Big N goes Smartphone! Geht es Nintendo wirklich so schlecht, trotz Handheld-Dominanz und stabiler Qualität auf dem Heimsektor? Oder bekommen Nintendos Shareholder nur den Hals nicht voll genug? Wenn die alteingesessene Firma aus Kyoto auf Smartphones umsattelt, ist der erste Riss im Damm der alten Konsolenwelt aufgebrochen.

Nichts hält ewig. Nicht einmal meine fünf Euro im Phrasenschwein. Selbstverständlich kann man aus dieser Weisheit etwas Gutes ziehen, gerade wenn es um Nintendo geht. Der König des mobilen Spielvergnügens könnte mit der Erweiterung der Palette auf Smartphone-Spiele zu altem Glanz aufsteigen. Frische Köpfe, frische Ideen, neues Umfeld, neue Zielgruppe.

Die Betonung liegt auf dem Modalverb „könnte“, das ebenso einen positiven wie auch einen negativen Verlauf in Aussicht stellt. Was, wenn Nintendo versagt und in der Masse der App-Anbieter untergeht?

Nintendo - Mario auf dem iPhone: Was bedeutet Nintendos Entscheidung für Spieler, Big N und die Branche?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 70/731/73
Hüpft Mario demnächst auf dem iPhone? Irgendwie läuft es uns da kalt den Rücken runter.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Siehe Square-Enix. Man mag über die Qualität der jüngsten Final-Fantasy-Rollenspiele streiten, ja ihnen gar die Zugehörigkeit zum erwähnten Genre absprechen. An den Umsätzen gibt es auf den Konsolen (und inzwischen PC) aber nur wenig Grund zur Klage. Square-Enix büßte Ruf und Gewinn ein, womöglich sogar aufgrund von Fehlkalkulation. Am Ende des Tages gehören die Japaner aber noch immer zu den erfolgreichsten Firmen unseres Business.

Nur auf den Smartphones erscheint nichts, was der Rede wert wäre. Ausnahme: Eine Handvoll Remakes verstaubter Final-Fantasy-Klassiker sowie ein unterirdisch vergurkter Mikrotransaktionen-Generator des gleichen Namens. Betrachtet man Spielinhalte und Innovationstrieb, ist der Name Square-Enix auf dem Handy-Markt nicht mehr wert als der jedes dahergelaufenen Indie-Entwicklers, selbst mit einer ordentlichen Gewinnmarge in den Büchern. Nintendo könnte es trotz der Ankündigung, keine Remakes auf den Markt bringen zu wollen, ähnlich ergehen, denn es gilt, einen Spagat zu vollziehen.

Selbstverständlich wird Big N in der jüngst angekündigten Kooperation mit dem Internet-Konzern DeNA zugkräftige Namen vor den Wagen spannen. Rechnen dürften wir mit Mario, Zelda, wahrscheinlich auch Pokémon. Nur wird kein Spiel dieser Reihen ein vollwertiger Vertreter seiner Zunft werden, wenn Nintendo weiterhin eigene Hardware verkaufen will. Wer schafft sich schon einen New 3DS an, wenn er keine exklusiven Verkaufsargumente mitbringt? Es geht hier keineswegs um Portierungen, die Nintendo - wie schon erwähnt - ausschließt. Dennoch darf so ein Pokémon-Ableger auf dem Handy nicht besser ausfallen als auf der eigenen Hardware.

Eine Zwickmühle. Smartphone-Spiele mit Mario und Co. müssen qualitativ hochwertig sein, um Verkäufe zu generieren, dürfen aber in der Produktion nur wenig kosten, damit Nintendo den üblichen Preisrahmen von weniger als fünf Euro für das Basisprogramm nicht sprengt. Gleichzeitig darf ein Android-Mario nicht so gut spielbar, nicht so spielspaßfördernd sein wie üblich, sonst sägt der Klempner am eigenen Hardware-Ast. Was soll dabei herauskommen? Hotel Mario?

