Wen gibt es wirklich: Gordon oder Morgan Freeman? Kurt Beck oder Cloud Strife? Keanu Reeves oder Neo? Um die Fragen eindeutig beantworten zu können, nimmt für uns Spieler die Fiktion neben der Realität einen zu festen Platz ein. Wer beim letzten Gefecht »Wirklichkeit vs. Fantasie« nach unserer Meinung klanglos untergehen dürfte, scheint einfacher zu beantworten. Zumindest ich dachte bisher zu wissen, welche von beiden Welten überflüssig ist…

Im »echten Leben« habe ich einen Job, den ich zwar mag, der aber anstrengt. Entsprechend froh war ich, als ich das erste Mal seit langem wieder in die Ferien fahren konnte. Endlich die Muße, über das nachzudenken, was wirklich zählt, womit ich meine Zeit verbringe, womit ich sie verbringen sollte, womit ich sie verbringen möchte. Ernsthaftes Ziel war bei derartigen Überlegungen bisher nie, mich mehr in der Realität aufzuhalten. Denn so sehr ich sie mag… die Welt rette ich nie, nicht vor geifernden Dämonenhorden, nicht vor schröcklichen Außerirdischen.

Nie wieder zocken - Nie wieder zocken – Wie einer auszog, vom Spielen geheilt zu werden

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Quest am Wegesrand: Wann ist Euch so etwas zum letzten Mal im Real Life passiert?
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Ich könnte mich nicht erinnern, wann mein Chef mich das letzte Mal für eine erfolgreiche Quest mit Gold überschüttet hätte oder hilfsbedürftig am Wegesrand stehende Bäuerlein die Bezeichnung »Großer Held« verwendeten. Verheißungsvollen Hilferufen holder Jungfrauen wie »Töte das Untier!« folgt regelmäßig der ernüchternde Nachsatz »Fang sofort die verdammte Fliege/Spinne/Maus!« Sie enden nicht in einem Schauer aus glitzernden Erfahrungspunkten, sondern in von hektischer Aktivität geprägten Nächten und übermüdeten Tagen. Mit meinem Gejammer über die fehlende Speicherfunktion des Lebens habe ich so viele Menschen jahraus jahrein genervt, dass es dringend einer solchen bedürfte, um es ungeschehen zu machen.

Kurz: Mein Leben stinkt. Nicht gewaltig. Aber doch genug, um – wo möglich – in Spiele abzutauchen. So war es schon immer. Selbst die mäßigen »Exodus« und »Circus Circus«, von der leiernden Kassette träge in den C64 gespult, wirkten spannender als die Klavierstunde. Später war ich – Vorsicht, Kalaueralarm – statt in Sommer, Sonne, Sonnenschein mit »Shadow of the Beast« allein.

Weitere rein fiktive Lebensabschnitte folgten, bis mit »World of Warcraft« endlich der Titel erschien, der die Notwendigkeit, ein echtes Leben zu besitzen, völlig obsolet werden ließ. Nach einigen Jahren empfindet man es als normal, die gleiche Zeit in anderer Leute Fantasien zu verbringen wie in Realität. Und wer so tickt, schart um sich notwendigerweise gleichgeschaltete Freunde. Spätestens dann, wenn man die Freundin zur Akzeptanz konditioniert hat, ist kein Widerspruch mehr zu erwarten.

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WoW: das Spiel, das die Notwendigkeit eines echten Lebens endlich obsolet macht.
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Nur leider machen Spiele unglücklich. Die Erkenntnis traf mich in besagtem Urlaub am Strand bei der Lektüre von Nick Hornbys »Fever Pitch«. Das zweimal verfilmte Tagebuch eines Fußballfans enthält schier endlose Passagen darüber, wie sehr Hornby den Sport hasst, dem er verfallen ist. Abgrundtief hasst. Bei Kälte und Regen im Stadion stehen, die Langeweile, der Frust, die Ohnmacht gepaart mit dem inneren Zwang, es sich jedes Wochenende wieder anzutun. Als gemäßigter EintrachtFrankfurt-Fan las ich das Ganze zunächst verständnislos mit einem mitleidigen Lächeln. Bis mir klar wurde, dass mich Hornbys Seuche genauso im Griff hat, nur eben nicht beim Fußball.

Computerspiele sind Stress und Ärger pur. Angefangen mit den augenscheinlichsten Makeln wie steigende Preise oder zunehmende Bugdichte. Aber auch das konzeptionelle Dilemma: Sei es in Jump and Runs, Shootern, Flugsimulationen, Rollen-, Renn-, Sport- oder Denkspielen, ständig kämpfen wir bergauf, gegen die Zeit, feindliche Horden oder finanzielle Probleme. Dabei wird alles, was wir machen, gemessen, bepunktet, ausgewertet. Ein Grundkonzept, von dem seit Jahren bekannt ist, dass es Kindern den Spaß an der Schule und Arbeitnehmern die Lebensqualität nimmt.

