Einer Stadt den extrem bescheuerten Namen „Santa Destroy“ zu geben, weibliche Charaktere vornehmlich vom Hals abwärts zu porträtieren und den Helden der Story auch noch Travis Touchdown zu nennen, sollte eigentlich nicht ungestraft bleiben. Wenn das alles jedoch aus dem Kopf des Designers Goichi „Suda 51“ Suda entsprungen ist, lehnen wir uns zunächst einmal zurück und genießen die Show. Schließlich wandelt der Spielemacher schon seit einigen Titeln immer wieder zwischen Genie und Wahnsinn.

Als sich Travis Touchdown durch eine Rangliste der Profikiller gekämpft hat, erreichte er damit auch den Olymp seines Gewerbes. Tief befriedigt konnte er sich aus dem Geschäft zurückziehen und von der Bildfläche verschwinden. Da die Katze aber das Mausen nicht lässt, kehrt er für das Sequel noch einmal zurück und geht seinem alten Broterwerb nach. Leider kann er nicht als Numero Uno in den neuen Wettbewerb gehen und einfach seinen Titel verteidigen. Er muss wieder von ganz unten anfangen und sich von Platz 51 an die Spitze meucheln.

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Olympiade der Spitzenmeuchler

Einen besonderen Motivationsschub erfährt unser Hauptdarsteller, als sein Lieblings-Comichändler von Handlangern eines großen Gangsterboss enthauptet wird. Nett wie solche Menschen nun einmal sind, entsorgen sie das Händler-Haupt direkt durch das Fenster von Travis. Ein paar Recherchen später ist klar, dass der Drahtzieher nicht nur das mächtigste Imperium Santa Destroys befehligt, sondern auch noch die amtierende Nummer eins der Killerzunft ist. So viel Zufall kommt Travis wie gerufen, denn neben der Rückeroberung des Ranglisten-Throns kann er auch noch Rache für den Anschlag üben. Ganz schön praktisch.

No More Heroes 2: Desperate Struggle - Offene Spielwelt – heute geschlossen wegen Blutfontäne

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Skurrile Mischung: Lichtschwerter, Anime-Optik, Gewalt, Erotik...
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Die kühle Schönheit Silvia Kristel ist ebenfalls wieder mit von der Partie. An der Namenswahl zeigt sich einmal mehr die Anlehnung des Spiels an die Popkultur: Die „echte“ Silvia hat in den Siebzigern die Softporno-Ikone „Emanuelle“ verkörpert. Vielleicht ist das der Grund, warum die Kamera ihr häufig ins Dekolleté fällt. Derartige Anspielungen finden sich mal wieder zuhauf in dem Spiel. Schon der erste Teil hatte jede Menge Erinnerungsmomente aus der Welt des Kinos und der japanischen Comicszene eingebaut. Das verwundert nicht, denn schließlich handelt es sich bei Travis um einen waschechten Otaku, dessen Kosmos sich eigentlich ausschließlich um Videos, Mangas und Computerspiele handelt.

Sein außergewöhnlicher Job passt da natürlich wunderbar ins Gefüge. Scheinbar ist in Santa Destroy der Stand eines Hitman aber eine stinknormale Angelegenheit. Ansonsten würden die vielen Berufsmörder ihre Rangliste nicht in einem Verband organisieren oder ihrem Tagewerk völlig unverhohlen nachgehen können. Wie wir aus dem ersten Teil wissen, wurde der Grundstein zu Travis‘ Killer-Karriere gelegt, als er in einer Internet-Auktion sein erstes Beam-Katana, eine Mischung aus Jedi-Lichtschwert und Samurai-Säbel, erstand. Auch im Sequel schwingt Travis wieder diese Waffe – für die möglichst blutige Beseitigung seiner Konkurrenten gibt es kaum ein geeigneteres Gerät.

Im Kampf gegen die Steuerung

Mit Nebenjobs wie Kammerjäger oder Klempner verdient sich Travis ein paar Kröten nebenher für sein Equipment. Dabei wechselt der Stil plötzlich in die 8-Bit-Ära, in der simple Minigames zu meistern sind. Der Lohn ist aber auch Schmerzensgeld für die selten miese Steuerung. Ein Lauf als Käfer-Exterminator durch das Insektenlabyrinth wird zur Zerreißprobe für die Spielernerven. Selbst ein schlecht programmiertes C64-Game hatte seinerzeit eine präzisere Lenkung. Fast glaubt man, dass sich die Spielfigur selbstständig macht. Mit dem Classic-Controller wird es dann einigermaßen erträglich, wenn auch noch immer nicht ideal. Dabei hätten die Programmierer doch einfach bei allem Retro-Charme auch die Navigation mit Wiimote und Nunchuk so einfach wie möglich halten können.