Nintendo - Super Mario auf dem iPhone? Nintendos "Ja!" zu Mobile-Games4 weitere Videos

Ganz so schlimm wird es nicht werden. Doch allein die Umstellung auf Touchscreen-Steuerung und den einzig nennenswerten Gewinnfaktor (Miktrotransaktionen) dürfte das Erscheinungsbild der klassischen Nintendo-Bestseller gehörig beeinflussen. Touchscreen kann Nintendo, das wissen wir vom 3DS und seinem Vorgänger. Nur gab es bislang kaum ein Inhouse-Spiel auf diesen Systemen, das die Bedienung ausschließlich und unwiderruflich auf Stylus und Fingerspitzen verlagerte.

Normale Abenteuer mit Link und Mario sind viel zu anspruchsvoll für eine plumpe Touchscreen-Eingabe ohne fühlbares Feedback (Ausnahmen wie die DS-Zeldas bestätigen die Regel). Das beweisen bereits (nicht ganz so legale) Emulationen von 8-und 16-Bit-Hits, deren Bedienung zwischen „geht gerade so“ und „Herrgottnochmal, ist das besch...eiden zu steuern“ schwankt. Sollte Nintendo einfach nur Klassiker umwandeln, also das alte Spielprinzip ohne Umdenken auf die neuen Plattformen übertragen, wird ihr Name jedenfalls gehörig an Wert verlieren. Was ran muss, sind neue Spiele und Ideen, die der schwachen Aufmerksamkeitsspanne der Klicki-Touchscreen-Generation entgegenkommen. Quasi ein Mario, das sich zur Hälfte selbst spielt – ein wenig so wie die beliebten Temple-Run-Apps. Andererseits: Wenn jemand dazu in der Lage, dann wohl Nintendo.

Eine Entscheidung der Industrie

Ich möchte das Szenario gar nicht schwarzmalen. Nintendo war schon immer eine sehr einfallsreiche Firma mit hohem Qualitätsanspruch. Womöglich werkeln die Jungs und Mädels in Kyoto schon an Konzepten, die den kompletten Markt umkrempeln. Es besteht eine große Chance, aus dem alten Trott herauszukommen, wieder wirklich innovativ und branchenführend zu werden. Es kann also auch gut gehen. Vor allem hat Nintendo eine Expansion in neue Märkte dringend nötig. Eine Neuausrichtung ist unvermeidlich.

Gründe dafür gibt es genug. Nach dem Abflauen des Wii-Hypes droht man derzeit wieder in die Kinderspielzeug-Ecke gedrückt zu werden. Die Wii U liegt wegen des bescheuerten Namens, der altbackenen Hardware und fehlender Innovation weder bei den Gelegenheitsspielern noch bei den Cracks besonders hoch im Kurs, während der 3DS keinen Anschluss mehr beim Apple-affinen Allgemeinpublikum findet. Er verkauft sich beim Hardcore-Gamer, aber eben nicht mehr bei Mutti und Oma, wie sein Vorgänger. Die glorreichen Zeiten von Dr. Kawashima sind wahrlich vorbei.

Nintendo - Mario auf dem iPhone: Was bedeutet Nintendos Entscheidung für Spieler, Big N und die Branche?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Apple und andere Hersteller dürften sich ob Nintendos Ankündigungen schon die Finger lecken.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Eigentlich traurig, das unser kapitalistisches System keinen dauerhaften Platz für eine Firma hat, die Millionengewinne einfährt, weil es vor ein paar Jahren noch deutlich ruhmreicher vorging. Eine gute Lektion für Kinder: Aktien und Margen sind wichtiger als Schöpfung, Kunst und Unterhaltung. Denn stinkend reich ist ja noch nicht reich genug.

Glücksfall für die Aktien-Heinis mit den Yen-Symbolen in den Augen: Die glorreichen Zeiten könnten wiederkehren, wenn niemand mehr Big N mit der zugehörigen „Kiddi-Hardware“ in Verbindung bringt. Denn mal ehrlich: Über ein Mario, Pokémon oder Dr. Kawashima würde sich niemand beschweren. Wer Klempner-Jump-and-Runs verschmäht, weil der knuffige Schnauzbart-Held die Hauptrolle spielt, begeht Spielspaßverweigerung aus Trotz. Schreib Mario drauf und fang an, die Scheine zu zählen. Sony würde trotz eigener Hitseller wahrscheinlich den halben Laden verramschen, um an eine IP dieser Größe heranzukommen. Von Microsoft ganz zu schweigen.

