Okami gehört zu den am hochgelobtesten Titeln der Videospielbranche. Immerhin wurde das Abenteuer rund um die Wölfin Amaterasu auch von Entwickler-Legende Hideki Kamiya 2006 für die PS2 entwickelt, 2008 für die Wii umgesetzt und gilt als eines der Spiele, die den Cel Shading-Look etabliert haben. Aber kann das Action-Adventure auch heute noch überzeugen? Ich habe das HD-Remaster ausprobiert.

20 Minuten. 20 verdammte Minuten braucht Okami, bis das Spiel endlich beginnt. Habe ich gerade ein Spiel oder doch einen Kurzfilm eingeworfen? Das Spiel startet, verständlicherweise, mit einer etwa fünfminütigen Videosequenz, in der die Hintergrundgeschichte der Welt aus Okami erklärt wird. Eine achtköpfige Hydra namens Orochi bedroht ein Dorf, eine Wölfin killt und versiegelt das Ungetüm, stirbt aber im Prozess. Kappe zu, Wölfin tot.

Okami ist besonders eines: Wunderschön. Das merkt man auch dem Trailer an!

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Eigentlich alles gut. Die grobe Story ist erzählt, möchte man meinen. Doch anstatt dass es direkt losgeht, folgt darauf eine 15 minütige Zwischensequenz, die den Kampf von Shinui gegen Orochi erneut bis ins kleinste Detail aufbröselt - als wäre das nicht schon genug, werden beide Sequenzen von einer nervigen, quietschigen Computer-Stimme vorgetragen. Auweia. Jedenfalls zieht ein herumschleichender Tunichtgut das Schwert Tsukuyomi aus dem Stein, das die letztenhundert Jahre lang Orochi gefangen hielt. Damit konnte das Ungetüm natürlich ausbrechen, Chaos breitet sich über das Dorf aus und ich darf den Schlamassel natürlich ausbaden.

Allerdings spielt man nicht, wie erwartet, die Wölfin Shinui selbst, sondern eine Reinkarnation, die die Seele von Amaterasu in sich aufgenommen hat. Da es sich hier um eine Wiedergeburt handelt, hat Amaterasu natürlich auch nicht alle Fähigkeiten von Shinui, und muss diese erst im Verlauf ihrer Reise aufsammeln. Ein altes Videospiel-Klischee, klar, aber gekonnt innerhalb der Narrative verpackt. So muss das!

Mein erstes Mal: - Okami HD

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Die Sonnengöttin Amaterasu rettet nicht nur das Dorf, sondern auch Flora und Fauna
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Okami, eine Geschichtsstunde in japanischer Mythologie

Tsukuyomi, Amaterasu, Orochi; wer wie ich in seinem Weeb-Dasein schon einige Manga und Anime konsumiert hat, kennt diese Begriffe wahrscheinlich. Für alle die, die noch konstanten Kontakt zu anderen Menschen pflegen und eine Erklärung benötigen: Diese Termini stammen aus der japanischen Mythologie und beschreiben verschiedene Gottheiten. Amaterasu ist die Sonnengöttin und die Tochter von Inazagi und Inazami, die im Shintoismus das Äquivalent zu Gott und Teufel darstellen.

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Japanische Mythologie überall: Da dürfen Kirschbaumblüten natürlich nicht fehlen!
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Okay. Das zweite Intro ist überwunden, auch wenn das Hämmern der A-Taste den Prozess leider nicht beschleunigte. Geht’s jetzt los? Natürlich nicht.

Stattdessen gibt es jetzt erste Tutorials in der in-game Welt. Eine Laus erklärt mir, dass ich meine Fähigkeiten wieder einsammeln muss, wie ich speichern kann und wie meine Kamera bewegt wird. Daraufhin komme ich endlich zum Kernelement des Spiels: Meine erste malerische Fähigkeit wird mir vorgestellt. Indem ich kaputte Gegenstände oder Brücken vollkritzel, erschaffe ich eine funktionale Variante desselben.
Zum Glück funktioniert die Pinselmalerei besser als gedacht und auch meine zweite Fähigkeit, ein Schnitzer, der auf Gegenstände und betäubte Gegner anwendbar ist, funktioniert trotz Controller-Steuerung mühelos. Und ein paar Tutorials später, darf ich sogar einen ersten Tutorial-Gegner killen: Mit ein paar Sprungattacken, wie es sich für jedes gute Action-Adventure gehört.

Eine gute Stunde (!) nachdem ich Okami begonnen habe, habe ich langsam das Gefühl, dass das Spiel endlich losgeht. Gegen drei Gegner auf einmal soll ich jetzt antreten, und auch wenn die Pappenheimer leicht zu schlagen sind, kommt hier erstmalig das Gefühl auf, dass mein Abenteuer beginnt. Das Dorf ist für’s Erste in Sicherheit, ein alter Opa hält mir einen Vortrag von der Welt und warum ich sie retten soll. Und hier, wo meine Geschichte anfängt, mache ich zunächst einen ersten Schlussstrich. Pun intended.

Der Ersteindruck nach anderthalb Stunden Spielzeit:
Okami ist sicherlich kein schlechtes Spiel. Aber meine Güte, dieser Anfang ist wirklich nicht gut durchdacht. Abgesehen davon, dass meine A-Taste während der 20 minütigen Intro-Sequenz ordentlich Schaden erleiden musste, erwarten euch zahlreiche Tutorials, auf die gerade erprobte Zocker überhaupt keine Lust haben sollten.

Dafür trumpft Okami an anderer Stelle auf: Die Grafik ist weiterhin wunderschön und kleine Details, wie sprießende Blumen die Amaterasu beim Laufen hinterlässt, runden das Gesamtbild gut ab. Zudem gefällt mir persönlich die japanische Mythologie sehr gut - aber das ist natürlich Geschmackssache. Wer mit Nippon nie etwas anfangen konnte, für den wird Okami wohl leider auch nichts sein.