Offene Münder und Fragezeichen, wo es sonst weniger kryptisch zugeht. Seit der Ankündigung im Dezember 2013 umgibt No Man's Sky der Nimbus des Unantastbaren, wortwörtlich: Man bekommt dieses Spiel nicht zu fassen, kann sich einfach kein rechtes Bild davon machen. Jahrelang zimmerten wir uns anhand blumiger Buzzwords (Procedurally-generates galaxies! – Near-infinite universe! – Multiple play styles!) die epochalsten Luftschlösser; jeder dachte sich in seine ganz persönliche Traumwelt. Nun ist der Tag der Veröffentlichung gekommen – und Entwickler Hello Games droht unter der geschürten Erwartungshaltung begraben zu werden.

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Sandbox-Survival – und Missverständnisse hätten keine Chance gehabt. Zwei Worte, die Sean Murrays Baby in seiner Komplexität zwar nicht völlig gerecht werden, dessen spielerischen Kern aber sinnvoll auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunterkürzen. Ein Genrebegriff, unter dem sich in Zeiten von Terraria, Don't Starve und Minecraft jeder etwas vorstellen kann – speziell Murray selbst, der diesen Beispielen während der Präsentation seines eigenen Spiels als Wegbereitern Tribut zollte.

Authentisch und absolut unverblümt sprach der Studiochef im Rahmen eines Pressevents Mitte vergangener Woche über No Man's Sky. Es war kein abgebrühter PR-Profi, der dort auf der Bühne stand. Wohlfeile Floskeln und hohle Phrasen sind ihm fremd, stattdessen erzählt er mit einer sympathischen Mischung aus väterlichem Stolz und Bescheidenheit über die vergangenen fünf Jahre seines Lebens: eine Zeit voller Entbehrungen, Selbstzweifel und Strapazen – eine Zeit, die er nicht missen möchte.

"We wanted to do something a bit different", erklärt Murray den Antrieb seines kleinen Teams, "and we know our game is going to polarize because of that“, ergänzt er nachfolgend. Seine Stimme ist entschlossen, beinahe trotzig. Er gibt sich keinen Illusionen hin, rechnet bereits mit gespaltenen Meinungen, ja kontroversen Diskussionen.

No Man's Sky - Die Gefahr des Hypes

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Aus Mutmaßungen werden ab sofort Gewissheiten. Nicht jedem wird dabei gefallen, wie die Antworten auf einige Fragen aussehen werden.
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Hype-Train auf Überholspur

Weder Sony noch Hello Games haben in den vergangenen zweieinhalb Jahren viel dafür getan, omnipräsente Fragen auszuräumen oder einen anderweitigen Beitrag dazu geleistet, No Man's Sky ein Stück weit aus seiner nebulösen „Was soll das nur für ein Spiel werden?“-Ecke zu holen. Man hielt sich bewusst bedeckt, schürte gezielt den schnell ins Absurde übersteigerten Hype. Viel zu spät lösten handfeste Details die vagen Infoschnippsel ab; erst im April dieses Jahres setzte sich Murray vor die Kameras der US-Kollegen von IGN, um das erste zusammenhängende Gameplay-Video überhaupt zu präsentieren – ein später, aber notwendiger Schritt. Tatsächlich jedoch redete der sympathische Entwickler mehr als er spielte, sodass sich abermals nur ein bedingt aussagekräftiges Bild seines Spiels ergab.

Hinter dieser Öffentlichkeitsarbeit muss, und das ist wichtig, keinesfalls böswillige Methode stecken. Es wäre grob vereinfacht und mindestens vorschnell, die Schuld hierfür allein bei Sonys PR-Mitarbeitern zu suchen, ihnen gar gezieltes Zurückhalten von Informationen zu unterstellen. No Man's Sky war schon immer ein „lebendiges“ Projekt, das in den vergangenen Monaten und Jahren sicherlich die kuriosesten Wendungen genommen hat. Vergleicht einmal die ursprüngliche Ankündigung während der VGX Awards 2013 mit dem aktuellen Launch-Trailer. Natürlich handelt es sich nicht plötzlich um ein völlig anders Spiel, doch allein diese wenigen Szenen unterscheiden sich bisweilen stark voneinander, zeigen Ideen und Konzepte, die im fertigen Spiel nur abgewandelt oder gar völlig verworfen wurden.

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Ein Projekt dieser Größe kann sich schnell verselbstständigen. Gut möglich, dass sich Sony auch deshalb lange Zeit so bedeckt hielt.
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Die Entwicklung eines Spiels verläuft in den wenigsten Fällen streng linear; wer nicht dazu in der Lage ist, sich auf Änderungen im ursprünglichen Fahrplan einzulassen, wird sich schnell in einer Sackgasse wiederfinden. Das No Man's Sky, in dem wir seit dieser Woche unsere Reise antreten, ist sicher nicht gerade deckungsgleich mit dem, was Murray noch vor fünf Jahren vorschwebte. Insofern ist es nur allzu verständlich, sollte Sony sich anfangs bewusst zurückgehalten haben – nicht um zu täuschen, sondern um Missverständnisse und falsche Versprechungen zu vermeiden. Nur: Seither ist viel Zeit verstrichen. Aus der vagen Ahnung wurde ein konkretes Projekt, aus Bits und Bytes eine prozedural berechnete Welt. Nur Sonys Öffentlichkeitsarbeit blieb weitestgehend unverändert: Man schwieg.

In diesem Vakuum bildeten sich die absonderlichsten Theorien und Vorstellungen heraus, welche Art Spiel No Man's Sky denn nun werden könne: ein Endlosspiel im besten Sinne, mit schier unerschöpflich vielen Planeten, den verschiedensten Gameplay-Säulen und überhaupt allem, was wir uns je zu träumen gewagt haben. Dass ein kleines Team von fünf bis fünfzehn Mann das niemals würde stemmen können? Geschenkt! Und Sony tat bis zuletzt wenig dafür, dieses etwas windschiefe Bild geradezurücken.

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