Die Frage ist nur, ob so ein Super Mario in fünf Jahren noch denselben Rang hat, wenn er durch einen Haufen plumper Smartphone-Apps geschickt wurde. Schon jetzt macht sich eine Schnauzbart-Inflation bemerkbar, die den Hype früherer Tage zunichte macht. Dumm nur: Auf dem Handy können seine Abenteuer nicht einmal halb so komplex oder kniffelig ausfallen wie auf dem 3DS. Das lässt der Touchscreen gar nicht zu, was wiederum ein Herunterkochen des Spielprinzips zur Folge hat. Noch dazu muss man so ein Spiel binnen Sekundenbruchteilen unterbrechen können, um nahtlos wieder einzusteigen. Nintendo steht ein langer Weg des Ausbalancierens bevor.

Gelingt das dem Unternehmen, wird danach nichts mehr so sein wie zuvor. Schon jetzt lesen Experten das Sterben klassischer Konsolen aus dem Kaffeesatz. Big Ns Umschwung könnte der erste Riss im Damm der Konsolenwelt sein, bevor das Konstrukt mit all seinen eingespielten Regeln unkontrolliert zusammenbricht, wie einst 1983. Nur dass es diesmal um kein Horror-Szenario mit Markteinbußen geht, sondern um absehbaren Wandel im Licht der Anforderungen der Konsumenten. Denn eines ist klar: Hat Nintendo damit Erfolg, wird der Rest nachziehen. Da ist einfach zu viel Geld zu scheffeln, als dass Sony und Microsoft den bislang nicht gerade beliebten neuen Heimkonsolen nachtrauern.

Nintendo - Mario auf dem iPhone: Was bedeutet Nintendos Entscheidung für Spieler, Big N und die Branche?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 70/731/73
Wenn ein Unternehmen vernünftige Mobile-Games entwickeln kann, dann Nintendo. Die Zukunft ist nicht unbedingt so düster, wie es momentan scheint.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das heißt nicht, dass alle auf Smartphones umsteigen. Aber eine Neuorientieren steht aus, ob wir das wollen oder nicht. Überall soll nur noch gestreamt werden, der Kunde soll möglichst wenig vorliegen und weniger Möglichkeit zur Beanstandung haben. Kleiner, weniger kostenintensiv, besser im Nachhinein kontrollierbar – das sind die Ziele der Schlipsträger unserer Branche. Ob Videospiele als Medium und künstlerische Form davon profitieren, ist nebensächlich, wenn nur der Umsatz stimmt. Stromverbrauch der Serverfarmen? Fehlende Netzanbindung in manchen Gebieten? Betrug am Verbraucher, der für Produkte bezahlt, die ihm letztendlich nicht gehören? Die man ihm jederzeit wieder wegnehmen kann, damit er erneut zahlen muss? Das ist die Zukunft! Ausdünnen wird unser liebstes Hobby, sowohl in den Genres auch in bei den Inhalten der einzelnen Titel, wenn wir jeden gewinnorientierten Wunsch der Schlipsträger als nötiges Übel akzeptieren.

Nintendos Ankündigung, Smartphone-Spiele produzieren zu wollen, ist ein Zeichen an die gesamte Branche. Es bedeutet so viel wie „In unserer Position ist nicht mehr Geld zu verdienen. Wir wollen aber mehr, egal um welchen Preis!“ Shareholder hin oder her. Diese Leute zählen nur Scheine und wissen nicht, was sie tun. Siehe die Filmindustrie. Auch hier bestimmen inzwischen Geschäftsmänner und nicht Autoren, wie das Ende eines Drehbuchs aussehen soll, damit man Kasse machen kann. Sei es durch Wohlgefälligkeit im Weichspül-Modus oder durch das Auslegen von Handlungssträngen, die eine Fortsetzung ermöglichen, auch wenn die Geschichte längst zu Eende erzählt wurde. Eine Branche, in der Neuauflagen das Wesen eines Kults zwecks Zielgruppenmaximierung zerstören. Es wird bei den Spielen nicht anders kommen.