Oddworld Strangers Vergeltung (Xbox-Test)
(von Jörg Pitschmann)

Es war einmal ein Löwe auf zwei Beinen im Wilden Westen, der sich mit coolen Sprüchen und bizarren Waffen, die Lebendmunition verschossen, auf die Jagd nach bösen Buben begab. Ein Löwe auf zwei Beinen mit lebendiger Munition?

Richtig geraten, ein solches Setting kann eigentlich nur von den durchgeknallten Entwicklern der »Oddworld Inhabitants« stammen. Und weiter richtig geraten, die Burschen haben vor Jahren auch die schrägen Abenteuer von Abe in Szene gesetzt. Und noch mal richtig geraten, dieses

Oddworld - Strangers Vergeltung - Oddworld Stranger Trailer 2Ein weiteres Video

Mal haben sie uns mit einer neuen Spielidee überrascht. »Oddworld Stranger Vergeltung« lautet der etwas sperrige Titel des Geniestreichs der Inhabitants, der vor schrägen Einfällen und brüllkomischem Humor nur so strotzt. Und da wir bei gamona natürlich immer dabei sind, wenn es was zu lachen gibt, haben wir uns das Teil umgehend angesehen und hatten eine Menge Spaß.

Löwenanteil
Die Handlung des Spiels ist eher konventionell angelegt: Der Spieler übernimmt die Rolle von Stranger, seines Zeichens Kopfgeldjäger in Geldnöten. Der ist stets und ständig daran interessiert, gegen gute Bezahlung finstere Fieslinge und fiese Finsterlinge einzubuchten.

Die Aufgaben, die er zu erledigen hat, sind dabei immer nach dem gleichen Muster gestrickt: man geht mit ihm in einer Stadt ins nächste Kopfgeldbüro, holt sich dort einen Auftrag und zieht los. Damit man weiß, wo man zu suchen hat, erhält Stranger vom Auftraggeber eine Wegbeschreibung.

Die ist zwar recht knapp, aber völlig ausreichend. Da zwischen der Stadt und dem nächsten Auftragsgebiet meist keine langen Wege zurückzulegen sind, sucht man sich mit seinem Löwen im Allgemeinen keinen Wolf (muhahaha, was für ein Wortspiel) nach dem Bösewicht.

Der ist natürlich in aller Regel nicht allein, sondern schart allerlei Hilfskräfte um sich. Stranger hat es also bei seinen Einsätzen nicht nur mit einem Gegner zu tun, sondern legt sich jedes Mal mit einer Vielzahl von Unsympathen an. Und da die nicht gerade mit Wattebäuschchen nach ihm werfen, heißt es für unseren Helden, wohlüberlegt vorzugehen. Denn natürlich ist Stranger nicht unverwundbar. Er kann zwar eine Menge wegstecken, doch wenn ihm zu viele Kugeln um die Ohren schwirren, verliert er schneller sein digitales Leben als eine 16-jährige Internatsschülerin ihre Unschuld.

Besonders witzig sind natürlich die Bewohner der Oddworld anzusehen.

Oddworld - Strangers Vergeltung - Ein tierisches Vergnügen! Mit Lebendmunition im Wilden Westen!

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Strangers Gegner sehen aus wie eine wilde Mischung aus Nilpferd und Kugelkäfer, die friedlichen und schweinefeigen Stadtbewohner sind Hühner. Die werden zumeist von den bösen Jungs überfallen und ausgeraubt oder gefangen gehalten. Da sie nicht in der Lage sind, sich zu verteidigen, fällt diese Rolle dem Kopfgeldjäger zu. Und da Stranger auf Seiten der guten Jungs steht, würde es ihm natürlich im Traum nicht einfallen, das wehrlose Geflügel anzugreifen. Das hätte auch nur zur Folge, daß sich die verschreckten Bewohner in ihre Häuser flüchten würden und er für eine gewisse Zeit keine Auskünfte oder Hinweise mehr
bekäme. Außerdem könnte er dann keine Kopfgeldbüros betreten. Und das wäre natürlich ärgerlich, denn nur dort gibt es Aufträge abzuholen. Dafür verlieren niedergeschlagene Zivilisten ein wenig Geld, das unser Löwe einsammeln könnte. Wenn er denn so fies wäre, die Hühner zu schlagen. Aber das täte er nicht. Ehrlich.

