Hand hoch, wer kennt das Originalgerät mit dem Namen Shield, das letztes Jahr erschien? Ihr wisst schon, NVIDIAs Controller-Klotz auf Basis von Android, mit dem angehefteten Bildschirm? Niemand? Macht nichts, denn Version Nummer zwei wird nicht so sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden. Das neue Shield-System kann mehr, ist flexibler und sogar reisetauglicher als die alte Fassung. Man beachte die Steigerungsform – da ist noch Platz für mehr.

Glücklicher Zufall oder nur gute Intuition seitens des Grafikkartenprofis? Keine Ahnung, aber mein Karma beschert mir just in dem Moment ein Shield-Tablet zum Testen, als ich mir Gedanken über meine nächste Anschaffung in dieser Hardware-Kategorie mache. Meine Wunschvorstellung kreist aufgrund beruflicher Präferenzen um ein System, das flink an eine Tastatur gekoppelt wird und eine Stylus-Steuerung mitbringt. Passt wie angegossen! Shield kann beides, integriertem Stift mit flexibler Spitzenbreite und Android-Betriebssystem sei Dank.

399 Euro mögen kein Pappenstiel für ein Acht-Zoll-Gerät sein, was den Kaufimpuls ein wenig schmälert, aber beim genauen Hinsehen kommt man ohne den Eindruck davon, übers Ohr gehauen worden zu sein. Shield ist hochwertig verbaut, fühlt sich dank weicher, griffiger Materialien hervorragend an und bringt die bislang fortschrittlichste Android-Fassung (Version Lollipop kann augenblicklich heruntergeladen werden) gleich mit. 1920 mal 1200 Pixel stellt der auf IPS-Technik basierende Bildschirm dar, was den üblichen HD-Standard übertrifft. Nicht, dass das auf acht Zoll Fläche gut sichtbar wäre, aber immerhin wird sich niemand über verpixelte Grafiken beschweren. Prima Voraussetzungen, wäre da nicht die arg reflektierende Oberfläche. Bei starker Einstrahlung verkommt das Gerät zu einem überteuerten Schminkspiegel. Ein wenig Schatten und voll aufgedrehte Beleuchtung beheben das Manko.

NVIDIA Shield Tablet - Flotte Technik ohne Einsatzgebiet

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Die Oberflächen des Tablets nutzen ein griffiges Material. Alle Elemente wurden gut verbaut, nur der Standby-Knopf könnte größer sein.
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Warum ausgerechnet Shield? Nun, als Spieleredakteur möchte ich mit voller Stimme behaupten, Freizeitvernichtung sei die Quelle der Befriedigung, nur bleibt mir beim Aussprechen dieser Zeilen unerwartet die Luft weg. Mir gefällt Shield. Sogar ziemlich gut. Aber nein, das Angebot, damit zu spielen, lädt mich leider von allen Features am wenigsten ein.

Liegt keineswegs am hervorragenden Touchscreen mit seinen kräftigen Farben, seiner gleichmäßigen Ausleuchtung und den ungemein flinken, weil verzögerungsarmen Touch-Sensoren. Auch nicht am vergleichsweise vollen Stereo-Klang. Oh nein, das verbaute „System on a Chip“ samt integriertem Tegra-K1-Grafikbaustein leistet hervorragende Arbeit und macht selbst früheren Ruckelkandidaten Beine. Shield meistert alle auferlegten Aufgaben mit Bravour.

Was aber, wenn diese Aufgaben völlig an der Realität vorbeigehen und keinen Anwendungsbereich haben? Die Frage „Warum ausgerechnet Shield?“ beantwortet das Gerät mit der Antwort „weil es möglich ist“, und nicht, wie erhofft, mit einer grundsätzlichen Legitimation auf dem Spielemarkt. Shield füllt als Produkt eine Marktlücke, die es in meinen Augen gar nicht gibt.

Schauen wir mal auf die Fakten. NVIDIAs Sprössling stellt so ziemlich alle erhältlichen Android-Spiele flüssiger dar als jedes andere Tablet auf dem Markt. Laut Herstellerangaben übertrumpft Tegra andere mobile Grafikeinheiten durch doppelte Leistung. Einige wenige Titel wurden sogar für Tegra optimiert und offerieren effektseitig einen höheren Darstellungsstandard. Wenn nicht gar Exklusivität, wie sie der Softwarepartner Valve einräumt, siehe die mobilen Adaptionen der PC-Hitseller Half Life 2 und Portal.

