Es ist schön, klingt toll und gewinnt sogar Rundenkämpfen etwas Neues ab: Octopath Traveler könnte ein großartiges Rollenspiel sein. Nur leider müht es sich an acht einzelnen Geschichten ab, die es nicht zu einem großen Ganzen zusammenzubringen vermag.

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Square Enix will es jetzt wissen: Wirkten I Am Setsuna und Lost Sphear noch eher ressourcenschonend produziert, beeindruckt das exklusiv für die Switch erscheinende Octopath Traveler ungleich mehr: Der „HD-2D“ genannte Stil verbindet Pixelart mit modernen Elementen, der aufwendige Orchester-Soundtrack ist grandios. Und als sei das nicht schon genug, um Fans der Square-Hits aus den 90ern direkt abzuholen, schickt Octopath Traveler seine acht Charaktere durch ein nonlineares Abenteuer – doch genau dieser ambitionierte Ansatz bereitet dem Spiel Probleme.

Octopath Traveler im Test: Zu Beginn des Spiels wählt ihr aus acht Charakteren euren Protagonisten.

Wir entscheiden uns zu Beginn unserer Reise für den Dieb Therion. Nach dessen Auftaktkapitel treffen wir alsbald auf den nächsten spielbaren Charakter, die Klerikerin Ophilia. Ein Konflikt erscheint unvermeidlich: Therion ist ein großspuriger Zyniker, der ohne Gewissensbisse alles mitgehen lässt, was ihm zwischen die Finger kommt. Ophilia hingegen wird uns als kreuzbrave Pastorenadoptivtochter vorgestellt, die zu einer Wallfahrt aufbrechen möchte. Doch bevor zwischen Therion und Ophilia die Fetzen fliegen, passiert … gar nichts. Die beiden finden sich ohne jedweden Gedankenaustausch in der gleichen Party wieder und verkloppen die Monster fortan gemeinsam.

Gemeinsam aneinander vorbei

Ähnliche Umstände begleiten die anderen Rekrutierungen, die man im Verlauf der ersten etwa zehn Spielstunden erledigt. Das Spiel löst zwar sein Versprechen ein, euch acht Geschichten in beliebiger Reihenfolge erleben zu lassen, verlangt dafür aber einen hohen Preis: Die Stränge bleiben Parallelen, sie beeinflussen sich nicht. Zudem agieren die Hauptcharaktere nicht miteinander. In Kapitel zwei, also nach über zehn Spielstunden, bemerkt schließlich auch das Spiel selbst, dass es so nicht weitergehen kann und führt ein neues Feature namens „Reisegeplänkel“ ein. Dieses ermöglicht kurze Gespräche zwischen Partymitgliedern, die aber sehr oberflächlich bleiben und rein optional sind – Geplänkel ist für diese Verlegenheitslösung durchaus der richtige Ausdruck.

In den Storysequenzen seht ihr stets nur den Hauptdarsteller des jeweiligen Kapitels, die anderen Charaktere finden visuell und inhaltlich nicht statt. Das schwächt einige Stellen erzählerisch: Wenn eine Piratenbande die junge Händlerin Tressa auslacht, weil diese sich ihnen entgegenstellt, dann geschieht dies, weil die entsprechende Zwischensequenz suggeriert, dass Tressa allein unterwegs ist. Tatsächlich hat sie aber je nach Spielverlauf schon bis zu drei Mitstreiter dabei, die den Piraten in Nullkommanichts den Hintern versohlen. Um seine Story wie gewünscht erzählen zu können, ignoriert das Spiel diesen Umstand einfach.

Octopath Traveler wirkt zunächst non-linear, ist aber im Team doch eine lineare Erfahrung.

Nun ist es ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, alle Konstellationen an Charakteren in allen Situationen berücksichtigen zu können, auch da viel mit – sehr guter – wahlweise englischer oder japanischer Sprachausgabe gearbeitet wird. Den eigenen Ambitionen und den sicherlich auch bei einigen Spielern geweckten Erwartungen wird die Story in der gebotenen Form aber nicht gerecht. Der im Vorfeld auch durch Statements der Producer befeuerte Vergleich zum 16-Bit-Klassiker Final Fantasy VI ist denkbar unpassend, denn eben jenes Spiel lebt maßgeblich von der Interaktion eines Ensembles, das ein gemeinsames Ziel verfolgt – was durch eine deutlich linearere Struktur aber eben auch kein Problem ist.

Wenn euch motivierende Kämpfe wichtiger sind als eine starke Story, ist Octopath Traveler das Rollenspiel eurer Wahl.Fazit lesen

Hilfst du mir beim Suchen?

In Octopath Traveler haben alle ihre eigene Agenda: Tänzerin Primrose sucht den Mörder ihres Vaters, die Jägerin H’aanit ihren alten Lehrmeister und der Krieger Olberic einen ehemaligen Kameraden, der ihn verraten hat. Man schließt sich zusammen, weil man gemeinsam stärker ist – aber das ist in diesem Fall eine rein spielmechanische Stärke. Das in vielen anderen Rollenspielen bemühte – und durchaus sinnvolle – Motiv wachsender Freundschaft bleibt hier außen vor.

