Zu sagen, Nintendo sei nicht mehr der Name, der es einmal war, ist etwas irreführend. Es ist so, als wenn man sagt, eine Kanone sei keine zeitgemäße Waffe mehr – stimmt zwar irgendwie, aber wenn man von einer getroffen wird, ist man trotzdem hinüber. Das „wenn“ in dem Satz ist allerdings kritisch.

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Es gab eine Zeit, als samt und sonders alle Videospiele von Außenstehenden als „Nintendo“ bezeichnet wurden, so, wie viele Leute „Tesa“, „Pritt“ oder „Selters“ sagen. Die schiere Omnipräsenz des Traditionsvereins in den 90ern, als höchstens SEGA noch ein Wörtchen mitzureden hatte, ist schon lange nicht mehr gegeben, zu sehr haben Sony und Microsoft den Markt aufgeräumt.

Die Karten, die Nintendo dabei auf die Hand bekam, konnten sich dennoch mehr als sehen lassen. Indem sie sich nicht auf einen unsinnigen Konkurrenzkampf einließen, in dem sie ohne jeden Zweifel sowieso als ungeliebte Dritte unter die Räder geraten wären, schlugen die Japaner stattdessen in Kerben, die ihnen dermaßen unverschämt viel Geld einbrachten, dass sie auf ihre Art dann eben doch wieder ein Koloss waren. Ich weiß nicht, wie es in euren Haushalten war, aber für meine Eltern waren die Wii und der DS die ersten Systeme, die sie sich seit dem originalen Game Boy geholt hatten.

Nintendo - Kurzschlussreaktion im Mushroom Kingdom: Wohin geht es mit Marios Heimatverein?

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Hach, Wii U. Mit deiner chronischen Spielearmut machst du es sogar denen nicht leicht, die dich eigentlich mögen wollen.
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Es schien, als könnte dieser Stern niemals sinken, doch angesichts einiger Entwicklungen in der jüngeren Vergangenheit ist es nicht vermessen zu fragen, ob es mit Nintendo nicht langsam bergab geht – nicht als kurzzeitiger Knick, sondern tatsächlich als Trend. Der finanzielle Puffer war bislang doch immer stark genug, um die eine oder andere Schlappe wegzustecken. Aber wird das auch so bleiben?

Ladenhüter Wii U: GameCube 2.0 oder Konsole mit Zukunft?

Eines der offensichlichsten und eindeutigsten Zeichen der Zeit ist, wer auch sonst, die Wii U. Sie teilt das Schicksal vieler anderer Gaming-Systeme, die sich im Laufe der Zeit als bestenfalls moderat erfolgreich etabliert haben und ansonsten unter „ferner liefen“ abgehakt werden. Sie ist keine schlechte Konsole, wenn man sie für sich betrachtet. Aber die Heftigkeit der Enttäuschung hängt von der Größe der Erwartungshaltung ab, und nach dem pervers explosiven Erfolg der Wii hätte sie selbst abgestunken, wenn sie nicht erstmal viele Monate wie Blei in den Regalen liegengeblieben wäre.

Doch das tat sie. Keine Sau wollte die Wii U über die allerlängste Zeit und alle Änderungen, die kamen, waren zu spät und zu wenige. Das schönste ist, dass jedermann sehen kann, was die drei Kernprobleme der Konsole sind, nur irgendwie niemand bei Nintendo: Sie hatte über lange Zeit kein Lineup, ihr Konzept ist im Gegensatz zu dem der Wii nicht klar oder ansprechend und sie ließ sich auf genau den Konkurrenzkampf ein, den die Wii umschifft hatte, und flog natürlich, weil sie keine Alternative zu PlayStation und Xbox darstellt, gehörig aufs Maul.

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Der Druck auf Nintendo-CEO Satoru Iwata wird - speziell vonseiten der Investoren - immer größer.
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Das brachte Nintendo und CEO Satoru Iwata in eine schwierige Lage. Nicht, dass man einen Rückschlag nicht hätte verkraften können, aber nun wird eine kritische Frage aufgeworfen: Wie geht es weiter? Nintendo versuchte sich seit jeher an einer recht abenteuerlichen Mischung aus relativer Stabilität mit Traditionsbewusstsein und vereinzelten, wilden Experimenten, die nicht immer gelangen, aber wenn sie es taten, dann schlugen sie so richtig ein.

