Es ist immer wieder faszinierend anzusehen, mit welcher Fachkompetenz es hochqualifiziertem Ingenieurswesen gelingt, selbst die diffizilste Technik zu beherrschen. Wenngleich sich der Imperativ des Gehorsams noch nicht bei allen Atomen und Bytes herumgesprochen hat, so kann doch eine 90-prozentige Erfolgsquote bereits als zivilisatorischer Etappensieg bezeichnet werden.

In den Augen der Industrie wird des Normalbürgers Streben nach Perfektion gänzlich überbewertet. Was bedeuten schon mittelgroße Landstriche, die aufgrund der Aufsässigkeit atomarer Verfallsprozesse unbewohnbar werden, angesichts der gigantischen Größe unseres Planeten? Und wer will sich schon ernsthaft über entführte Kennwörter und Kontodaten aufregen?

Höchstens Menschen, die Angst haben müssen, dass deren selbst bei Spielen verwendete Masterpasswörter zu viel über die Nulllinie ihres Intellekts verraten könnten. Oder Konsolenspieler, deren missbrauchter Kreditrahmen so klein ist, dass er bei einem öffentlichen Bekanntwerden akut zur Erstickungsgefahr unvermittelt in Lachkrämpfen ausbrechender Banker beiträgt.

Olniggs Glosse - Ausgabe 109: Moderne Freibeuter

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Wenn die Segel achterlichen Wind haben und die Flaggen auf den Masten vom genauen Gegenteil künden, dann herrscht beim Designer geistige Windstille.
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Opfer sind zum Lernen da, denkt nicht nur die fernöstliche Wirtschaft und verlegt die Qualitätssicherung ihrer Erzeugnisse weg von der Planung hin zur nachträglichen Schadensbegrenzung. So werden im Vorfeld der Produktentwicklung Millionen eingespart und die Milliardenbeträge des sehr seltenen Katastrophenfalls belasten erst dann Gewissen und Bilanzen, wenn sie benötigt werden.

Wer aber meint, lediglich Großkonzerne würden diesen neuen Japanese Way of Life beherrschen, der irrt gewaltig. Selbst kleinere Firmen wie Koei haben die Signale der Zeit verstanden und offenbaren einen vorbildlichen Weg der Gewinnmaximierung.

Hier nahm man einen fünf Jahre alten Ladenhüter namens Uncharted Waters Online in die Hand - ein Spiel, welches bislang einzig im asiatischen Sprachraum vertrieben worden war. Normalerweise käme keine am geistigen Wohlergehen der Kundschaft halbwegs interessierte Unternehmensführung auf die Idee, nach so langer Zeit einem solchen Konzept-Oldtimer plötzlich weltweiten Auslauf zu gewähren. Doch wer so denkt, der ist in einer leitenden Position so fehl am Platz wie ein Stromausfall in einem Flugzeugcockpit. Überdurchschnittliche Gewinne entstehen eben nicht aus kalkulierter Berechnung, sondern aus rücksichtslosem Wahnsinn heraus.

Denkmeuterei

Uncharted Waters Online erhielt für seine Westweltgeburt einzig eine englische Lokalisierung, wobei für dessen Niveaubeschreibung das Wort Stummfilm eine Untertreibung wäre. Wenn zum Beispiel bei einem Quest-Text konsequent das Wort links mit rechts verwechselt wird und der Spieler nach einer Stunde verzweifelter Suche nur durch Glück den gesuchten Quest-Gegenstand findet, dann ist dies noch einer der minderschweren Momente verkorksten Übersetzertums.

Ebenso vermag die Spielmechanik ihr eigentlich gar nicht so altes Geburtsjahr 2005 sehr gut zu kaschieren, wähnt man doch den Ursprung aufgrund grenzdebiler Steuerung und konsequenter Polygonaskese vornehmlich im 20. Jahrhundert. Apropos Jahrhundert. Wenn in einem MMO, das im 15. Jahrhundert spielt, die Seekämpfe hauptsächlich durch Seeminen gewonnen werden, die erst über 200 Jahre später erfunden wurden, dann zeugt dies im Bereich des Geschichtenerzählens von einer sehr entspannten Stellenausschreibung.

Die Seeminen wirft man übrigens aus, während man ständig im Kreis segelt, um die hinterherhechelnden feindlichen NPCs in ihren reihenweisen Selbstmord fahren zu lassen. Wenigstens ist man in diesem Bereich geschichtlich akkurat, wo doch die künstliche Intelligenz im 15. Jahrhundert unbestritten noch nicht erfunden war.

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Das Blaue am Boden ist übrigens weder Schatten noch Müllsack, sondern eine Pfütze.
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Auktionshäuser gibt es nicht, stattdessen Flohmärkte mit Hundertschaften von im Weg sitzenden Händlern. Man darf gigantische Weltmeere befahren, sofern man nach Wochen die endlos grindige Freischaltung überlebt hat. Die Ingame-Hilfe ist ebenso absent wie die Denkvorgänge bei den zahlreichen Gankern.

Man könnte mit der Tatortbeschreibung von Uncharted Waters Online ewig fortfahren. Das Außergewöhnliche an diesem Spiel ist allerdings die Tatsache, dass es immer noch existiert. Der englische Ableger von Uncharted Waters Online ist nämlich bereits letztes Jahr erschienen und hätte gemäß Paragraf 1 aus dem Lehrbuch für Unterhaltung über die Nichtausbreitung gehirnzersetzenden Software-Guts schon längst pleitegehen müssen.

Trotzdem finden sich anscheinend genug Veteranen und Neuspieler, die durch reichliche Nutzung des Item-Shops den Serverbetrieb am Laufen halten. Alles in allem wie eingangs erwähnt ein weiteres vorbildliches Beispiel, wie es modernen Wirtschaftsunternehmen perfekt gelingt, die brotlose Ethik einer gewinnbringenden Frechheit unterzuordnen.

Und sollte eines Tages der Gentechnik ihr erstes Hoppala unterlaufen, dann möge man doch bitte unsere neuen lilahäutigen Mitbürger nicht als weiteres Fehlprodukt betriebsblinder Bilanzfanatiker verstehen, sondern als manifestierte Aufforderung zu mehr Toleranz. Einer Toleranz nicht nur gegenüber den neuen andersfarbigen Mitmenschen, sondern auch gegenüber hochbezahltem Führungspersonal mit seinen geringfügigen Schwächen in der Berufsausübung.