Das Ganze ist umso bedauerlicher, als dass euer Weg durch die Welt von Octopath Traveler im Grunde dann doch stark vorskizziert ist: Habt ihr das Startkapitel eures ersten Protagonisten gemeistert, seid ihr zwar eine Handvoll Level aufgestiegen, für das nächste Kapitel der Figur empfiehlt euch das Spiel nun aber eine Stufe, von der ihr noch sehr weit entfernt seid. Zwar könnt ihr euch nun auf Biegen und Brechen hochgrinden, mit Spaß hat das aber nur wenig zu tun. Ein balancierter Fortschritt ergibt sich just dann, wenn ihr euch nach und nach allen acht Startkapiteln der einzelnen Figuren widmet. So bleibt eine Herausforderung bestehen, die nie zu schwer wird.

Ihr reist über die Karte, um alle anderen Charaktere für euer Team einzusammeln.

Die Reifeprüfungen

Grundsätzlich ist es ja auch eine sehr logisch erscheinende Option, erstmal alle Charaktere anzuheuern, von denen ihr übrigens stets vier in die aktive Party stecken könnt. Bedauerlich aber, dass die Startkapitel immer nach dem gleichen Muster ablaufen: Ihr erreicht das Heimatdorf der neuen Figur. Diese wird euch in einer oft arg dialoglastigen Rückblende vorgestellt. Daraus entspinnt sich eine zu erledigende Aufgabe, die in ein Monstergebiet führt und in einem Bosskampf gipfelt. Dafür habt ihr dann bereits die zuvor gefundenen Party-Mitglieder zur Verfügung. Ist der lokale Boss gelegt, endet das Kapitel und auf geht’s zum nächsten Hotspot auf der Karte.

Dieser schematische Ablauf nutzt sich im Laufe der Zeit merklich ab. Habt ihr schließlich alle acht Figuren zusammen, hofft man kurz auf ein Ereignis, das die acht einzelnen Fäden miteinander verknotet. Es passiert … abermals nichts. Ihr marschiert nun auf der Oberwelt zu acht neuen Kapitelstartpunkten und arbeitet wieder die individuellen Probleme der Helden und Heldinnen ab – so vergeht das nächste Dutzend Spielstunden.

Und doch steht am Ende dieses Tests eine gute Wertung. Bisher wurde doch nur gemeckert. Wie kann das sein?

Nun, so sehr das bisher Beschriebene stört, so sehr hat Octopath Traveler Lob für das verdient, was es gut macht. Da ist zum einen die Grafik: Octopath Traveler ist schlicht und ergreifend ein schönes Spiel. Einzig der übertriebene Fokus auf die Mitte des Bildes ist nicht ganz glücklich, die Peripherie wird schnell etwas zu unscharf dargestellt. Den Soundtrack wiederum kann man gar nicht genug hervorheben: Was der junge Komponist Yasunori Nishiki hier erschaffen hat, steht auf einer Stufe mit den besten Werken des Genres.

Rundenbasiertes Zufallskämpfe? Check.

Offener Bruch

Ausgesprochen gut ist auch das Kampfsystem: Grundsätzlich setzt Octopath Traveler auf rundenbasierte Zufallskämpfe. Allerdings nehmen die individuellen Schwächen der Gegner eine wichtige Rolle ein: Neben den Monstern zeigt eine Leiste mit kleinen Symbolen, gegen welche Waffen-und Magie-Arten eine besondere Empfindlichkeit besteht – allerdings müsst ihr dies erst selbst durch Angriffe oder einen später erlernbaren Zauberspruch herausfinden. Attackiert ihr nun gezielt die Schwachpunkte, kann es zu einem sogenannten „Bruch“ kommen. Der Gegner wird dann für eine Runde in eine Art Lähmungszustand versetzt und erleidet zusätzlichen Schaden. Das Geheimnis ist also eine vielfältige Zusammensetzung eurer Party, die viele Angriffsarten abdeckt. Außerdem müsst ihr stets abwägen, wen ihr nun welchen Feind angreifen lasst, um möglichst viele Brüche zu erreichen und so der Gegenseite nur wenig Aktionsspielraum zu lassen.

So bleiben selbst Auseinandersetzungen mit Standard-Mobs unterhaltsam, weil ihr nie einfach blind Standard-Angriffe spammt. Über weite Strecken ist das Spiel fair und machbar, wenn ihr nicht gezielt Kämpfen aus dem Weg geht und so euer Aufleveln ausbremst. Viele Bosse aber haben merklich zu viele Lebenspunkte. Dadurch ufern einige Kämpfe zeitlich aus, obwohl ihr den Boss stets kontrolliert und nie wirklich in Gefahr geratet.

Die armen NPCs

Eine interessante Idee sind auch die Wege-Aktionen. Dahinter verbergen sich individuelle Talente, die sich im Gespräch mit NPCs einsetzen lassen: Ophilia kann die angesprochene Person bekehren und später im Kampf zur Hilfe rufen. Der Gelehrte Cyrus erlangt durch „Studieren“ neue Erkenntnisse über die Zielperson, was konkret beispielsweise zum Aufblinken eines versteckten Items in der Umgebung führt. Tressa wiederum kauft den Leuten Gegenstände ab, die Therion alternativ auch klauen könnte. Teilweise ähneln sich die Talente und auf Dauer wird es zu einer großen Fleißaufgabe, an jedem ansprechbaren NPC alles zu exerzieren, da man natürlich nichts verpassen möchte.

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Ansonsten hält sich Octopath Traveler brav an Standards seines Genres: In Dörfern wird neue Ausrüstung gekauft, in Herbergen genächtigt und in Wirtshäusern geplauscht. Die Charakterentwicklung ist simpel gehalten: Sie erfolgt über sogenannte Laufbahn-Punkte, mit denen man bei jeder Figur nach und nach ein vorgegebenes Set aus aktiven und passiven Fähigkeiten freischaltet.