Es wäre reichlich unverschämt, diese Erfolge als „Glücksfälle“ zu bezeichnen. Es steckt eine Unmenge Know-How und Kreativität in der Projekten Nintendos, und wenn auch mal etwas nicht gelingt, dann liegt es nicht daran, dass faul in der Mittagspause auf eine Serviette eine Blaupause gekritzelt und dann halbgar umgesetzt wurde. Aber es muss doch gesagt werden, dass Beständigkeit die Stärke dieses Modells nicht ist. Ja, mit den Handhelds gibt es nach wie vor eine sehr stabile Einnahmequelle. Aber die Wii U ist, wie angedeutet, nun auch nicht der erste Schlag ins Wasser. Solche Dämpfer sind in der Vergangenheit immer mal wieder passiert – Virtual Boy, anyone? Zapper? R.O.B.? Power Glove?

Und die Frage, wie es nun weitergeht, beschäftigt nicht nur Iwata, sondern vor allem auch die Investoren. Die machen jetzt nämlich von außen Druck. Auf der anderen Seite der Medaille finden wir, im krassen Gegensatz zu den Innovationen und Experimenten, eine geradezu bockige Sturheit, eine stoische Weigerung, gewisse moderne, etablierte Mechaniken und Einnahmequellen zu nutzen. Das ist für uns als Spieler an sich nicht schlimm, kann sogar im Gegenteil als etwas sehr Gutes wahrgenommen werden. Für den Spieler ist vielleicht eher die Frage interessant, warum sich Nintendo lieber ein Bein amputieren würde, als neue Marken zu entwickeln und stattdessen lieber immer noch einen Mario- oder Zelda-Titel veröffentlicht.

„Schalte die Premium-Version frei, um Mario höher springen zu lassen!"

Aber aus Sicht eines Nintendo-Investors betrachtet muss man sich doch die Haare raufen, warum sich Nintendo nicht am Smartphone-Markt beteiligen will, warum es keine kontinuierliche DLC-Politik fährt, warum es bis heute nicht einmal einen beständigen und gut durchdachten Online-Service für seine Plattformen hat. Und genau das passiert natürlich: Da schreibt der Leiter eines Hedgefonds an Iwata, er solle dochmal darüber nachdenken, Mario für 99 Cent Microtransactions ein wenig höher springen zu lassen. Nintendo mache doch eh schon Casual Games, was also würde sich besser anbieten, als die mittlerweile erwachsene Nostalgie-Zielgruppe um Penunze zu erleichtern?

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Ein Pokémon-Kartenspiel für iOS-Geräte wurde jüngst angekündigt. Ein erster Schritt in die von den Investoren gewünschte Richtung?
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So widerlich diese Position ist, von kommerziellen Standpunkt lässt sich mit ihr nicht streiten. Wäre Nintendos jüngste Historie eine einzige Aneinanderreihung von Wii-Megaerfolgen gewesen, hätte Iwata einfach stumm auf diese Treffer zeigen können und alle anderen hätten kaum eine Wahl gehabt, als ihn einfach machen zu lassen. Nun aber befindet sich Iwata in der Rolle eines Mannes, der zu lange auf den Schienen gefahren ist: Er ist abseits des Verkehrs schnell vorwärts gekommen, wollte immer noch ein paar Meter schaffen und nun naht der Zug und es muss eine Reaktion her, jetzt, schnell, SOFORT!

Und „Kurzschlussreaktion“ war noch nie ein Kompliment. Ich habe anfangs gefragt, ob es mit Nintendo bergab geht, die spezifische aktuelle Frage ist aber: Wie verzweifelt genau ist Nintendo zur Zeit? Es kreisen vielleicht noch nicht die Geier, aber an dem neuerlichen Verhalten des Konzerns lässt sich ablesen, dass sich etwas ändert.

