So schnell wir uns über Auflagen steigernde Bilder von blutigen Desastern echauffieren mögen und so gerne wir den dafür verantwortlichen Paparazzi auch die Kameras in deren Zäpfchenlandeplatz treiben würden, so bleibt stets ein Widerspruch. Den Blick von derartigem Bildmaterial abzuwenden, fällt mit dem Grad der Exklusivität immer schwerer. Ist das Motiv gar einzigartig, dann bleibt unserer Moral nichts anderes übrig, als der Scheinheiligkeit die bedingungslose Kapitulation anzubieten.

Was der Sensationsreporter für die Nachrichten ist, ist der Leaker für die Games. Nicht selten haben beide das Zurschaustellen von Katastrophen und im Falle von Shootern obendrein den Anblick offener Gedärme gemein. Doch beide Gattungen müssen sich in Ausübung ihrer Tätigkeit einer Menge natürlicher Feinde erwehren. Bei den einen sind es vor die Linsen gehaltene Tücher, zu früh gerettete Unfallopfer und nicht zuletzt Massen von Amateuren, die in ihrer Rolle als Ersthelfer heutzutage selbst mit einem simplen Handyfoto üppigen Tragödienlohn einzustreichen vermögen.

Auf der Seite der Leaker gibt es eigentlich nur einen Feind, und der heißt Electronic Arts. Was diese Firma im Rahmen des „The Old Republic“-Beta-Tests wieder aus dem Internet zu entfernen imstande ist, nimmt erstaunliche Ausmaße an. Gestern noch bei YouTube und heute läuft der Link bereits ins Leere. Allzu oft stellt sich die Frage, ob das Video, das man nicht mehr wiederfindet, Alzheimer oder EA geschuldet ist. Diese Firma muss ganze Etagen mit dem Aufspüren entlaufener Informationen beschäftigen. Es ist wesentlich unwahrscheinlicher, auch nur einer einzigen Sekunde unautorisierter Information über TOR zu begegnen, als dass die USA einem Chinesen einen Stealth-Bomber zum Probeflug vors Haus stellen.

Doch niemand ist perfekt. So wie sich der Chirurg auf der Heimfahrt plötzlich siedend heiß die Frage stellt, ob er vor der Operation mit der Teilresektion eines Lungenflügels das Röntgenbild nicht aus Versehen spiegelverkehrt aufgehängt hat, übersehen die TOR'schen Gralshüter so manch perfekt gemachte und doch geleakte Infoperle, weil sie diese der eigenen Marketingabteilung zuschreiben. Von den unentdeckten Angeboten auf unbekannteren Videoportalen und den üblichen Verdächtigen aus dem Verteilerbereich der Raubkopiequellen ganz zu schweigen. Die EA Silence Task Force bleibt am Ende so zahnlos wie ein Regenwurm und diese Ressourcen wären wohl besser in die europäischen Beta-Serverparks investiert worden.

Kämpft man sich sehenderweise durch all das geleakte TOR-Material, so wird das Geschehen noch viel bizarrer. Denn das, was da zu sehen ist, muss sich wahrlich nicht verstecken.

Natürlich mit Ausnahmen. So drohen zum Beispiel die schlauchartigen Newbie-Gebiete mit ihrem nicht gerade üppigen Mobangebot zum Release selbst einen Urlaubsstau in den Schatten zu stellen, der entstünde, wenn alle Bundesländer gleichzeitig Ferienbeginn hätten. Darum also die Möglichkeit von Instanzen und tröpfchenhaft dosiertem vorzeitigen Spielzugang. Darüber hinaus kann die levelgesteuerte Quest-Führung von Planet zu Planet auch nicht gerade Biowares langjährige Firmenphilosophie vom unmündigen Spieler leugnen. Und beim Klassendesign werden die Jammerlappen dieser Welt noch viel Freude zur Entfaltung entwickeln. Doch ob nun ein überstarker Bounty Hunter mit seinem Auto-Heal-Pet oder ein dröger Agent mit seinem portablen Schild, das sich ähnlich mühsam handhaben lässt wie der Auf- und Abbau eines Camping-Zelts, tatsächlich Gründe für einen Nichtkauf sind, darf bezweifelt werden.

Olniggs Glosse - All You Need is Leak

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Hier haben nicht nur die Gleiter, sondern auch die Menschen ordentlich getankt.
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Auf der Habenseite hingegen weiß TOR jetzt schon durch handwerkliche Perfektion und eine Fülle an Möglichkeiten zu punkten. Jeder Planet ist sehr individuell und stimmungsvoll in Szene gesetzt und sowohl Quests als auch Mobs sind thematisch äußerst harmonisch eingebunden. Rüstungsteile und andere Items gibt es so zahlreich wie Gnomknochen im ogerschen Mülleimer. Crafting ist so autark wie meilenweit von einer reinen Alibifunktion entfernt. Und selbst die ausschließlich aus handgemalten Wasserfarbtexturen bestehende Grafik mag bei höchster Detailstufe die Erinnerungen an den eigenen Schulunterricht im Fach Zeichnen fast vollständig zu verdrängen.

Für mich persönlich entsteht aus der Fülle des gesichteten Materials bis jetzt der Eindruck, dass, sofern man eine kindgerechte Spielmechanik schätzt, ein TOR-Kauf ausgezeichnete Unterhaltung zur Folge haben kann. Nichts revolutionär Neues, aber Software auf höchstem Niveau. Zumindest bis zum Endgame, von dem Leaker und Zaungäste momentan gleichermaßen ferngehalten werden. Umso erstaunlicher ist EAs Hexenjagd auf abfilmende Plaudertaschen. Denkt man an die Gamescom und Biowares dortige Informationsarmut zurück, lässt man die letzten öden Freitags-Updates Revue passieren und führt man sich das Chaos um den europäischen Beta-Start vor Augen, dann gelangt man zu einem gar wunderlichen Schluss. Derzeit machen vertragsbrüchig gewordene Leaker weit bessere Werbung für das Spiel als die bei EA angestellten Fachkräfte.

Liebe Leute bei EA, darum sei euch von hier aus Folgendes ins Gästebuch geschrieben. Wenn ihr schon die offene Beta verweigert und ihr darüber hinaus eine so eingeschränkte Informationspolitik führt, dass selbst ein Herr Honecker in seinem Grab noch eine Erektion bekommt, dann müsst ihr euch aber auch nicht wundern, wenn nach dem Release die Abozahlen einbrechen sollten. Wohlgemerkt würde dies nicht deswegen geschehen, weil euer Produkt schlecht ist, sondern weil Geschmäcker eben verschieden sind und ihr viel zu viel Leute dazu zwingt, die Katze im Sack zu kaufen.

Obwohl die Sache mit der Informationssuche im Untergrund einen gravierenden Nachteil dann doch hat. Bei meiner Jagd nach NDA-Bruch bin ich glatt über einen einstündigen Diablo-III-Stream gestolpert und jetzt stecke ich mittendrin im Dilemma mit der langfristigen Spielplanung. TOR oder D3? Leaks haben also doch nicht nur ihr Gutes.