Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass die Selbstanzeige ausschließlich ein Privileg von Steuersündern wäre, die ungestraft ihre Scheinchen wieder in die staatliche Ausgabenwillkür zurückführen wollen. Eine Selbstanzeige kann jeder erstatten, selbst wenn sich die Straftat noch in der Planung befindet und das Messer noch gar nicht im Fremdkörper steckt.

Sehr geehrte Gesetzeshüter!

Ich verspüre neuerdings einen extrem kriminellen Drang in mir und weiß nicht, wie lange ich ihm noch widerstehen kann. Könntet ihr mich bitte vorsorglich einsperren, damit ich nicht meine Rolle als Gutbürger verlassen und am Ende Schaden an der Allgemeinheit anrichten werde?

Eigentlich fing alles schon vor einiger Zeit an, als die Spielehersteller damit begannen, der Software-Piraterie durch immer abstrusere Sicherheitsmaßnahmen Einhalt gebieten zu wollen. Anfangs war es lediglich der Kopierschutz legal und teuer erkaufter CDs, die sporadisch mein Laufwerk und manchmal auch das komplette Betriebssystem in den Zustand anhaltender Dienstverweigerung versetzt hatten. Meine damals aufkommende Frustration ließ sich allerdings durch einfache Mordfantasien leicht beherrschen. Den einen oder anderen Konzernboss bis zur blauen Gesichtsverfärbung würgen zu dürfen, wirkte hier wahre Beruhigungswunder.

Etwas später folgte die Entwertung meiner Einkäufe, indem ich die neuesten Spiele wegen ihrer Registrierungszwänge nicht mehr weiterveräußern konnte. Fortan war ich stolzer Eigentümer, und das auf Lebenszeit. Selbst großflächigste Tätowierungen kann man sich inzwischen wieder entfernen lassen, aber der geldgeile Handel führt den lebenslangen Zwangsbesitz ein. Um mein Seelenheil zu bewahren, bedurfte es hier bereits der ersten Serienmordpläne. In Gedanken stürmte ich ganze Chefetagen und hängte das verstaubte Führungspersonal zum Entlüften an ihren Krawatten aus den Fenstern.

Der erste Massenmordplan erwuchs in mir, als Ubisoft daran ging, für die gesamte Spielzeit eine bestehende Internetverbindung vorauszusetzen und zudem die Spielstände auf externen Servern abzuspeichern. Als dann zu Ostern letzten Jahres aufgrund Serverüberlastung die Unspielbarkeit zur primären Produkteigenschaft erhoben wurde, taugte die teure Collector’s Edition nurmehr als Brandbeschleuniger für das sommerliche Grillfest. Erstmals in meiner gedanklichen Gaunerkarriere recherchierte ich die Lage des Firmenhochhauses und den Aufwand des Pilotenscheinerwerbs für Passagierflugzeuge.

Nun werden Sie als Gesetzeshüter fragen, wo denn das Problem liege, solange meine Verbrechen rein imaginär bleiben. Zumal es ein offenes Geheimnis ist, dass selbst langjährige Ehen auf genau demselben Grundprinzip beruhen. Mein Problem heißt Skyrim. Ich lebe und atme Elder Scrolls, und wenn im November das wahr wird, was ich befürchte, dann könnte mein fiktiver Widerstand extrem handfestere Formen annehmen. Denn ich könnte in den Augen der Industrie noch etwas viel Grausameres als einen Massenmord begehen. Ich könnte zum Schwarzkopierer werden!

Vorbeugelebenslänglich

So, jetzt ist es raus und nun nehmen Sie mich endlich in Haft. Damit die Staatsanwaltschaft ein paar Beweise mehr gegen mich in der Hand hat, will ich Ihnen den Rest meines gestörten Wesens auch gleich offenbaren. Ich mag das Subversive und liebe „Anonymus“. Ich bin sogar so pervers und fand deren zeitweise Lahmlegung des Playstation Networks eine hervorragende Idee, um gegen den Machtmissbrauch und die Willkür eines Großkonzerns zu protestieren. Wenngleich ich persönlich nicht die Bytes, sondern gleich den Hypothalamus der Schuldigen lahmgelegt hätte.

Als daraufhin die Gamer-Community aufschrie mit der Begründung, Anonymus treffe mit dem Angriff auf das Playstation Network die Falschen, da verstand ich die Welt nicht mehr. Vor lauter Wut und Enttäuschung könnte ich heute noch jedem einzelnen dieser Weinerwürstchen per Bolzenschussgerät ein Ebolazäpfchen ins Herz feuern.

Warum fangt ihr Spieler mit dem Energiesparen denn ausgerechnet im Hirn an? Da wird euch einen Abend lang das Ballerspiel entzogen und schon seid ihr cold turkey. Wenn die Lokführer im Zweijahresrhythmus für pure Eigeninteressen streiken und ihr deswegen abmahnungs- und kündigungsgefährdet zu spät zur Arbeit kommt, treffen sie ja auch die Falschen, aber da seid ihr so sprachlos wie die Bahnauskunft an normalen Tagen.

Aber wehe, euch wird das Gamepad entzogen. Schon mal darüber nachgedacht, wie raffiniert und schleichend euch die Spielindustrie an die eingangs erwähnten Einschränkungen gewöhnt hat und dass ihr kuhgleich schreit, wenn ihr einmal einen Tag lang nicht gemolken werdet? Seid ihr schon so phlegmatisch, dass ihr Widerstand nur leisten könnt, wenn ihr ihn als Taste auf der Fernbedienung findet? Seit wann wird die Revolution aus der Lethargie heraus geboren? Und wie um alles in der Welt schafft ihr es, euch hinter eurem eigenen eingezogenen Schwanz auch noch zu verstecken?

Sehen Sie, liebe Gesetzeshüter, da war es schon wieder, und sogar zwei ganze Absätze lang. Dieses Aufbegehren in mir. Dieser Drang nach zivilem Ungehorsam. Dieses Streben, um der aggressiven Ohnmacht ein handfestes Ventil zu verschaffen und es den Mächtigen und Ungerechten dieser Welt endlich heimzuzahlen. Darum bitte ich Sie eindringlich darum, aus mir wieder ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu machen. Senden Sie mir bitte umgehend ein halbes Dutzend Abmahnungen zu, um mich finanziell zu ruinieren. Oder lassen Sie mich wenigstens wissen, bei welcher Kinderdemo ich mich einzufinden habe, um mal wieder mit dem Gummiknüppel so richtig durchgeprügelt zu werden.

Ich hoffe also inständig, dass es Ihnen sehr bald gelingen wird, mich wieder auf den Pfad der Tugend zurückzuführen und zu einem guten und vorbildlichen Mitbürger wie all die Politiker und CEOs zu machen. Wenn Ihnen das nicht gelingt, dann steht zu befürchten, dass ich mein für Software geplantes Geld behalten werde und mir plötzlich bewusst wird, dass Robin Hood alles andere als unsympathisch war.

gez. Olnig.
(Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt und bleibt auf Wunsch des Autors anonym.)