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Retro-Minigames lockern das Geschehen auf.
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Dafür lässt sich Travis ziemlich gut durch die Fights. Auch mit Wiimote und Nunchuk kann an sich erfolgreich durch die Massen an Leibwächtern hackschnetzeln. Mit einer einfachen Handbewegung gelingen brutale Finishing-Moves, die so grafisch dargestellt sind, dass sie niemand wirklich ernst nehmen kann. Der Comic-Look verleiht den Exekutionen zudem noch eine entschärfende Note. Das ist bei den meterhohen Blutfontänen aber auch wirklich notwendig – eine realistische Optik hätte wohl nicht nur in Deutschland drastische Kürzungen der Effektszenen zur Folge gehabt.

Offene Spielwelt – heute geschlossen

Nach jedem erfolgreichen Auftragsmord schalten die Spieler neue Elemente frei. Seien es neue Klamotten oder eben neue Verdienstmöglichkeiten. An Unternehmungen mangelt es nicht in Santa Destroy. Dieses Mal haben die Entwickler den Gedanken einer offenen Welt beinahe komplett über den Haufen geworfen. Dieser Schritt ist auch nur konsequent, denn schon im ersten No More Heroes war das Sandbox-Spielprinzip eher ein fauler Kompromiss.

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Gewalt und Kantenflimmern: No More Heroes 2 liebt die Extreme.
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Obendrein wirkte die Stadt bei einer pseudo-freien Erkundungstour seltsam steril. Das passte aber zur surrealen Atmosphäre, die der Titel verströmte. Was bleibt, ist der Grundriss der Stadt mit allen Stationen, die besucht werden können. Einfach mit dem Controller den Ort anwählen, und Travis schwingt sich automatisch auf sein High-Tech-Bike.

Grenzgang zwischen Kunst und Trash, der trotzdem nicht ganz den Charme des Vorgängers erreicht.Fazit lesen

Was man wohl bei Wii-.Spielen niemals ganz beseitigen kann, ist das Kantenflimmern. Auch bei No More Heroes 2 flackern die scharfen Kanten ganz gewaltig. Gerade bei dem flächigen, irrealen Comiclook fällt jede unruhige Textur auf. Ganz so gestochen scharf sind die Texturen sowieso nicht geraten, wie man am Boden erkennen kann. Die Charaktere dagegen sind deutlich besser gestaltet worden. Vielleicht wurden sie deshalb auch gleich im Dutzend geklont, wenn sie auf Travis losgelassen werden, um ihren Levelboss zu schützen.

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Immerhin ist das Wetter in Santa Destroy besser als bei uns.
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Bei denen kommt die Fantasie von Suda dann vollständig zur Entfaltung. Wen wundert es da, wenn einem ein spirituell angehauchter Rapper mit Flammenwerfer die Hölle heiß machen will oder Travis in einen Mech steigen muss, um in bester Prügelspiel-Manier weiter die Rangliste hoch zu steigen? Auch hier schlägt der Retro-Geist wieder zu - wenn schon nicht grafisch, dann wenigstens beim Gameplay. Manchem werden die Einfälle allzu japanisch daher kommen, für Freunde der abgefahrenen Otaku-Kultur Nippons ist es aber genau das Richtige.

Auch in der Auswahl des Soundtracks ist japanisches Flair angesagt. Zwar könnten die rockigen Gitarrensounds auch aus dem Westen kommen, spätestens bei einigen poppigen Passagen ist alles wieder typisch japanisch. Wenn sich dann auch noch durch Horden an Feinden gekämpft wird, ist das Arcade-Feeling vollständig. Die Dialoge sind in Englisch gehalten und deutsch untertitelt, was vielleicht auch die bessere Entscheidung war: Ein Otaku der etwas auf sich hält, genießt seine Games in englischer Sprache – oder besser noch, im japanischen Original.