„ACTA ad acta“ liest man derzeit überall. Wobei eigentlich ein „ACTA ad anus“ noch viel trefflicher formuliert wäre. Doch soll dies nicht der Platz für weitere Schelte sein. Ganz im Gegenteil. Es ist höchste Zeit der darbenden Unterhaltungsindustrie unter die Arme zu greifen und sogar mehr als moralische Unterstützung zu leisten.

Sind wir doch einmal ehrlich zu uns selbst. Mal angenommen, wir würden unseren Urlaub jahrzehntelang in der Karibik verbringen und plötzlich würde man von uns verlangen, stattdessen die Ferien unter einer Autobahnbrücke zu verleben, dann wäre das Wort Freude bestimmt der allerletzte Gast, den wir in unsere Gedanken einladen würden. Obwohl also seit Anbeginn der Menschheit das ungeschriebene Gesetz gilt, dass Verzicht einzig ein Privileg der Unterprivilegierten ist, wollen die üblichen subversiven Elemente tatsächlich die jahrelange Lobbyarbeit von Plattenfirmen, Filmindustrie und GEMA untergraben und deren goldene Bürotürme zum Einsturz bringen.

Raubkopierer heißen die Kommunisten von heute, die immer wieder aufs Neue jeden Versuch des Vernichtungskrieges überstehen. Massenabmahnungen, Gesetzesänderungen, Stoppschilder und selbst Werbespots prallen an ihnen ab wie das Finanzamt an Firmenbossen. Raubkopierer sind daran schuld, dass die bedürftigen Konzerne und Vertriebshändler neuen Künstlern die Tantiemenprozente gnadenlos kürzen müssen, um die eigenen zehnstelligen Firmengewinne gerade noch so retten zu können. Und Raubkopierer werden dafür verantwortlich sein, wenn eines Tages die Künstler den Unternehmen Geld geben müssen, damit Großkonzerne an der Kunst noch etwas verdienen können.

Deswegen gehören Raubkopierer ausgerottet. Nur wie? Man mag es zwar als Teilerfolg werten, wenn medienwirksam ein Herr Schmitz in eine, oder wahrscheinlich zwei, Einzelzellen eingesperrt wird, doch kommt man damit dem monetären Endsieg nicht entscheidend näher. Zu groß ist das Internet und zu erfindungsreich deren Nutzer. Wie soll eine Hasenarmee der vielen Igel Herr werden, wenn diese über bessere Fertigkeiten verfügen? Glaubt man in den Entscheideretagen allen Ernstes, stocksteife Anwälte und Richter wären flexiblen Programmierern überlegen? Wollen alte Paragrafensäcke tatsächlich gegen junge Kreativhirne antreten? Dieser Krieg ist so aussichtslos wie der Plan einer luxemburgischen Weltherrschaft.

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Die einzig wirklich effektive Lösung sieht ganz anders aus. Die Welt braucht kein ACTA, sondern ein IGEZ. IGEZ ist die Abkürzung für Internet-GEZ. Denn in Sachen Effektivität und Lobbyarbeit macht der GEZ niemand etwas vor. Ist es denen doch sogar mit der ab 2013 erfolgenden Einführung der GEZ-Zwangspauschale gelungen, für einen unendlichen Geldzufluss zu sorgen. Man führe sich das vor Augen. Die Unterhaltungsindustrie muss sich jeden Cent für anspruchsvolle Kino- uns Musikkost mühsam einklagen und das öffentlich-grässliche Fernsehen mit seinen 71 vollnarkotisierenden Musikantenstadln und 462 Gehirn garenden Kochsendungen schwimmt in Goldbarren.

Wer den Menschen wirklich Geld aus der Tasche ziehen will, der muss bei der GEZ Nachhilfestunden nehmen. Time Warner und Disney wären gut beraten, endlich von den Profis zu lernen. Es sei denn, sie wollen sich weiterhin mit ihren lächerlichen Milliardengewinnen zufriedengeben. Zur Billion hingegen braucht es weit innovativere Ideen.

Wie nun konkret vorgehen? Zuerst beschränke man alle Aktivitäten auf die wohlhabenden Industrienationen. In Dritte-Welt-Ländern ist der Film- und Musikgenuss zukünftig vollkommen kostenlos. Das spart einerseits teure Anwälte, die für das Eintreiben der Schadensersatzbeträge allzu oft unverhältnismäßig hohe Reisekosten abrechnen, weil sie sich regelmäßig in den unbeschilderten Slums verfahren. Andrerseits könnten dortige Krankenhäuser endlich ihre überfüllten Wartezimmer mit beruhigendem Liedgut beschallen, damit an Krebs erkrankte IT-Industriearbeiter vom Grübeln darüber abgehalten werden, ob ihr Leiden in irgendeinem Zusammenhang mit den fehlenden Sicherheitsvorkehrungen des westlichen Arbeitgebers zu tun hat.

In den Erste-Klasse-Ländern jedoch gründe man umgehend sogenannte Internet-Gremien. Diese sind mit pensionierten Politikern, freischaffenden Aufsichtsratsmitgliedern und einem ehemaligen Präsidenten zu besetzen. Die hierfür reichlich gewährten Vergütungen sollten dem Wahlvolk als erster deutlicher Schritt auf dem Weg weg vom Niedriglohnland erklärt werden. Nach einer angemessenen Wartefrist hat das Internet-Gremium dann herauszufinden, dass die Erhebung einer Pauschale der einzige Weg zur Abwendung einer drohenden Medienrezession ist. In der Begründung müssen auf jeden Fall Wörter wie „gerecht“, „Freiheit“, „alternativlos“ und „Arbeitsplatzsicherung“ enthalten sein.

Die Höhe der neuen monatlichen Internet-Pauschale sollte sich nach den Fernsehgebühren richten. Gemäß dem vorab geschilderten Qualitätsgefälle zwischen Fernsehen und Onlinemedien kann der Faktor Zehn als gut begründbar angesehen werden. Bei der Verteilung der Einnahmen sollte größtmögliche Rücksichtnahme auf alle Künstlerbranchen genommen werden. So dürfen hierbei vor allem Kolumnenschreiber nicht übersehen werden.