Beginnt man etwas Neues, dann stellt sich der Einstieg in die Materie stets als zäh und mühsam heraus. Dies trifft allerdings nicht zu, wenn man bereits Bestehendes lediglich in anderer Form und an anderer Stelle fortsetzt.

Zu meiner Erleichterung ist Letzteres der Fall und es ist mir eine Freude die andernorten begonnene Olnigg-Soap namens Kolumne hier und heute fortsetzen zu dürfen. Selbstverständlich will ich vorab für alle neu Hinzugekommenen kurz zusammenfassen, was bisher geschah…

Der Olnigg – das, was ich bin - hatte sich in der letzten Folge vor der Sommerpause ein wenig über die zum Teil recht befremdlich wirkenden Spielrezensionen so mancher Printmagazine gewundert und den gewagten Verdacht geäußert, hier könnte ein Interessenkonflikt zwischen Werbung schaltenden Spieleentwicklern und auf Nachrichtennachschub wartenden Redakteuren existieren.

Untermauert wurde dies mit der regelmäßigen Beobachtung, dass die jeweilige jubilierende Vorberichterstattung und selbst erlittene Beta-Inhalte mitunter so weit auseinanderklafften wie die Kiefer eines unmittelbar vor der Beuteeinbringung stehenden Krokodils.

Obwohl in dieser These keinerlei konkrete Namen genannt worden waren, beschloss daraufhin Olniggs ehemaliges Geld- und Ortgeberumfeld sich erstens diesen Schuh anzuziehen und zweitens damit nach ihm zu treten. Und während sich das tapfere Olnigglein noch darüber wunderte, dass das Wort Maulkorb eigentlich überhaupt nichts mit einem transportierten Beißwerkzeug zu tun hat, da fuhr vom Himmel herab ein gleißendes Licht und sprach: „Ich bin gamona und wenn du willst, dann kannst du zukünftig über mich herfallen.“

Die anzeigende Abteilung

Da stehe ich also nun sitzenderweise vor meiner Tastatur und kann endlich den zweiten Teil meiner gar wunderlichen Geschichte aus der Welt der gedruckten Mär von Pre- und Reviews auf die zum Teil willig zuhörende Menschheit loslassen. Dieses Mal will ich das verlagsinterne Augenmerk weg von der schreibenden und hin zu einer nicht minder Kasse machenden Kostenstelle lenken: die Anzeigenabteilung.

Die Anzeigenabteilung ist der Bereich im Verlagswesen, der dem redaktionellen Teil stets eine solche Suppe einbrockt, die auszulöffeln der Trockenlegung eines Ozeans entspricht. Ein Beispiel: Würde ein Chefredakteur beschließen, das Spiel XY aufgrund seines an Wüstensand erinnernden Contents einem Verriss anheimfallen zu lassen, dann kann man absolut sicher sein, dass der Hersteller von XY gerade dabei ist, eine Geldschwemme bringende Werbedoppelseite mit den Worten zu buchen: „Ihr werdet doch lieb zu uns sein, oder?“

Jetzt verbleiben der Anzeigenabteilung zwei Möglichkeiten der Reaktion. Entweder antwortet sie: „Kein Problem. Unser Chefredakteur wurde genau deshalb eingestellt, weil ihm seinerzeit der Betriebsarzt ein Rückgrat aus vulkanisiertem Kautschuk attestiert hatte.“ Oder aber die alternative Antwort „Zu Ihnen schon, aber nicht zu Ihren Produkten“ sorgt fortan für eine etwas niedrigere Kommunikations- und Zahlungsmitteltransferfrequenz. Wobei Reaktion Nummer Zwei dem realistischen Durchschnittskapitalisten von Heute undenkbar erscheinen dürfte.

Ist eine Anzeigenabteilung, die den benachbarten Redaktionsräumen inklusive dem denkenden Inventar den Rücken vor einflussgeilen Community Managern und cholerisch auftretenden Geschäftsführern frei hält, wirklich so undenkbar?

