Fußstapfen. Riesige, tiefe Fußstapfen. Satoru Iwata füllte sie aus, als sein Vorgänger Hiroshi Yamauchi im Jahr 2002 zurücktrat. Er drehte den Kurs der Marke Nintendo, als sie den Tiefpunkt ihrer Popularität erreichte, führte sie zurück an die Spitze der Branche, und konnte sie doch nicht dauerhaft vor den Auswirkungen des Marktwandels bewahren. An der Schwelle zu einer weiteren neuen Ära hinterlässt sein Tod eine noch viel größer klaffende Lücke als damals.

Satoru Iwata ist ein Mensch, den man nur schwerlich getrennt von Hiroshi Yamauchi behandeln kann. Yamauchi war das letzte Mitglied der Gründerfamilie Nintendos, bestimmte über 50 Jahre lang den Erfolg der Firma. Kein Programmierer, kein Game Designer, aber ein Mensch mit einem guten Gespür für Marktlage und Marktlücken. Yamauchi suchte in den frühen Tagen des NES noch handverlesen Spiele aus, die er für tauglich hielt, gründete Divisionen, die sich in gegenseitiger Konkurrenz beim Ausbaldovern toller Spielideen übertrafen. Er war alles, aber kein Freund von Arbeitnehmerrechten, wie schon sein (plötzlicher) Einstieg bei Nintendo beweist. Er ließ nicht nur seinen eigenen Cousin feuern, sondern tauschte kurz vor 1950 einen großen Teil der streikenden Belegschaft.

Yamauchi war talentiert und vorausschauend, aber auch knüppelhart in seiner Firmenpolitik. Seinen Platz einzunehmen, war für Iwata alles andere als leicht. 2002 erging es Nintendo weit weniger gut als erhofft. Nintendos GameCube sah keine Chance gegen Sonys PlayStation 2, wodurch die Japaner noch weiter in den Hintergrund der Szene zu rutschen drohten als mit dem ebenfalls unter Erwartungen gehandelten Nintendo 64. Iwata übernahm die Führung Nintendos in Zeiten des Hochwassers, als den Leuten aus Kyoto die Soße noch nicht bis zum Hals stand, aber gewiss bis zum Brustbein.

Nachruf auf Satoru Iwata - Präsident, Entwickler, Gamer: ein Verlust, nicht nur für Nintendo

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Satoru Iwata hinterlässt eine große Lücke - nicht nur bei Nintendo.
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Doch Iwata war nicht Yamauchi. Nicht im Wesen, nicht im Führungsstil und nicht in seiner Expertise. Er war Programmierer, Designer, selbst ein Spieler und somit weit tiefer in der Materie als Yamauchi es je sein konnte. Er stieg schon 1982 bei HAL Laboratory ein, einem Softwarestudio, das in den kommenden Jahren sehr eng mit Nintendo zusammenarbeiten würde. Staubsaugergeist Kirby stammte zwar nicht direkt aus seiner Feder, aber er hatte seinen Anteil an dessen Gestaltung, ebenso wie bei späteren Kassenschlagern der Marke Pokémon. Das Vertrauen, das er genoss, brachte ihm im Jahr 2000 eine Stelle direkt bei Nintendo ein; er wurde von Null auf Hundert in den obersten Stab katapultiert und überholte dabei mir nichts dir nichts Größen wie Shigeru Miyamoto im Rang.

Der Erfolg gab ihm recht, wie sich schon bald zeigen würde. Wie der Baron Münchhausen zog er Nintendo am eigenen Schopfe aus dem Sumpf. Nicht mit einem Frontalangriff auf die Konkurrenz, sondern durch das Ändern der Rahmenbedingungen. Er peilte die breite Masse als Kundschaft an, erweiterte das Spektrum der Zielgruppe auf unglaublich gewiefte Weise. Niedriger Einstiegspreis, Spielspaß statt Technik, nachvollziehbare Inhalte statt endlos abstraktem Videospielgedöns. Eigentlich eine sehr typische Nintendo-Philosophie und doch ganz neu ausgerichtet. Die Einführung der Wii-Konsole hatte nicht weniger Gewicht oder Bedeutung als Yamauchis Vorstoß mit dem NES. Beide erschlossen neue Zielgruppen, schlugen dem Markt ein Schnippchen, als eben jener sie auszuschließen drohte.

