Vor weniger als 100 Jahren hätte unsere Bundeskanzlerin nicht wählen dürfen, ganz zu schweigen von sich selbst. Noch bis zum Jahre 1969 wäre der Außenminister für das Ausleben seiner Sexualität mit einer Strafverfolgung belohnt worden. Und wie langwierig für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe der Weg vom Baumwollpflücker bis zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewesen ist, mag sogar die eigene Erinnerung mitbekommen haben.

Einleitung

Es heißt, Wandel brauche seine Zeit. Rückblickend betrachtet sind diese Zeiträume allerdings so erschreckend gering, dass man oft befürchten muss, im Stammbaum der eigenen Väter und Großväter noch so manches Tier zu entdecken.

Das Fatale an jedem Wandel ist dessen Abruptheit. Meist geschieht er so schlagartig wie ein Erdbeben, bei dem sich zwei ineinander verkeilte tektonische Platten mit einem plötzlichen Ruck Entspannung verschaffen müssen. Die Geschichtsschreibung ist mit solcherart Erschütterungen geradezu gepflastert. Angefangen von den Franzmännern, die sich mit dem Sturm auf die Bastille und anschließender Guillotineanwendung reihenweise davon überzeugten, dass adliges Blut in Wirklichkeit überhaupt nicht blau ist. Einem Herrn Gorbatschow haben wir nicht nur den Solidaritätszuschlag, sondern weiter östlich noch viel mehr zu verdanken. Selbst bis in das Heute hinein geschehen die Umbrüche überfallartig. So müssen derzeit die nordafrikanischen Despoten bei dem Neuabschluss einer Lebensversicherung mit exorbitant hohen Risikozuschlägen rechnen.

Aber warum ist der Wandel stets so extrem? Die alten Säcke sind schuld. Wo immer jemand den biologischen Zellverfall durch Starrsinn und Ungerechtigkeit aufzuhalten versucht, steht die Revolution in den Startlöchern. Ein vergreisender Wissenschaftler, der bis zur Rente unverändert dieselben Thesen lehrt, der findet allerhöchstens als Stand-up-Comedian Zuspruch. Ein Politiker, der Macht über seinen Demenzbeginn hinaus innehat, der provoziert geradezu den Gesetzesbruch. Wer Bescheidenheit an die Jüngeren abschiebt und Selbstkritik als mit grauen Haaren unvereinbar ansieht, der ist in seiner obersten Körperregion schon lange begräbnisbereit.

Umso angenehmer, wenn man unter den geistigen Mumien die Ausnahme der Regel findet. Wenn sich zum Beispiel ein ehemaliger Shooter-Hetzer hat bekehren lassen und er den Nachschub für seinen Scheiterhaufen fortan woanders sucht.

Völlig überraschend ließ das kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen durch seinen obersten Computerspiel Inquisitor Professor Pfeiffer Mitte Januar in einem Spiegel-Online-Interview verkünden, dass Amokläufe nicht durch Computerspiele entstehen. Weiter führte dieser aus, man gehe (Zitat) „jedes Mal reflexartig auf Computerspiele als Hauptursache ein, was schlicht nicht stimmt und durch ständige Wiederholung nicht richtiger wird.“

Abpfiff

„WOW“, möchte man angesichts solch rigorosen Gesinnungswandels verblüfft ausrufen und „WoW“ ruft auch Pfeiffer, wenn er das Ergebnis seiner Suche nach dem nächsten Sündenbock präsentiert. Onlinespielsucht heißt der neue Erbfeind und „Mindestkonsumalter 18“ das geforderte Allheilmittel. Um den Zufluss an Forschungsdrittmitteln nicht versiegen zu lassen, wird also zukünftig nicht mehr der Anblick von Blut und Gedärmen als geistmordend verunglimpft, sondern eine überdurchschnittlich hohe Zeitinvestition in das Onlineleben. Doch während Fernsehzuschauer und Hobbymodellbauer auch weiterhin allabendlich vier oder mehr Stunden ihres Lebens verschwenden dürfen, sind wir Onliner bei einem solchen Zeitmaß bereits potenziell krank.

Vier Stunden WoW gefährlicher als vier Stunden TV? Im Dschungelcamp gereichen Mobbing und asoziales Verhalten zum Quotensieg. In der Samstagabendshow wird neuerdings der Wettverlust in Form eines Genickbruchs eingefordert. Und in den ewig gleichen Talkshows lernt der Zuschauer die Politiker nicht nach deren Parteiprogrammen zu unterscheiden, sondern nach der Gewandtheit ihrer Ausreden. So gesehen mag das Fernsehen in Sachen Lebensvorbereitung zwar tatsächlich ungeschlagen sein. Es stellt sich nur die Frage, ob ein G8-Heranwachsender kein Anrecht auf Freizeit und Entspannung hat und er zusätzliche vier Stunden am Tag lernen soll? Muss denn der ohnehin kümmerliche Rest der Kindheit auch noch auf dem Altar der Leistungsgesellschaft geopfert werden?

Nicht, dass hier in Abrede gestellt werden soll, dass Onlinesucht existiert. Aber eine Epidemie herbeizureden nur um des Schockierens willen, erscheint fast schon ebenso kriminell wie unlängst, als sich die Pharmakonzerne mit der Schweinegrippenpanik den Umsatz gesund impften. Also entweder fordert man um der Suchteingrenzung willen zukünftig auch das Fernsehen ab 18 oder die verkalkungsgefährdete Wissenschaft gibt sich ein zweites Mal einen Ruck und versucht ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit anzupassen.

Obwohl das eigentlich nicht notwendig ist, da gerade die Realitätsfremden unter den Gutachtern sich mit einem Gegner der unschlagbaren Art abzufinden haben. Sind doch gerade sie seit jeher die Ersten, die aufgrund ihres nahenden natürlichen Verfallsdatums bitter zu erfahren haben, dass der Deckel auf Sarg oder Urne die Verbreitung ihrer unsäglichen Thesen am nachdrücklichsten verhindern wird.

Eigentlich schade, wo sie doch ihr Erbe aus Hohn und Spott mit etwas mehr Realitätssinn in Respekt und Vorbild hätten verwandeln können. Denn wer wahre wissenschaftliche Unsterblichkeit erlangen will, bei dem ist es nicht mit der Einsicht getan, dass die Erde keine Scheibe ist. Er sollte zudem die Behauptung unterlassen, dass sie stattdessen ein Würfel ist.