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Was ... ist das? Und vor allem: warum?
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Und es ändert sich... puh, es ist wirklich schwer zu sagen, ob zum Guten oder Schlechten. „Zum Absurden“ wäre vielleicht die treffendste Bezeichnung. Nintendo sind nicht blöd und wissen, dass die althergebrachten Titel, eben die Marios, Zeldas, Donkey Kongs und dergleichen mehr, ihr bestes finanzielles Zugpferd sind. Deshalb überhaupt werden diese Marken ja seit 20 Jahren dergestalt ausgeschlachtet, und deshalb gibt es mittlerweile auch mehr als eine Person, die hämisch grinst, weil dieser konservative Kurs und die damit verbundene Weigerung, neue Marken zu etablieren, natürlich absehbar zu einer Katastrophe führt und es jetzt vielleicht schon zu spät ist.

Aus der Erkenntnis aber, dass Nintendo eigentlich nur diese Titel hat, und der Notwendigkeit, neue Dinge zu versuchen, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen, entstehen jetzt die wildesten Abenteuer. Wie gesagt, Kurzschlussreaktion. Die neueste Schnapsidee, wenn Schnaps mal reicht, ist das von ausnahmslos allen geistig gesunden Menschen initial für einen Witz gehaltene Pokkén. Alleine für den Namen müsste schonmal jemand seinen Hut nehmen.

Aber das Konzept... Pokémon mit Tekken kreuzen. Versteht mich nicht falsch, ich bin für allerlei wirre Ideen und jeden Schweinkram zu haben. Aber ich bin großer Freund beider Spielereihen und nichteinmal ich will diesen Quatsch. Der spielerische Reiz von Pokémon ist natürlich nicht gegeben, stattdessen wird dessen Kultfaktor bemüht und ansonsten Tekken gemacht. Abgesehen von Leuten, die sogar Pokémon-Bettwäsche zuhause haben, kann ich mir niemanden vorstellen, der sich nach derlei sehnt.

Etwas weniger geisteskrank ist ein anderes Panik-Crossover, Hyrule Warriors, aber das Konzept und das Problem ist ähnlich. Wollen Zelda-Fans Dynasty Warriors spielen? Wenn nicht, wer sonst sehnt sich nach diesem Konzept, denn abgesehen von dem Kultfaktor hat das Spiel keine Daseinsberechtigung. Und hört mir auf mit Art Academy Pokémon.

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Demnächst gibt's auch Link in Mario Kart, der im Blue Falcon aus F-Zero über die Pisten donnert. Kein Scheiß.
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Go home, Nintendo. You're drunk

Eine weitere Reaktion Nintendos ist die jetzt plötzlich einsetzende DLC-Politik, die sich bislang selbst auf dem 3DS nur so halb etabliert hatte. Und wenn Nintendo loslegen, dann aber auch so richtig. Der Mercedes-DLC für Mario Kart gab den Startschuss, und es war gleich ein Headshot. Wie beleidigend kommerzverhurt muss ein DLC sein, um dermaßen an der Spielerschaft vorbeizuschießen? In einer bunten Comic-Welt, in der sowieso jeder (außer den Freaks) das Auto fährt, das er am knuffigsten findet, durfte man nun mit drei stilisiert verformten, aber dennoch viel zu realistischen Bonzenkarren durch die Gegend schwurbeln. Der nächste DLC bietet immerhin neue Charaktere, diesmal aus... seufz. Animal Crossing und Zelda.

Der Mann, der versucht, schnell von den Gleisen zu kommen, lenkt seinen (heruntergeladenen) Mercedes nur allzu gerne in einen Baum. Solche Maßnahmen wirken wie Tropfen auf einen Stein, der so heiß ist, dass er schon zu Lava zerfließt – zu wenig, zu spät, zu geisteskrank. Sie alleine werden nicht reichen. Das wissen auch gewisse Drittanbieter, die jetzt, da schon die Aale an ihren Zehen nuckeln, merken, dass die Wii U ein bereits gesunkenes Schiff ist und zukünftig nicht mehr für die Konsole entwickeln werden.