Packshot zu Oddworld - Strangers VergeltungOddworld - Strangers VergeltungErschienen für XBox, PS3 und PlayStation Vita kaufen: Jetzt kaufen:

Schießmuskel
Wer glaubt, in bester Rambo-Manier einfach durch wildes Herumgeballere zum Erfolg zu gelangen, sieht sich getäuscht. Zwar bringt jeder einkassierte Gegner Strangers Kasse zum Klingeln, doch Clint Eastwoods tierischer Cousin verdient mit lebendig abgelieferten Unholden erheblich mehr als mit Leichen.

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Mit anderen Worten: Der Spieler soll motiviert werden, Gewalt nicht zum Selbstzweck einzusetzen, denn nur mit eingebuchteten Gangstern läßt sich Kohle machen. Bevölkern seine Kunden hingegen überwiegend die umliegenden Friedhöfe, kann sich der gute Schlapphutlöwe nur schwer ein goldenes Näschen verdienen.

Und das ist im späteren Spielverlauf hinderlich, denn nur mit genug Knatter in der Tasche kann Stranger in den Tante-Henna-Läden der Stadt einkaufen. Die dortigen Handelswaren sind zum Teil nützlich, zum Teil aber auch schlichtweg notwendig, um bestimmte Aufträge überhaupt erst annehmen zu können. Insofern ist eine großzügigeEntlohnung für lebend gefangene Gegner moralischer Ansporn genug, nicht immer sofort die tödliche Munitionskollektion einzusetzen. Ob die Programmierer ihre Beta-Tester an einer Waldorfschule rekrutiert haben?

Doch Scherz beiseite, schließlich soll hier niemand diskriminiert werden. Außerdem könnte ja der Eindruck erweckt werden, der Verfasser dieser Zeilen habe ein Problem mit dem Pädagogikkonzept der Waldorfschulen. Und das möchte nun wirklich niemand. Es steigert vielmehr wirklich den Reiz des Spiels, seine Gegner nicht einfach umzubringen, sondern sie auf unterschiedliche Weise schachmatt zu setzen und dann putzmunter im Kopfgeldbüro abzuliefern. Dazu trägt auch der Umstand bei, dass Stranger sich seine Lebendgeschosse erst erjagen oder in den Städten für teuer Geld erwerben muss. Die einzige Munition, die nämlich unbegrenzt verfügbar ist, sind die Zappfliegen. Das sind kleine, hinterhältige Burschen, die beim Auftreffen einen elektrischen Schlag verursachen. Trifft man also mit einer Zappfliege andere herumhoppelnde Viecher, werden diese betäubt und Clint Stranger kann sie einsammeln. Der Vorrat an Lebendmunition, den er mit sich herumschleppen kann, ist allerdings sehr begrenzt. Je nach Tierchen kann Freund Schlapphut meist zwischen zehn und 15 Viecher einer Sorte in seinen Köcher packen. Sind die aufgebraucht, muss er sich weitere beschaffen.

Netterweise bietet allerdings jeder Spielabschnitt einige Stellen, an denen die unterschiedlichen Lebendgeschoße in unbegrenzter Zahl herumhüpfen. Wenn es also im Kampf eng werden sollte und der Munitionsvorrat aufgebraucht ist, sollte man sich dezent zurückziehen und zur letzten Fundstelle laufen, um sich den nächsten Schwung zu holen.

