Souls-Klone. Viele Leute verabscheuen sie, weil sie erfolglos versuchen, die geniale Formel von From Software nachzuahmen und dabei einen von zwei Wegen gehen: Sie entwickeln keine Eigenständigkeit, weil sie zu nahe an Souls bleiben (ohne es zu erreichen), oder ändern gerade genug, als dass das Spielgefühl zu anders ist und nicht mehr hinhaut. Ich persönlich mag Souls-Klone, eben für die Unterschiede, für die Versuche, das vorhandene Konzept anzureichern – es eins zu eins zu imitieren klappt eh nicht. Dennoch muss man deutlich sagen, dass Nioh so ziemlich zum schlechtesten Zeitpunkt auftaucht, den man sich denken kann.

Ich meine, wir kommen alle frisch von Dark Souls 3 oder stecken noch mittendrin, vorher haben wir zur Überbrückung vielleicht Salt and Sanctuary gespielt oder die Vorgänger noch mal, und jetzt gerade warten wir möglicherweise auf Eitr oder Death's Gambit oder Necropolis oder The Surge oder... man, es gibt mittlerweile wirklich 'ne Menge Souls-inspirierte Spiele, oder?

Jedenfalls muss sich Nioh jetzt, da die Alpha-Demo auf PS Plus erschienen ist, jeden Vergleich gefallen lassen, der ihm nur passieren kann, und im Zuge dieses Wettbewerbs landet das an sich sicherlich beachtliche Samurai-Souls-Nümmerchen in der Bedeutungslosigkeit, zumindest scheint es so. Team Ninja, ansonsten bekannt für Ninja Gaiden, Dead or Alive und dann nicht mehr allzu viel, machen eine Menge Gewese im Versuch, ihrem Spiel eine eigene Identität und Besonderheit zu verleihen. In gewisser Weise gelingt das sogar. Doch reicht es?

Nioh - Praise the Rising Sun?

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Unser Samurai-Geralt zerhaut ordentlich Feinde - nicht sehr soulig, das Ganze.
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Nioh erzählt... eine Geschichte. Sorry, ich würde gerade genauer werden, aber die Demo macht das nicht unbedingt leicht. So viel lässt sich sagen: Man steuert einen blonden, westlichen Samurai (oder zumindest Schwertkämpfer) namens William, der im 17. Jahrhundert an einer japanischen Küste angespült wird, an der offenbar alles zu spät ist: Mordlustige Räuber, Samurai, Ronin und Dämonen, alles will unserem Blondschopf an den Kragen. Schon interessanter ist die Geschichte der Spielentwicklung: Es ist seit 2004 geplant und basiert auf einem unfertigen Script von Altmeister Akira Kurosawa. Was, wirklich?!

Ja, tatsächlich, ist aber nicht so, dass man das von Anfang an mitkriegen würde. Was man schon eher mitbekommt: Man möchte drüben bei Nioh wie Souls sein, nur actionreicher. Das klingt zwar verständlich, aber auch gleich mal so, als ob es nicht hinhaut. Und tatsächlich, rutscht man gerade von Dark Souls 3 rüber, kommt man erst mal überhaupt nicht klar. Von Kollegen hört man da auch schon mal den Satz "Nioh hab ich probiert – Steuerung war scheiße, also hab ich es wieder gelassen."

Packshot zu NiohNiohRelease: PS4: 2016 kaufen: Jetzt kaufen:

Das ist etwas voreilig und krass formuliert. Nioh ist schneller und hat ein paar Eigenheiten. Zum Beispiel kann man zwar Feinde anvisieren, doch William bleibt nicht auf sie ausgerichtet, es sei denn, man blockt. Anderer Punkt: Man kann zwar, wie üblich, Ausdauer verbrauchen, doch wenn man sie komplett aufbraucht, wird man kurzzeitig richtiggehend betäubt (und offen für einen vernichtenden Finishing Move). Und dann kann man mit jedem Levelaufstieg am Bonfire... Verzeihung, am Schrein, nicht nur Statuswerte erhöhen, sondern mit Skillpunkten auch Magie und aufwändigere Spezialmanöver lernen. Und schwupps – eh man sich versieht, hat man doch wieder Ninja Gaiden vor der Nase...