NVIDIA Shield Tablet - Flotte Technik ohne Einsatzgebiet

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Spieglein, Spieglein in der Hand...
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Theoretisch eine tolle Geschichte. Nur: wann soll man denn Half Life 2 unterwegs spielen wollen? Und unter welchen Umständen? Gerade Valves Shooter setzt Konzentration, ein wenig Sitzfleisch sowie die Verwendung eines handfesten Comtrollers voraus, welches noch immer klobig wirkt und schlecht im Reisegepäck zu verstauen ist. Andererseits haben waschechte Gamer, die ja als Zielgruppe gelten, zuhause bereits eine Spielkonsole oder einen PC stehen, wodurch das Starren auf einen eher kleinen Acht-Zoll-Bildschirm im heimischen Domizil unnötig wird. Das schnuckelige Tablet hat da so einige Kniffe, die in beiden Lebensbereichen interessante Alternativen zum herkömmlichen Gebrauch aufweisen. Aber es sind eben nur Alternativen und keine brauchbaren Lösungen.

Stream mit Steam

Einerseits wäre da die buchstäbliche Shield-Spielkonsole. Ein Micro-HDMI-Kabel genügt, schon gibt das Tablet alle Inhalte auf dem heimischen Fernseher wieder. Angesichts der Rechenkraft und Flexibilität womöglich ein besserer Deal als es Ouya jemals war, zumal der zugehörige kabellose Controller eine gute Figur macht. Er ähnelt dem des Vorgängermodells und erinnert beim Layout an eine Kreuzung aus Xbox und PlayStation. Leider in genau der falschen Anordnung, denn die Analogsticks liegen parallel zueinander, während das wabbelige Steuerkreuz nur wenig besser abschneidet als das der alten Xbox 360. Umgekehrt wäre ideal, also mit versetzten Analogsticks und einem genaueren Acht-Wege-Kreuz für digitale Eingaben in der Ausweichposition anstelle eines schwammigen, wenig genutzten Acht-Wege-Coolie-Hats, wo der Daumen am besten liegt. Auch wirkt der Controller noch immer zu klobig. Bei mobilem Einsatz ist weniger oft mehr.

Abseits solcher Kleinigkeiten beweist NVIDIA Expertise. Sämtliche Tasten des Controllers sprechen hervorragend an und vermitteln eine griffige wie zuverlässige Haptik. Analogsticks, analoge Schulterknöpfe, gut erreichbare Front-Knöpfe mit spürbarem Feedback – alles hochwertig verbaut und womöglich widerstandsfähig. Das suggerieren zumindest die schweren Bauteile. Allein seine Langlebigkeit macht den Anschaffungspreis von separat zu zahlenden 60 Euro locker wett. Nach nur einer Stunde aufladen hält dessen Akku rund acht Stunden bei vollem Einsatz, wobei bis zu vierzig Stunden möglich sind, sofern der Akku fünf Stunden per Micro USB-Schnittstelle am Netz bleibt. Das stellt die Laufzeit sämtlicher Spielkonsolen-Controllern in den Schatten – höchsten der Pro Controller der Wii U kann da mithalten.

Größter technischer Kniff soll angeblich eine kurze Übertragungslatenz sein. Im Gegensatz zu üblichen Eingabegeräten für mobile Plattformen setzt dieses Modell auf Direct Wifi anstelle von Bluetooth. Nachvollziehen ließ sich das leider nicht, was aber an den Spielen gelegen haben kann. Die Helden von Trine bewegen sich zum Beispiel noch immer erheblich verzögerter als in der PC-Fassung, und auch bei einigen anderen typischen Android-Spielen kam kein merklicher Latenz-Vorsprung zum Vorschein. Trotzdem fällt das Urteil zu diesem Produkt allemal besser aus als das für viele schreckliche Vertreter aus dem Sortiment einiger Dritthersteller, die man höchstens als Notnagel klassifizieren kann. Der Shield-Controller ist ein echtes, vollwertiges Joypad, das – sofern erwünscht – per am Kopf sitzendem Mikrofon in den Raum gesprochene Spracheingaben aufzeichnet und per Software interpretiert, ähnlich wie die Kinect-Kamera von Microsoft.