Welche Art von Lebendmunition man findet, hängt übrigens von der Beschaffenheit des Auftrags ab. Arschbackenhörnchen, die mit ihren dummen Sprüchen lediglich die Aufmerksamkeit von Gegnern auf sich lenken, sind zum Beispiel weiter verbreitet als die sehr bissigen Fuzzles oder andere, eher tödliche Tierchen. Die putzigen Spinnen hingegen, die den Gegner beim Auftreffen für einige Sekunden blitzschnell in ein Netz wickeln, findet man recht häufig. Lustig sind auch die Stunks, kleine, gemeine Viecher, die nach ihrem Abschuss machen, dass die Luft stinkt. Gegner, die sich im Umfeld der Duftwolke aufhalten, sind für einige Sekunden nur noch damit beschäftigt, ihren Mageninhalt neu zu sortieren. Und das gibt Stranger genug Gelegenheit, sie der Reihe nach einzusacken. Je nachdem, welche Munition man einsetzt, erzielt man also die unterschiedlichsten Resultate. Natürlich kann man im weiteren Verlauf des Spiels seine Munition upgraden, so dass auch nach längerem Spielen noch heitere Überraschungen auf den amüsierten Spieler warten.

Solange man allerdings nur wenige Tierchen zur Verfügung hat, sollteman sein Vorgehen auf die Munition abstimmen. Wer nur Arschbackenhörnchen und Zappfliegen besitzt, legt sich besser nicht in Karatelaune mit Gegnerhorden an, sondern lässt Umsicht walten. Wer diesen Grundsatz außer Acht lässt, könnte nämlich seinen Controller-Verbrauch in ungeahnte Höhen schrauben. Denn der Schwierigkeitsgrad steigt im Spielverlauf recht heftig an, was bei sensiblen Naturen des Öfteren zu Frustausbrüchen führen mag. Deshalb ist bei mangelnder Munitionsvielfalt eher vorsichtiges Schleichen angesagt, wobei Stranger jede sich ihm bietende Möglichkeit der Deckung nutzen sollte.

Schleich Dich!
A propos Schleichen: die meiste Zeit steuert man seinen Löwen aus der Verfolgerperspektive. Sobald man allerdings die Armbrust - damit verschießt der edle Recke seine Viecher - zückt, wechselt die Steuerung in die Ego-Sichtweise. Das macht Sinn, denn auf diese Weise kann man äußerst präzise zielen,

sich dabei aber dennoch uneingeschränkt bewegen. Die Entwickler haben diesen Blickwechsel so fließend integriert, daß er sich selbst mitten im Kampf nicht störend auswirkt. Wer möchte, kann Stranger auch permanent aus der Egoperspektive steuern. Zieht man es vor, statt der Armbrust Strangers Fäuste sprechen zu lassen, ist allerdings die Verfolgersicht unumgänglich.

Der Kampf selbst steuert sich denkbar einfach. Im First-Person-Modus schaut und zielt man mit dem rechten Stick, fürs Ballern sind die beiden Schultertasten zuständig. Man kann jeweils zwei unterschiedliche Munitionsarten auf seiner Armbrust am Start haben und auch beide zugleich abfeuern. Hat man einen Gegner erfasst und er ist in Reichweite der jeweiligen Munition, färbt sich das Zielkreuz rot ein. Kommt einem ein Unhold zu nahe, ist der blitzschnelle Wechsel in den Verfolgermodus angesagt, und man lässt mit den Schultertasten die Fäuste sprechen.

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Damit man auch weiß, wo die bösen Buben auf den lockeren Löwen lauern, haben die Entwickler ein kleines Radar spendiert, das sowohl die nächstgelegenen Gegner anzeigt als auch deren Sichtradius. Wird Stranger entdeckt, alarmieren die Gegner oft ihre Kumpels, weshalb man der praktischen Anzeige stets große Aufmerksamkeit schenken sollte.