Viele gute Ideen, die bislang nicht organisch zusammenkommen.Ausblick lesen

Nein, das nicht. Aber eben auch nicht Souls. Es ist schneller und unleugbar reflexgetriebener als Souls. Es gibt drei Klassen von Waffen (Schwerter, Hämmer/Äxte und Speere), in jeder von ihnen kann man drei verschiedene Haltungen einnehmen, was andere Kombos erlaubt. Lernt man Spezialmanöver, kann man diese Kombos mit ihnen anpassen und individualisieren, sodass dann etwa Ausdauer ausgegeben wird für einen kurzen Stun, oder dass ein Kick es erlaubt, den Widersacher seiner eigenen Stamina zu berauben. Ist ja alles ganz nett und vielleicht kommt es in der Vollversion auch besser zur Geltung, doch in der Demo wirkt diese ganze Nummer eher ermüdend, unnötig und aufgeblasen.

Nioh - Praise the Rising Sun?

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Man trifft einige seltsame Viecher, aber noch wirkt das Ganze nicht wie aus einem Guss.
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Überhaupt wirkt es ein bisschen, als seien die meisten Elemente in Nioh nicht Ergebnis einer organischen Entwicklung, sondern vielmehr reingeworfen, mit ordentlich gedrückten Däumchen und der Gewissheit, nun noch etwas als Feature auf die Packung klatschen zu können. Man kann also nicht nur Schwerter finden, sondern Schwerter in den üblich farbcodierten Seltenheitsstufen, wobei aber leider nur bedingt Motivation aufkommt. Man sammelt nicht nur Loot, sondern hört dabei die Geister der Dekoleichen reden. Man kann als zusätzlichen Passivbonus einen Schutzgeist am Schrein zu bestimmen, wie viel das auch immer bringen mag.

Es lohnt sich, zu erwähnen, dass ein paar Dinge Nioh durchaus besonders machen. Es ist ein absolut stilsicherer Samurai-Fantasy-Schinken, das Design der verschiedenen Items, vor allem der Rüstungen, sitzt bombenfest und lässt in der feucht-fischigen Düsternis von Dämonen-Japan viel Stimmung aufkommen. Und es gibt allerorts Kleinigkeiten, die das Erlebnis dann irgendwie doch bereichern. Zum Beispiel kann man gegen die Geister verstorbener anderer Spieler kämpfen, und wenn man sie besiegt, darf man wertvolle Ausrüstung einstreichen, die sie zum Zeitpunkt ihres Exitus' trugen – coolio. Man kann sich an Schreinen Schutzgeister (NPC-Phantome) beschwören, die einem im Level helfen, im Austausch gegen bestimmte Items – leider sind diese NPCs viel zu stark und können quasi die ganze Demo alleine klären. Man kann auch kleine Feen-artige Wesen finden und zu den Schreinen weisen, damit man langfristig zahlreiche passive Boni freischaltet.

Doch macht all das den Braten fett? Nicht wirklich. Es wirkt eher wie eine Aneinanderreihung von eigentlich passablen Versatzstücken, die nie zueinander finden. Ich möchte ehrlich sein: Es fällt mir nach der Demo schwer, irgendetwas wirklich Gehaltvolles über Nioh zu sagen, und ich fasse das als ein immens schlechtes Zeichen auf. Wenn ich es zusammenfassen müsste (und hier behaupten Leute, ich müsse das, weil es "mein Job sei" und ich müsse "den Text abliefern" da ich sonst "gefeuert werde"), würde ich sagen: Ich habe seit langer Zeit kein Spiel gesehen, in dem so viele gute Ideen nicht funktioniert haben – alles erschlägt einen, doch nichts ergibt auf Anhieb wahnsinnig viel Sinn oder überzeugt. Oder zumindest zu spät: Nach ein paar Stunden kann man sich ins Spiel fuchsen, was den Spielspaß deutlich steigert. Und obwohl das vielleicht die größte Parallele zum großen Vorbild Souls ist, ist es nicht genug, um vom jetzigen Zustand aus eine Empfehlung zu geben. Warten wir die volle Version ab, doch Optimismus sieht anders aus.