Das Ding hat Konsolen-Niveau, keine Frage. Was einer der sekundären Funktionen des Tablets entgegenkommt, nämlich der Option des lokalen Streamens vom eigenen PC. Sofern alle Hardware-Voraussetzungen erfüllt werden (i5-Prozessor, NVIDIA-Grafikkarte des 660er Modells oder höher, passender Router, vorkonfiguriertes Netzwerk/angepasste Firewall mit ausgehebelten Barrieren) darf man einige PC-Spiele lokal auf das Tablet übertragen, was allerdings abhängig vom Router mal mehr und weniger einschneidende Verzögerungen mitbringt und allgemein wenig Sinn hat. Wenn der PC samt Steam oder Origin sowieso Strom fressen muss, warum sich dann mit einer verzögerten Ausgabe auf acht Zoll zufrieden geben? Auf 60 FPS und Full HD läuft es sowieso nur per verkabeltem Anschluss an einen Micro-USB-Router, ansonsten bleibt es bei 720p bei 30 Bildern (wenn die Grafikkarte es denn rechnerisch schafft), was die Angelegenheit noch sinnfreier macht. Warum dann nicht gleich am PC spielen?

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Per Shield Hub navigiert ihr durch das Spiele-Angebot von Android, PC-Stream über Steam und Origin sowie irgendwann nächstes Jahr über NVIDIAs Grid-Cloud.
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PC-Spiele im Sommer im heimischen Garten zocken? Dafür ist die Wifi-Anbindung durch mehrere Wände hindurch zu sehr beeinträchtigt – da kommt selbst mit Nachverstärkung kein konstanter Fluss zustande, wodurch Grafikfehler und verzögerte Übertragungen an der Tagesordnung sind, obwohl der Codec an sich prima Echtzeit-Ergebnisse abliefert. Der Tegra-Chip rechnet nicht nur schnell, er zeichnet auch flink auf den LCD-Screen, nur nützt das nichts, wenn nötige Daten im Flaschenhals des Netzwerks steckenbleiben. Der nicht entspiegelte Bildschirm kommt als abwertender Faktor im Freien noch hinzu. Unterm Strich ein technisch interessantes Feature, nur leider ohne praktischen Anwendungsbereich. Es funktioniert nur dann zufriedenstellend, wenn man in unmittelbarer Nähe eines eingeschalteten PCs sitzt, der sowieso sämtliche Last trägt.

Die Krux des Cloud-Gamings
Nun ja, Tegra frisst ebenfalls ganz schön Strom. Fünf Stunden Laufzeit sind bei Android-Spielen drin, sofern man die Beleuchtung des Tablets auf dem Mittelwert behält. Beim Streamen oder unter Volllast durch Anwendung im Hintergrund, Lautstärke und Beleuchtung kann sich dieser Wert sogar halbieren. Nicht gerade eine Offenbarung.

Außerdem gehen mit der Kritik am fragwürdigen lokalen Stream selbstverständlich Zweifel im Bezug auf das versprochene Online-Streaming über Cloud-Server einher. Prinzipiell entspricht das „Grid“ genannte Vertriebssystem dem des gescheiterten US-Anbieters Onlive. Man greift also auf die erheblich höhere Rechenkraft entfernter Rechenzentren zurück und lässt Spielinhalte über das Netz anliefern. In Verbindung mit der Ausgabe per Micro-HDMI-Anschluss an den Fernseher eine weitere Alternative zu bereits erhältlichen, angereichert mit diversen Nachteilen.

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In den USA schon erhältlich, warten wir noch auf den Spiel-Streaming-Dienst NVIDIA Grid.
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Mal abgesehen von der Latenzproblematik, die selbst mit ausgetüftelter Technik immer bestehen wird, weil man die Physik nun mal nicht betrügen kann, droht die Gefahr des kompletten Verlusts aller Kontrolle über erworbene Software. Besteht keine Internet-Verbindung, sitzt man auf dem Trockenen, obwohl man genau dann eventuell am ehesten nach spielerischer Ablenkung sucht, um die Freizeit spaßig zu gestalten. Was Steam, Origin und UPlay bereits indirekt vollziehen wäre dann am ultimativen Höhepunkt angelangt. Man erwirbt in der Tat nur noch Nutzungsrechte für ein Spiel, kann diese aber jederzeit anhand rechtlicher und organisatorischer Ereignisse entzogen bekommen.