Das Zauberwort heißt Phlegmaüberwindung: Anzeigenabteilungen, die ihren Hintern nur zur Nahrungsaufnahme und deren Ableitung von den Stühlen erheben und ansonsten den ganzen Tag auf die eingehenden Anrufe der Stammkundschaft warten, sind der Tod einer jeden unabhängigen Berichterstattung. Wieso treiben sie ihre Umsätze nur immer wieder in die Abhängigkeit der paar großen Spieledistributoren, wo doch da draußen seit dem Niedergang der Fernsehreichweiten Unmengen an zahlungsbereiten Klein- und Großunternehmen neue Wege der Produktpräsentation suchen?

Frag doch mal die Geizgeilen

Erfüllen doch die Gamemagazine mit der Altersstruktur ihrer Leser nahezu perfekt die berühmt-berüchtigte werberelevante Zielgruppe zwischen 14 bis 49 Jahren. Vom klassischen Burgerkonsumenten und Colatrinker bis hin zum späteren Anzugträger und Neuwagenkäufer findet man all das, was auch zu einer Fernsehzeitschrift greift.

Wie einfach könnte man neue Werbung erschließen, die einerseits genau den spielenden Leser anspricht und andererseits überhaupt keinen Interessenkonflikt provoziert, da sie so wenig Einfluss auf den Inhalt wie eine PKW-Vollbremsung auf die Geschwindigkeit der Erdumdrehung nehmen würde.

Man könnte sogar noch einen Schritt weiter gehen und eine produktspezifischere Kundenansprache konstruieren. Werbung von Hardwareherstellern ist ja bereits jetzt schon ein Anfang des Umdenkens. Mit etwas mehr Fantasie in der Verkaufsstrategie ließen sich aber völlig neue Korrelationen knüpfen.

Der bundesweit tätige Pizzaheimservice oder der Sitzergonomie perfektionierende Möbelfabrikant wären doch ebenso ausgezeichnete Advertisingpartner. Weshalb nicht die Lebensmittelindustrie gewinnen und vom wach haltenden Energydrink bis hin zum in Sekundenschnelle zuzubereitenden Fertiggericht des Onlinespielers Kaufverlangen in Richtung Realzeiteinsparung lenken?

Chemiekonzerne verzeichnen einen Rückgang ihrer chemischen Endprodukte? Muss ich hier noch groß den Lösungsweg aufzeichnen? Aufputschmittel für den Gamer und Schlafmittel für den Lebenspartner sind doch eine Selbstverständlichkeit. Und wem das zu wenig vorbildlich erscheint, dem sei der perfekte Absatzmarkt für Deodorants gepriesen, wenn sich Gestanksreduktion nicht mehr durch umständliche Körperwäsche sondern mit zweifachem Knopfdruck erreichen lässt.

Hier gebe ich euch den Rest

Ja selbst der Erotikversandhandel könnte eingebunden werden. Wenn abends die durch den Türspalt lugende Mutti ihren Sprössling unter der Bettdecke vermutet, dann kann eine platzhalterisch eingesetzte Gummipuppe den kurzen Balkonabseilungsakt mit folgendem Besuch im nahe gelegenen Internetcafé die nächsten Level garantieren.

Und wieso müssen es eigentlich immer ganzseitige Anzeigen sein? Der Klein- und Mittelstand wäre froh um jedes kostengünstige Werbeumfeld. Würde der portable Bewegungsmelder auf Infrarotbasis nicht perfekt zu einem Arbeitnehmer passen, der bei seinen Spielsessions rechtzeitig vor dem im Bürogang auftauchenden Vorgesetzten gewarnt sein will?

Oder könnte die ursprünglich für Menschen mit Inkontinenzproblemen gedachte wasserdichte Unterwäsche nicht bei Raids für neue Zeitrekorde sorgen? Und es soll mir keiner erzählen, dass er sich noch niemals gewünscht hätte, die mühsame Schlepperei zur Auffüllung des Kühlschranks durch den Zukauf von wesentlich Platz sparenderer Weltraumnahrung zu ersetzen?

Also werte Werbeannehmende, meine Verbesserungsvorschläge an euch kennt ihr jetzt. Einem Verlag geht es nur dann gut, wenn alle an einem Strang ziehen und nicht wenn dieser Strang in Wirklichkeit ein Galgen ist, an dem der Chefredakteur baumelt, weil er sein Berufsethos nicht mehr mit einem Blick in den Spiegel in Einklang bringen konnte. Sucht euch andere Werbepartner, dann klappt’s auch mit der Ehrlichkeit.