahr aufs Neue, ihre Wissensfüllhörner ein Stückchen weiter aufzudrehen und des Avatars Hatz zur obersten Erleuchtung in einen gemütlichen Spaziergang zu verwandeln.

Es ist mal wieder soweit. Die diversen Add-Ons stehen vor der Tür und damit selbst die Affenähnlichsten unter den Menschen die Möglichkeit erhalten, den neuen Gegenden ansichtig zu werden, muss eine neue Gondel zum alten Gipfel eingerichtet werden.

Doch wer will und wer braucht diese Art Unbehindertenhilfe eigentlich?

Als Erstes fielen mir da die Zweitcharaktere ein. Spieler also, die aus Langeweile oder Neugier eine andere Klasse antesten und dieses Tun seltsamerweise schnellstmöglichst wieder hinter sich bringen wollen. Aber besitzen jene durch ihre twinkfreudigen Gold- und Itemmassen nicht ohnehin schon den Vorteil eines wesentlich schnelleren Levelns? Warum wollen die überhaupt so schnell wieder dorthin, wo ihr Hauptchar schon alles kennen und langweilen gelernt hat? Und wenn jemand partout den Level-ICE nehmen will, dann möge man ihm doch in alter DaoC- oder neuer Todesritter-Manier gleich die niederen Regionen ersparen und den Avataraufstieg erst kurz vor dem Ende beginnen lassen. Das würde zudem einen signifikanten Rückgang von Augenschäden ermöglichen, da echte Newbies in ihren Gebieten nicht mehr dem Angebergeschreibsel unterforderter Veteranen ausgesetzt wären.

Schumileveln

Als zweiten Grund für das Leveldoping ist des Öfteren das Argument einer erschwerten Gruppenbildung zu vernehmen. Mit fortschreitendem Lebensalter der MMO-Software gestalte sich gerade in den unteren Erfahrungsgefilden die Partnersuche ähnlich mühsam wie für die Belegschaft einer Polarstation. Doch wieso die Verweildauer in der Arktis verkürzen, wenn man sich alternativ auch mit Eisbären vergnügen könnte? Das will heißen: Wieso macht man nicht die vorhandenen Gruppendungeons für Solo- und Kleingruppenspieler zugänglich und sorgt hierdurch dafür, dass einem Neueinsteiger von Anfang an Unmengen an Content zur Verfügung steht? Ganz im Gegenteil zu Lineage II, bei dem man irrsinnigerweise sogar dazu übergegangen ist, ungenutzte Newbiegebiete von Monstern zu entvölkern und bei tatsächlichen Spielneuanfängern die Frage aufzuwerfen, ob man sich verlaufen hat und versehentlich in der postatomaren Apokalypse eines imaginären Fallout Online gelandet ist?

Es mag bestimmt noch einen dritten oder vierten Grund geben, und wären die Firmen in den Ankündigungen ihrer XP-Rabattaktionen ehrlicher, dann wüsste die ganze Welt vom fünften. Nämlich um wie viel kostengünstiger es ist, einfach an der Levelschraube zu drehen, als den erneuten Levelanstieg durch regelmäßige Zonenrenovierungen abwechslungsreicher zu gestalten.

Wenn aber nicht mehr der Weg das Ziel ist und aus dem Rollenspiel eine Rennsimulation wird, dann stellt sich mir schon die Frage, inwieweit die Onlinebranche im Rahmen von Einstellungsgesprächen das Vorhandensein von Verstand als notwendige Voraussetzung ansieht? Denkt dort niemand daran, dass ein MMORPG einer steten Fluktuation unterworfen ist und bei konstanten Abonnementzahlen jeder gekündigte Account gleichzeitig einen erstmals spielenden Neuzuwachs bedeutet? Warum sollte der Newbie von heute nicht das Recht auf denselben Umfang wie der Newbie von vor vielen Jahren haben? Käme der Reiseleiter einer Stadtrundfahrt auf die Idee, dem Busfahrer Autobahntempo zu befehlen, nur weil die meisten Reisenden die Stadt bereits kennen?

Am meisten amüsiert mich jedoch die Vorstellung, was in ein paar Jahren sein wird, wenn sich die Onlineurgesteine mit dem x-ten Add-On langsam dem 200sten Maxlevel annähern. Wird dann der Neuspieler von morgen mit dem frisch erstellten Avatar seine erste Ratte erlegen und aufgrund der daraufhin einsetzenden DING-Orgie verstört in sein Schlafzimmer hetzen, um den vermeintlich aktiven Wecker auszuschalten?