Siehe das Beispiel GTA San Andreas. In Rockstars Retro-Hit wurden einige Musikstücke nachträglich entfernt, weil nötige Rechte nicht erneuert werden konnten. Während Besitzer einer älteren Fassung keine Einschnitte haben, ja gar die Original-CDs von anno dazumal in vollem Umfang genießen können, wären Stream-Kunden auf Gedeih und Verderb jeglicher Veränderung ausgeliefert, bis hin zur kompletten Abschaltung von Servern und Einschränkung durch hiesige Jugendschutzbestimmungen. Was übrigens der Grund ist, warum Grid in Deutschland noch nicht verfügbar ist. Es wird nicht vor dem zweiten Quartal 2015 damit gerechnet, weil NVIDIA ein System zur Altersverifikation einbauen muss, das hiesigen Gesetzesbestimmungen entspricht. Und selbst dann gilt ausschließlich deutsches und kein europäisches Recht. Importe von außerhalb, weil nicht in Deutschland verfügbar? Bitte abschminken! Zumal genau für solche Geschichten 400 Euro Anschaffungspreis über alle Maße gesunden Menschenverstands hinausschießen.

Immerhin benötigt der saubere Stream aus dem Netz laut NVIDIA mindestens zehn Mbit konstante Zufuhr – je mehr, desto besser. Auch das ist unterm Strich nur in den heimischen vier Wänden bei stabilem Niveau machbar – und sowieso nur für Anwohner größerer Ballungszentren mit entsprechendem DSL. Mal abgesehen davon, dass die mobile Übertragung per UMTS an sich einige Verzögerungen zulässt und die meisten Mobilfunkverträge Datenvolumen mitbringen, die man innerhalb von zwanzig Minuten ausgesaugt hätte, sind die Anbindungen genau dann am unzuverlässigsten, wenn man sie ehesten auskosten möchte. Zum Beispiel auf der Reise quer durch das Land, etwa im Zug, wenn nicht nur die Übertragungsqualität schwankt (sofern denn überhaupt messbar), sondern auch permanente wechselnde Anbindungen an Funkmasten jegliche Hoffnung auf einen konstanten Stream vernichten.

Wer auf volle Grafikpower steht, kann seinen heimischen PC aufrüsten – weit höher, als er für die rechenzeithungrigsten Spiele überhaupt benötigt. Genügt mittelmäßige Grafik, immerhin in Full HD, aber dafür mit dem breitesten verfügbaren Spiele-Angebot? Dann kommt eine übliche Spielkonsole weit günstiger, ist einfacher zu handhaben und in allen Belangen zuverlässiger. Warum um alles in der Welt sollte man streamen und dabei Latenzen, volle Abhängigkeit und weitere Verluste der Nutzungsrechte in Kauf nehmen?

Fazit

Als Tablet gefällt mir Shield ungemein gut – gerade was den Bildschirm angeht. Er zeichnet nicht nur flink, sondern reagiert auch sehr schnell auf manuelle Eingaben, was sowohl meine handschriftlichen Notizen per Stylus als auch meine Höchstpunktzahl in Pinball Arcade unter Beweis stellen. Android-Spiele, die per Touch-Steuerung bedient werden, laufen flüssiger und lassen sich besser spielen als je zuvor, zumal einige Titel verbesserte Grafiken mitbringen, wenn sie den verbauten Tegra-Chip entdecken.

Irre, was man bei mobiler Hardware inzwischen aus den Chips zaubern kann. Portal im Zug zocken? Spielerisch kein Idealkandidat für unterwegs, zumal man der klobige Controller noch irgendwo unterbringen muss, aber technisch beeindruckend ist das allemal. Nur das Streaming-Feature, sei es lokal oder über das Netz, ergibt wenig Sinn, weil bessere Alternativen stets in der Nähe sein müssen oder aber günstiger erworben werden können.

Daher gibt es an dieser Stelle zwei Bewertungen. Ihr sucht ein überlegenes Android-Tablet samt Stylus-Steuerung, das sowohl für Spiele taugt als auch sonstige Alltagsfunktionen hervorragend meistert? Stichwort 5k-Kamera. Dann bitte zugreifen! Ihr sucht eine Alternative für PC und Konsole für ein vollwertiges Spielerlebnis? Leider Fehlanzeige – trotz des guten Controllers, der übrigens per USB-Kabel auch am PC funktioniert.