Da hilft es leider auch nicht, dass die Wii U, wie die neuesten Zahlen belegen, mit 350000 verkauften Einheiten die Xbox One in Deutschland überrundet hat und auf Platz 2 gelandet ist. So beeindruckend das klingen mag, aber man habe zu bedenken, dass die Wii U ein Jahr Vorlauf brauchte und die langfristige Entwicklung dieses Trends, angesichts der Drittanbieter, die ihre Spiele nicht mehr auf dem japanischen Guckkasten verortet wissen möchten, ungewiss ist.

Und aus der Kategorie "Melken für Fortgeschrittene" erreicht uns gerade noch die Eilmeldung, dass der nächste kommerzielle Coup Nintendos ist, den 3DS und seine XL-Variante einfach nochmal zu veröffentlichen. Der Kniff, wenn wir das richtig überblicken, ist einfach, dass der "neue" Handheld neben einer bunten Optik jetzt ein Feature hat, das nicht nur der 3DS, sondern blamablerweise schon der DS hätte längst haben müssen, einen zweiten Analogstick nämlich, den man sich bislang separat dazukaufen musste.

Es ist schwer im Nachhinein zu beurteilen ob das verschämte Gelderpressung aus einem Versäumnis heraus ist, oder ob Nintendo tatsächlich von langer Hand geplant hatte, einfach eine wichtige Komponente wegzulassen und seine tragbare Gelddruckerei namens 3DS nochmal zu verkaufen. Freuen wir uns jedenfalls auf den nächsten Handheld, der hat dann nur noch zwei Facebuttons, die restlichen zwei sind DLC.

Aber, und es ist ein großes aber: Es ist noch bei weitem zu früh, um Grabkränze mit der Post nach Japan zu schicken. Nintendo stand in der Vergangenheit schon viel schlechter da als jetzt. Es ging nicht immer um Stagnation, aber schon um Verzweiflung. Und sie haben es schon öfter als einmal geschafft, sich am eigenen Pferdeschwanz wieder aus dem Sumpf zu ziehen. Vielleicht liegt genau hierin die Gefahr. Irgendwie hat es mit dem bisherigen Kurs immer gut geklappt. Dass mit Splatoon überhaupt mal die Etablierung eines neuen Spiels versucht wird, grenzt an ein Wunder.

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Krasse Fehlschläge in Nintendos Vergangenheit sind keine Ausnahmeerscheinungen. Bisher haben die Japaner aber noch immer die Kurve gekriegt und wir sind optimistisch, dass es auch diesmal so kommt.
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Die Firma hat in jedem Fall noch ein paar Stärken, die nicht nach geldgeilem Totalausverkauf ihrer eigenen Marken stinken, und es ist dieser Umstand, der mich mit einer gewissen Hoffnung in die Zukunft blicken lässt. Dieselbe Genialität und Freude zum Risiko, die uns die Wii und den DS bescherte, ist immer noch vorhanden und es lässt sich nicht absehen, ob nicht hinter der nächsten Ecke eine geniale Idee lauert, die, vermischt mit den bitteren Erfahrungen der letzten Zeit, alles wieder herumreisst.

Vielleicht wäre es aber sogar besser, wenn Nintendo noch ein bisschen tiefer sinkt, sich einmal so sehr verbrennt, dass es endgültig erkennt, dass die Ofenplatte heiß und der bisherige Kurs langfristig Selbstmord ist. Dann nämlich kann man mit den vorhandenen Ressourcen und dem unendlichen Know-How eine Schiene fahren, auf der regelmäßig mit moderatem Risiko neue Dinge versucht werden, anstatt alles auf eine Karte zu setzen und darauf zu hoffen, dass im Zweifelsfall Mama Mario und Papa Link einen wieder bei sich im Keller einziehen lassen, falls man danebenhaut.

Und wenn dieser gesündere, ausgewogenere Kurs kommen sollte, dann muss man auch nicht wie ein Kind mit vergessenen Hausaufgaben Schwachsinn improvisieren, seine ausgelutschten Marken wild durch die Gegend crossovern und Leute mit Fascho-DLC vor den Kopf stoßen. Nintendo können das. Ich glaube an sie.