Letzte Nacht war ein guter Reminder dafür, wie schnell die Zeit vergeht. Seit dem tragischen Tod von Nintendo-Chef Saturo Iwata sind nun mehr als vier Monate vergangen - und um 23:00 Uhr strahlte sein Unternehmen die erste Direct-Konferenz ohne seine sympathische Moderation aus. Eine denkwürdige Übertragung, in mehr als einer Hinsicht.

„Kinderkram“ im schlimmsten Fall, wahrscheinlicher „Die mit dem 3DS und dieser gefloppten Konsole“ oder einfach rosarote Kindheitserinnerungen: Jeder denkt bei dem Begriff Nintendo an etwas anderes und tatsächlich finden hinter den Kulissen des japanischen Traditionsunternehmens gerade große Umbrüche statt. Nintendo strukturiert sich neu: mit Tatsumi Kimishima als neuem Präsidenten, amiibo-Figuren (und neuerdings auch -Karten) als zweitem und Handy-Spielen als drittem Standbein sowie der hastig entwickelten NX als Hardware, die lieber schon heute als morgen alles besser machen soll.

Fakt ist: Bei NIntendo wird derzeit parallel an einigen Baustellen gearbeitet und die Direct-Übertragung am späten Donnerstagabend war der typisch japanische Versuch, Wogen zu glätten und das Gesicht als gut geölte Unternehmensmaschinerie zu wahren. Mission geglückt, trotz einer insgesamt eher schwachen Show.

Linkle: Link wird zur Frau - Ein neuer Charakter könnte Nintendos mutigster Schritt seit Jahren sein

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Ein Anblick, an den wir uns hoffentlich gewöhnen dürfen: Linkle.
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Wie zu erwarten war, versuchte man vor allem, den Status quo aufrechtzuerhalten, hat mit den aktuellen Ressourcen vermutlich auch kaum die Möglichkeit, gleich mehrere große (Neu-)Ankündigungen aus dem Boden zu stampfen. Dementsprechend war es gestern eher ein „Stimmt, das kommt ja auch noch“-Abend: viel bereits Bekanntes, hübsch und angesichts des Verlusts von Iwata vergleichsweise nüchtern präsentiert.

Und dann erwähnte Satoru Shibata beinahe beiläufig die vielleicht größte Enthüllung seit Jahren.

Die Ankündigung der 3DS-Version des Zelda-Dynasty-Warriors-Crossovers Hyrule Warriors (Legends) war keine neue, auch hatte man bereits mehrmals durchsickern lassen, dem mobilen Pendant ein paar zusätzliche Extras wie neue Charaktere zu spendieren. Toon Link vielleicht, auch Horror-Kid wäre möglich oder ein weiblicher Link.

Wie bitte?

(Die Linkle-Ankündigung erfolgt bei 35:24)

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Ohne großes Gewese kündigte Nintendo mit Linkle hochoffiziell das feminine Gegenstück zum alten Hylianer an - und öffnet damit mehr Türen als wir zählen können. Dass dieser neue Charakter nicht nur schnödes Gimmick ist, sondern künftig wirklich größere Rollen übernehmen könnte, deuten vor allem Shibatas Erläuterung während der Präsentation an. Noch während sich die ersten Spielszenen über den Bildschirm schieben, ist der NoE-Präsident bereits versucht, eine von Linkles prägnantesten Attacken als „Wirbeltritt“ in den Köpfen der Spieler zu installieren, damit bewusst ein Eins-zu-eins-Pendant zu Links Wirbelattacke zu schaffen.

Vielleicht lese ich hier eine Spur zu bemüht im Kaffeesatz, andererseits: Warum sollte man sich so viel Mühe mit einer neuen Figur geben, wenn sie in Zukunft nur schmückendes Beiwerk ist? Linkle könnte Großes bevorstehen, die einzige Frage ist: in welcher Form genau? Wir bewegen uns nun auf ziemlich dünnem Eis, aber womöglich ist sie sogar die Protagonistin im kommenden Zelda U, das schon immer reichlich zum Spekulieren eingeladen hat. Völlig an den Haaren herbeigezogen ist das jedenfalls nicht, Ähnlichkeiten der Charaktere durchaus vorhanden, wie unser Bild zeigt.

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Ein bisschen muss man die Augen schon zusammenkneifen, aber unmöglich ist es nicht, dass es sich hierbei um dieselbe Person handelt.
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Tabula rasa

So oder so, bereits seit Jahren werden neue Charaktere von Nintendo gefordert und auch wenn Linkle auf den ersten Blick wie ein billiger Versuch wirken mag, mit vorgehaltener Pistole eine unbekannte Figur zu etablieren, steckt hinter der Fassade doch einiges an subversivem Potential. Die Hylianerin ist ein unbeschriebenes Blatt und gibt Nintendo dadurch die Möglichkeit, endlich mit alten Zelda-Konventionen zu brechen, ohne Fans vor den Kopf stoßen zu müssen. Die alten Regeln gelten ausschließlich für Link - sein weibliches Gegenstück hingegen kann sich problemlos über diese hinwegsetzen. Sprachausgabe in einem Zelda-Spiel? Plötzlich kein Ding der Unmöglichkeit mehr und nur ein Beispiel von vielen.

Überhaupt könnte Linkle in der aktuellen Zeit des Umbruchs zu so etwas wie einem Symbol für Nintendo werden: Konventionen überwinden, wo es sinnvoll ist und zugleich sich selbst und den eigenen Wurzeln treu bleiben. Vor keiner geringeren Herausforderungen steht der Mario-Konzern, der mit Linkle die Tür in eine neue Welt aufgestoßen hat und jetzt nur noch den Mut braucht, diese zu betreten.

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