Bittersüß für Nintendo: Niemand interessiert sich mehr so recht für die Wii U, aber wenn der japanische Konsolengigant eine kleine Retro-Konsole mit 30 vorinstallierten 8-Bit-Spielen veröffentlicht, reißen sich alle darum. Das Nintendo Classic Mini – in den USA auch bekannt als NES Classic Edition – ist schon jetzt restlos ausverkauft.

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Zu schade, dass Nintendo bisher so wenige Exemplare geliefert hat. Die kleine Kiste, die gerade mal ein Viertel der Größe des Original-NES einnimmt, wäre allein des Preises von 69 Euro wegen ein geniales Weihnachtsgeschenk, das man schnell mal im Vorbeigehen kauft. Das NES kennt doch irgendwie jeder, nur kann man dessen Grafik heute kaum noch genießen, weil analoge Cinch-Anschlüsse ein furchtbar kriseliges Bild auf modernen HD-Fernsehern ausspucken.

Dank des HDMI-Anschlusses am Nintendo Classic Mini, das die 30 vorinstallierten Retroschinken in 720p und 60 Hz ausgibt, können Nostalgiker den Spaß ihrer Kindertage erneut aufleben lassen – knackscharf und farbenfroh. Um genau zu sein, ist die Emulation der alten Spiele herausragend. Weder PC-Emulatoren noch Nintendos Virtual Console erreichen auch nur annähernd dieselbe Qualität, sei es in Spielgeschwindigkeit, der absolut treuen Farbpalette oder im Nachstellen von Schwächen, wie zum Beispiel Sprite-Flackern. Nur eines simuliert die kleine Kiste (absichtlich) nicht besonders originalgetreu, nämlich absichtliches Flackern und Aufblitzen, wie zum Beispiel im Gegner-Auswahlbildschirm des Klassikers Mega Man 2 zu sehen. Keine Ahnung, warum. Ob es wohl den Leuten entgegenkommt, die an fotosensitiver Epilepsie leiden?

Nintendo Classic Mini - Glorreiche Pixelpracht – das Mini-NES im Test

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Den „Mini"-Zusatz trägt der kleine Kasten völlig zurecht.
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In jedem anderen Aspekt schlägt der kleine schnuckelige Kasten alles Dagewesene, wenn es darum geht, die Spielerfahrung des NES aufleben zu lassen. Ein Garant dafür ist bereits der mitgelieferte Controller, der dem Original-Controller wie ein Ei dem anderen gleicht. Mit Ausnahme des recht kurzen Kabels und des Anschlusses, wohlgemerkt. Die Buchse entspricht der des Wii-Remote-Controllers, und der Stecker spendiert gerade mal 60 cm Kabellänge bis zur Konsole. Uff, das ist ganz schön wenig! Aber vielleicht auch Teil des Designs, denn man muss sowieso ständig den Reset-Knopf am Grundgerät betätigen, sei es zum Wechseln des Spiels oder zum Anlegen eines Spielstandes. Vier Speicherslots darf man für jedes Spiel anlegen, selbst dann, wenn es einen internen Batteriespeicher emuliert oder ein altbackenes Passwortsystem mitbringt.

Raspberry Pi im NES-Pelz?

Ein Kritikpunkt am Konzept des Mini-NES liegt auf der Hand: Warum kann man keine zusätzlichen Spiele installieren? Die Antwort darauf kennt nur Nintendo, denn in den 512 MB Flash-Speicher, die verbaut wurden, wäre Platz genug, um die komplette internationale Bibliothek an NES-Spielen unterzubringen. Probleme mit der Emulation von Zusatzhardware wie etwa dem speziellen Soundchip in Castlevania 3 wären nicht zu erwarten, die kleine Maschine ist schließlich völlig überzüchtet und hat weit mehr Kraft unter der Haube als nötig. Im Gehäuse schlummert eine 32-Bit-Quad-Core-CPU (Allwinner R16 mit vier Cortex-A7-Prozessoren), die auf überdimensionierte 2GB DDR3-Arbeitsspeicher zurückgreift. Die CPU braucht sich derweil nicht einmal um Stromzufuhr und Controller zu kümmern, denn das übernimmt schon der zusätzlich verbaute AXP223-Chip. Mit diesem Innenleben ließe sich locker ein Super Nintendo und womöglich sogar ein Nintendo 64 emulieren, immerhin ähnelt die Ausstattung dem eines Raspberry Pi.

Nintendo Classic Mini - Glorreiche Pixelpracht – das Mini-NES im Test

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Völlig egal, ob ihr alte Erinnerungen aufleben oder Videospiellücken schließen wollt: An der Auswahl der NES-Mini-Bibliothek lässt sich kaum etwas aussetzen.
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Mangelnde Erweiterbarkeit ist ein berechtigter Kritikpunkt. Andererseits ist es schön, mal wieder ein komplett geschlossenes System zu sehen. Abseits der Controller-Ports, des HDMI-Anschlusses und der Stromversorgen per USB-Kabel sind keine Schnittstellen auszumachen. Auch kein WLAN-Empfang oder anderer Internet-Schnickschnack.

Immerhin: An der installierten Auswahl an Spielen gibt es wenig zu mäkeln. Klar, weder Donkey Kong Jr. noch Balloon Fight reißen vom Hocker. Auch bei Ghosts 'n Goblins, das zwar als Automat kultig war, aber in der NES-Umsetzung wenig Begeisterung entfacht, hätte einem anderen Kult-Klassiker Platz machen können. Im Großen und Ganzen ist die Bibliothek jedoch sehr hochwertig. Allein durch die komplette Riege an Super-Mario- und Zelda-Klassikern. Dazu kommen viele wertvolle Einträge von Drittherstellern, etwa Mega Man2, Castlevania samt erster Fortsetzung, der Nachfolger von Contra namens Super C (bei uns bekannt als Probotector 2), das bockschwere Ninja Gaiden, Final Fantasy, Bubble Bobble… also an spielenswerten Klassikern fehlt es definitiv nicht. Final Fantasy und Ninja Gaiden waren vor 25 Jahren nicht in unseren Breitengraden erhältlich, während späte Klassiker der Marke Kirby’s Adventure und Star Tropics an vielen Nintendo-Fans vorbeigingen, schließlich stand schon das Super Nintendo zu dieser Zeit auf Wunschzettel. Somit bleibt genug Material zum Nachholen. Hier findet ihr die komplette Spielauswahl.

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