Das saugt!
Wer auf Banditenjagd geht, der muss seine eingefangenen Unholde auch irgendwie transportieren. Denn das die Burschen freiwillig mit zum nächsten Knast wandern, mag zwar in den Träumen idealistischer Waldorfschüler funktionieren, im

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realen (Spiel-)Leben klappt das natürlich nicht. Daher führt der coole Löwe eine Art Staubsauger mit sich, in den er bewusstlose oder tote Gegner einsaugt. Netterweise ist das Teil mit einem riesigen Auffangbeutel ausgestattet, in den eine unbegrenzte Gegneranzahl hineinpasst.

Saugen kann man allerdings erst, wenn die Unholde bewegungslos am Boden liegen. Und darin liegt auch das Risiko bei der Sache, denn während Stranger mit seinem umfunktionierten Haushaltsgerät herumhantiert, ist er praktisch wehrlos. Hat er sich mit mehreren Gegnern angelegt, so sollte er erst zum Sauger greifen, wenn keiner von den Burschen mehr steht und sie dann der Reihe nach einsammeln. Allerdings besteht dann die Gefahr, dass KO-geschlagene Fieslinge einfach wieder aufstehen und erneut das Feuer auf das tapfere Löwenherz eröffnen. Natürlich kann man derlei peinliche Zwangslagen umgehen, indem man dafür sorgt, dass die Gegner nie wieder aufstehen. Aber - und da sind wir wieder am Anfang - tote Mieslinge bringen halt kaum Geld. Also ist beim Saugen größte Vor- und Umsicht geboten, was das Reinigungspersonal vermutlich genauso über unsere Redaktionsräume behaupten würde. Aber das ist eine ganz andere Geschichte... A propos: was keinesfalls saugt, ist die technische Umsetzung des Spiels. Musik- und Sprachausgabe sind von sehr guter Qualität, die Lokalisierung ist sehr gelungen und überaus witzig. Die Stimmen und Kommentare der Akteure passen zu den Figuren, einzig der Umstand, dass sich die coolen Sprüche häufig wiederholen, trübt ein wenig das Vergnügen.

Auch die Grafik ist makellos und zeigt die Xbox auf der Höhe ihrer technischen Fähigkeiten. Wer allerdings auf quietschbunte Farben steht, ist bei »Oddworld Strangers Vergeltung« an der falschen Adresse. Stattdessen überwiegen westerntypische, braune und erdige Töne. Wirklich schade ist allerdings der fehlende Multiplayer-Modus. Die Vorstellung, sich zu viert gegenseitig irgendwelche wüsten Viecher um die virtuellen Ohren zu pusten, ist mehr als spaßig. Warum die Entwickler diese überaus attraktive Option außen vor gelassen haben, ist mehr als unverständlich.

Nicht einmal Xbox-Live wird unterstützt, begeisterte Online-Zocker müssen also mit anderen Titeln vorlieb nehmen. Vielleicht besinnen sich die Oddworld-Inhabitants für ihren nächsten Titel ja eines Besseren. In einen Nachfolge könnte man zum Beispiel die Option integrieren, seine eigene Munition zu züchten.Oder man hätte die Möglichkeit, völlig neue Lebendmunition mit den abenteuerlichsten Eigenschaften zu kreieren. Natürlich wäre nichts schöner, als diese dann beim nächsten Zockertreffen den Freunden um die Ohren zu schleudern. Doch leider bleibt dies bis auf weiteres reines Wunschdenken. Und ob ich in Ermangelung des Mehrspielervergnügens meinen Freunden im echten Leben bis auf weiteres ersatzweise meinen Kater an den Kopf schleudern kann, ist wohl eher fraglich.

Pro & Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ Durchgeknallte Spielidee + Lebende Munition + Sound & Sprachausgabe

Contra:
- Kein Multiplayer-Modus - Knackiger SchwierigkeitsgradPro & Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ Durchgeknallte Spielidee + Lebende Munition + Sound & Sprachausgabe

Contra:
- Kein Multiplayer-Modus - Knackiger Schwierigkeitsgrad