Dazwischen: gediegene Langeweile, nicht zuletzt beim Grinden. Unter anderem deswegen, weil die dürftige, dramaturgische Komplexität der Spiele eine Folge »A-Team« als großes Kino erscheinen lässt. Und haben wir dann erst einmal das Ende erreicht, merken wir, dass der Erfolg keiner ist. Wenn wir den Rechner herunterfahren, verschwindet alles im Nichts.

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Friss Staub! Auch im VR ist nicht immer alles Gold, was glänzt...
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Selbst Multiplayer-Titel halten uns am Boden. Um genau zu sein, der menschliche Ehrgeiz, der bei dieser Form von Unterhaltung jedoch nie zu befriedigen ist. Denn dank globaler Vernetzung finden wir immer jemanden, der uns in den Staub schickt. Sei es nur deswegen, weil er genügend Zeit hat, um ein und denselben Titel 24/7 zu spielen.

Ein Spiel, selbst wenn man keine Freude mehr daran hat, unbedingt »durch« bekommen zu wollen, es in Rekordzeit oder mit Rekordpunkten schaffen zu »müssen«, das alles hat mit Spaß wenig zu tun, mehr mit Neurose. Trotzdem finden wir derartiges Verhalten so verblüffend gar nicht, im Gegenteil. Welcher MMO-Spieler hat nicht schon mal über eine Stunde festgewurzelt und stupide auf Gegnerhorden geklickt, in Erwartung eines bestimmten Drops? Oder exakt ausgerechnet, an welcher Stelle die Spawnrate den schnellsten Stufenaufstieg erlaubt?

Das alles ging mir durch den Kopf, als ich im Sand saß, aufs Meer hinaus schaute und mir klar machte, wie viel entspannter und gleichzeitig interessanter die Realität war. Streitende Italiener hinter mir, weiße Segel am Horizont vor mir... Segel? Wie cool wäre »Pirates« mit so einer Grafik?

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Schöner als die Wirklichkeit? Mitnichten!
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Ich schob den Gedanken beiseite. Nur kehrte er umgehend zurück beim nächsten Ausflug in die Pampa auf der Suche nach prähistorischen Wachturmruinen. Noch während der Holperfahrt über schlecht befestigte Bergstraßen erklärte ich meiner staunenden Freundin, ich wolle aufgrund obiger Überlegungen zukünftig aufs Spielen verzichten und meine »Abenteuer« wirklich erleben. Am Ziel angekommen mutierte diese Kundgabe in ein Lamento, warum derart abgefahrene Settings nicht in aktuellen Rollenspielen existierten.

Irgendwann erreichten wir ein Hochplateau, auf dem Wildpferde leben sollten. Mein neu beschlossenes Abenteuerimage litt zunächst unter der MMO-erprobten Berechnung der geringen Wahrscheinlichkeit, tatsächlich Pferde anzutreffen. Vor allem als der menschliche Taschenrechner Schütz sich zu Tode erschreckte, als er lautstark kalkulierend um ein Haar vor eins dieser begrenzt scheuen Tiere gelaufen wäre. Wenig später hatte ich mich aber erholt und referierte über die unsagbaren Vorteile der Wirklichkeit (»Guck doch mal die Steinmauer an! So muss eine unauffällige und natürliche Levelbegrenzung aussehen!«).

Alles in Allem kam ich zum Ergebnis, die Spielewelten hinter mir lassen zu müssen – der endgültige Umzug in die Realität. Ich werde nicht mehr aus Angst vor der Unwiderruflichkeit von Entscheidungen mein Dasein in Fiktionen verlagern, in denen Unwiderruflichkeit nicht existiert. Denn warum sollte ich? Außer für den Tod gibt es im Real Life für alles Lösungen, Savepoints oder nicht. Zumal man im Leben nicht immer den Highscore oder ein »Perfect!« erreichen muss.

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Prost! Darauf ein Bier im RL!
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Daher sage ich an dieser Stelle »Tschüss, das war’s !« Weg von den Spielen, raus aus dem Netz, den Rücken zugedreht der Fantasie, dem Verqueren und seltsamen Kolumnen. Vielleicht folgt mir der ein oder andere und man trifft sich »da draußen« auf ein Bier. Macht es gut! So long! Ich bin weg.

Vorher muss ich allerdings noch »The Witcher« anspielen. Sah verdammt gut aus. Ich meine natürlich, nachdem ich »Heavenly Sword« durch habe und »Paper Mario«...

… dann vielleicht doch erstmal bis nächste Woche – gleiche Zeit, gleicher Ort.