Mit einem ohrenbetäubenden Knall schlägt zu meiner Linken ein Molotow-Cocktail ein. In Sekundenschnelle steht ein getroffener Schrank in hellen Flammen. "Glück gehabt", denke ich und schicke einen dankbaren Blick gen Himmel. Jedoch bleibt keine Zeit zum Verschnaufen. Dieses Mal kündigt sich das Chaos rechts hinter mir an. Unter lautem Wutgeheul stürmt eine Besucherhorde mit blutunterlaufenen Augen auf mich zu.

Gerade noch rechtzeitig eilt das Sicherheitspersonal herbei, schiebt sich zwischen die Demonstranten und sorgt unter Einsatz von Elektroschockern und Tränengas für zeitweilige Ruhe. Nachdem ich das schwere Sicherheitstor passiert habe und dieses mit einem satten Laut ins Schloss gefallen ist, atme ich auf. Langsam beruhigt sich mein Pulsschlag und selbst mein malträtiertes Auge beginnt wieder, mehr als nur Konturen zu sehen. Der Ziel verfehlende Schlagstockeinsatz eines übereifrigen Messeordners scheint also ohne bleibende Folgen geblieben zu sein.

Mit der zurückkehrenden Sehschärfe erkenne ich Herrn Wilkson, der sich geradewegs auf mich zubewegt. "Sind Sie, Herr Olnigg?", erkundigt er sich. "Ja", antworte ich, "oder zumindest das, was von mir noch übrig ist." Er lacht kurz auf und flucht: "Keine Sorge, hinter unserer Standmauer können Ihnen diese frustrierten Europäer nicht mehr gefährlich werden." Ich korrigiere ihn: "Da waren auch eine Menge Asiaten dabei." Die Augen von Wilkson weiten sich wahrnehmbar. "Asien nun auch noch? Verdammt! Jetzt haben wir den Zweifrontenkrieg, den wir nie haben wollten." Ungerührt stelle ich mein Diktiergerät auf den Messetisch und beginne mit dem Interview.

Olnigg: Herr Wilkson, erinnern Sie sich daran, wann Sie zum letzten Mal einen E3-Messestand von der Heimatgarde sichern lassen mussten?

Wilkson: So ungewöhnlich ist das nicht. Ich erinnere nur an den Release von Diablo 2 und World of Warcraft. Unsere Kunden vergessen bloß allzu schnell wieder, dass wir von Blizzard seit Jahrzehnten eine kampferprobte Truppe sind. Solange die Kundschaft keine nuklearen Waffen einsetzt, haben wir alles im Griff.

Olnigg: Wie konnte es denn überhaupt zu so einer Eskalation kommen? In Sachen Serverkapazitäten müssten Sie doch über reichlich Erfahrung verfügen und solche Desaster wie mit den Login-Servern sollten eigentlich längst der Vergangenheit angehören.

Wilkson: Es zählt nicht Erfahrung, sondern Etat. Wozu teure Hardware anschaffen, wo der große Ansturm ohnehin verfliegt, sobald die ersten das Spiel mangels Langzeitmotivation wieder verlassen. Außerdem kann man in Zeiten umfassender Arbeitslosigkeit bereits für einstellige Stundenlöhne Massen an Sicherheitspersonal anmieten.

Olnigg: Aber ist das nicht strategisch zu kurz gedacht? Damit wird Diablo 4 doch heute schon zum Ladenhüter vorprogrammiert.

Wilkson: Die menschliche Vergesslichkeit ist sowohl der Samen für Inkonsequenz als auch für langfristigen Gewinnzuwachs.

Olnigg: Und die aktuellen Verkäufe? Brechen die nicht ein?

Wilkson: Bei Offlinespielen werden 80 Prozent der Umsätze im Vorverkauf und mit dem Release getätigt. Nachträglich einbrechende Verkaufszahlen empfinde ich deshalb weniger beängstigend als einen Marienkäfer auf dem Kriegspfad.

Olnigg: Erklärt das auch die Differenzen bei den Endverkaufspreisen? In dem Battle.Net-Shop zahlt man für den Download von Diablo stolze 60 Euro. Für die Box-Version bei Amazon fallen 10 Euro weniger an. Wie können wegfallende Material- und Transportkosten für einen derartigen Aufpreis sorgen?

Wilkson: Amazon hat den entscheidenden Wettbewerbsvorteil, dass sie nicht um ihren Firmensitz Kilometer an Stacheldraht und reichlich Tretminen verlegen müssen.

Olnigg: Die Lebenserwartung der Führungskräfte lässt sich doch wesentlich leichter steigern. Wieso den finanziellen Mehraufwand nicht gleich in die Qualitätssicherung investieren?

Wilkson: Sie unterschätzen unsere Innovationsbereitschaft. Gerade im Bereich Kundensupport haben wir völlig neue Maßstäbe gesetzt.

Olnigg: Neue Maßstäbe in Sachen Suizid-Wahrscheinlichkeit des Kunden?

Wilkson: Ganz im Gegenteil. Ist Ihnen denn nicht aufgefallen, dass als eine der häufigsten Fehlernummern die Zahl 37 genannt wird?

Olnigg: Wie könnte ich diese Ziffer vergessen, wo sie sich mir nächtelang in die Netzhaut eingebrannt hat?

Wilkson: Sehen Sie, das ist der Beweis. Bei unseren innovationsfeindlichen Konkurrenten wird immer noch mit altertümlichen 4- oder gar 6-stelligen Fehlercodes gearbeitet. Wir bei Blizzard hingegen bieten dem Fortschritt Platz zur Entfaltung. Alleine durch die Halbierung der Länge unserer Fehlernummern kann unser Kundensupport deren Übermittlungszeit um 50 Prozent senken.

Olnigg: Sie scherzen?

Wilkson: Nur wenn es um Produktankündigungen geht, sonst nie. Durch die Halbierung der Fehlercodes kann der Hilfe suchende Konsument das Abfassen seiner E-Mail oder den Serviceanruf wesentlich kürzer gestalten und sich danach seinen wirklichen Hobbys zuwenden. Warten Sie erst einmal ab, wie komfortabel unsere Serverabstürze werden, wenn wir mit dem nächsten Update den Fehlercode 1 zur Serienreife bringen.

Olnigg: Wenn Sie mich gleich meinen Kopf auf die Tischplatte schlagen sehen, dann seien sie bitte nicht beunruhigt.

Wilkson: Wollen Sie mir damit das Ende des Interviews signalisieren?

Olnigg: Nein, das geschieht auf andere Weise.

Wilkson: Und wie?

Olnigg: Indem ich den Sicherungsstift aus der als Diktiergerät getarnten Handgranate ziehen werde.

Wilkson: VORSICHT! Diese Kundenrebellen haben einen Selbstmordattentäter eingeschleu...

*Aufzeichnungsende durch Verlust des Übertragungssignals*

Peter Kraninger wacht schweißgebadet auf. "Verdammt!. Ich sollte endlich damit aufhören, mir diese Computerspiele so ans Herz gehen zu lassen. Obwohl..."