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Wahrscheinlich einer der Gründe, warum ihm Yamauchi nach einigen Jahren der Beobachtung reuelos das Feld überließ. Der Nintendo-Godfather beobachtete das Treiben seines Schützlings post 2002 noch eine ganze Weile aus der Ferne, bevor er die Nabelschnur trennte, was allemal verständlich ist, wenn ein traditionsreiches Familienunternehmen an eine völlig familienfremde Person übergeben wird. Sowohl Wii als auch die Handheldsparte mit DS und 3DS versprachen eine rosige Zukunft für das Yamauchi-Familienunternehmen.

Umso bedauerlicher scheint es, dass Iwatas Siegeszug bei weitem nicht so lange vorhielt. Gamer oder nicht, er unterschätzte den grafikaffinen Westen und die Hebelwirkung der Drittlizenznehmer. Der Zaubertrick mit der Casual-Welle wollte mit der WiiU kein zweites Mal gelingen.

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Zum Gedenken an Iwata wurde die Nintendo-Flagge an vielen Standorten auf Halbmast gesetzt.
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Das war keine Glücksfrage oder eine Konsequenz im Wandel des Spielebusiness, sondern schlicht eine Fehleinschätzung eines Teams, dessen Hauptmitglieder aus der alten Garde stammen. Leute, die Videospiele noch immer in ihrer traditionellen Rolle verstehen, ja gar eine leicht festgefrorene Vorstellung von diesem Medium haben. Wodurch Iwatas Vorstoß auf den mobilen Markt noch mutiger erscheint, als er im Kontext der Firmenpolitik ist. Genau solche Züge unterscheiden Visionäre von Handwerkern. Den Horizont erkennen, selbst wenn er verschwommen erscheint, weil man altersbedingt nicht mehr die allergrößte Weitsicht mitbringt. Die nötigen Sichtgläser lieferten ihm Aktienbesitzer.

Nun, 55 Jahre sind kein hohes Alter, und ein Krebstod in der Mitte des Lebens ist unglaublich tragisch. So etwas wünscht man niemandem. Trotzdem lässt sich nicht leugnen, dass der Geist Yamauchis immer hinter ihm schwebte, mit dem Zeigefinger der Tradition stets erhoben, was Iwata und in respektive Nintendo in mancher Hinsicht ausbremste. Diese Traditionsfesseln könnte Nintendo nun losgeworden sein, was als positive Entwicklung zu werten wäre, wenn denn jemand seinen Platz füllen könnte. Denn lose Fesseln können auch negative Folgen haben, gar in Übermut und falscher Risikobereitschaft enden. Nintendo braucht einen neuen Visionär seines Schlages, der die Kräfte der Firma kanalisiert, sie sinnvoll ausrichtet. Ob Shigeru Miyamoto und Genyo Takeda dieser Aufgabe gewachsen sind, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Eines ist jedenfalls klar: Ohne eine so fokussierte Persönlichkeit wie Iwata oder Yamauchi an der Spitze wird es schwer werden, den Aktienbesitzern Paroli zu bieten. Ihr Einfluss wird wachsen, ihre Geschäftsideen werden immer öfter den Alltag bestimmen. Die Erfahrung im Kapitalismus zeigt, dass dies meist zu Lasten der Kunden geschieht. Aber das muss mitnichten den Untergang Nintendos zufolge haben. Wie immer, wenn ein Wandel bevorsteht, ergeben sich neue Chancen und Iwata höchstpersönlich stellte die Weichen für eine solche Entwicklung noch vor seinem Ableben. Wenn Nintendo irgendwann den erneuten Absprung schafft, dann wird es sein letzter Verdienst sein.

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