Nach dem Test von »Neverwinter Nights 2: Mask of the Betrayer« war ein leeres Gefühl geblieben. Nicht die Lücke, welche der Geisterzehrer hinterlassen hat. Mehr dieses typische »Was fange ich nun mit dem Rest meines Lebens an?«, das an jedem unwiderruflichen Ende eines schönen Ereignisses steht.

Glücklicherweise besonn ich mich auf eine Sache, die seit dem Erscheinen des Originalspiels ein wenig in Vergessenheit geraten war: Module. Denn für »Neverwinter Nights 2« erschienen und erscheinen zahlreiche Amateurabenteuer, die mehr sind als ein Snack für zwischendurch. Da sich aber nicht bei allen der Download lohnt, hier meine Favoriten.

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Wenn es nur ums Geld ginge, hätte ich das hier nicht nötig. Ich meine nicht die Kolumne (ohne sie müsste meine Frau wieder beim Nachbarn putzen und unsere Kinder zurück zum Teppichknüpfen nach Indien in die Manufaktur)! Nicht nötig hätte ich NWN2-Gratismods. Denn wir bekommen Testmaterial ohnehin unentgeltlich. Zudem hat leidvolle, jahrelange Erfahrung mit unterschiedlichsten Titeln gezeigt, dass manche Dinge - wie etwa Herztransplantationen, Kernspaltung und eben das Basteln von Rollenspielen - grundsätzlich in die Hände von Profis gehören.

Neverwinter Nights 2 - Nie Winternächte verschenken – Meine liebsten NWN-Abenteuer im Schnelldurchlauf

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»Ruins of Kazatharis«: Die Hauskatz' verweigert die Rattenjagd. Müssen eben die Helden von nebenan ran.
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Die sprichwörtliche Ausnahme von der Regel manifestiert sich jedoch bei NWN 2. Zwar reckt auch hier an der ein oder anderen Stelle der Dilettantismus sein hässliches Haupt: an Stevie Wonders erste Ölgemälde erinnernde Farbgebung, Levelaufbau á la Duplo™ oder der befremdliche Einsatz des Gesinnungssystems (»rechtschaffend gut« lacht beim Bettlerverprügeln weniger). Insgesamt aber empfinde ich es als erstaunlich, wie viel außerordentlich spielbares Abenteuer man fürs nicht bezahlte Geld bekommt. Etwa:

Ruins of Kazatharis
Falls ihr der Meinung seid, kein Held sollte das Abenteuer seines Lebens ohne eine entsprechende Aufwärmübung angehen (wegen der Gefahr einer Eposzerrung), gibt » Ruins of Kazatharis« den idealen Sparringpartner ab. Einwandfrei zum Vorschalten vor die Hauptstory von »Neverwinter Nights 2«.

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Was als Ungezieferjagd im Keller einer alten Mühle beginnt, endet in einer Art unterirdischem Atlantis, den Ruinen von Kazatharis. Die spartanischen Dialoge lassen zwar zahlreiche Charaktere ein wenig blass aussehen, dafür erweist sich die Interaktion der Gruppenmitglieder als vergleichsweise unterhaltsam. Gut investierte 60 MByte für etwa sieben Stunden Spielzeit.

Asylum
Das Schwerstverdauliche gleich hintendrein, nämlich die ersten beiden Teile der Trilogie » Asylum«: eine obskure Geschichte, mehr Adventure denn Rollenspiel. Der Autor, Christian Mayr, schafft mit an David Lynch erinnernder Erzähl- und wie »falscher NVIDIA-Treiber installiert« wirkender Darstellungsweise eine LSD-Simulation für die »Keine Macht den Drogen«-Fraktion.

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»Asylum«: Sieht aus wie kaputte GraKa und spielt sich wie David Cronenbergs Tagebuch.
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Meine Empfehlung kann ich vor diesem Hintergrund auch nur mit drei Einschränkungen aussprechen: Als erstes muss man das Experimentelle lieben. Als zweites braucht man eine gesunde oder zumindest stabile Psyche. Drittens bleibt ein gewisses Restrisiko. Nämlich, dass die Auflösung des Plots im bisher unveröffentlichten letzten Teil in die Hose geht, was das gesamte Mod ruinieren würde. Denn zwischen Kunst und Schwachsinn liegt ein Grad, der für manchen von nicht mehr wahrnehmbarer Schmalheit ist.

Pool of radiance
Den größtmöglichen Kontrast im Anschluss: » Pool of radiance«. Dieses Modul von Markus Schlegel stellt den konservativen Plot um den Einzug des Bösen in die Stadt Phlan nach - wie bereits aus dem Original von 1988 bekannt. Einmal mehr untertunneln widerwärtige Goblins, Orks und Schlimmeres das besagte Forgotten-Realms-Städtchen in der Mondseeregion. Das Mod richtet sich primär an Erstlevelcharaktere und Besitzer solcher, die mit handfestem Hack and Slay in Erinnerungen schwelgen wollen. Die im Großen und Ganzen auch optisch professionell wirkende Umsetzung mit rund zehn Stunden Spielspaß lohnt jedenfalls den Download des stattlichen 116 MByte-Moduls.

Night howls in Nestlehaven
» Night howls in Nestlehaven« fällt ebenfalls in die Gruppe der Klassikszenarien. Die für Charaktere ab Stufe 7 geeignete Geschichte dreht sich um einen abgehalfterten Ex-Helden, der abenteuerübersättigt in seinem hocheigenen Schlösschen dahinvegetiert. Dann erreicht ihn die verzweifelte Botschaft der Stadtwache von Nestlehaven. Dort eskaliert gerade der jahrelang schwelende Streit zwischen zwei verfeindeten Familien.

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»Night howls in Nestlehaven« erzählt von der Vendetta zweier verfeindeter Familien. Zunächst jedenfalls …
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Der bei Shakespeare entliehene Aufhänger entwickelt sich naturgemäß ein wenig anders als »damals in Verona«, mit einer Wendung ins Dämonische. Jedenfalls braucht es Helden von einiger Statur, um der Vendetta und deren Nebenfolgen Einhalt zu gebieten. Wer die optisch mitunter recht überambitionierte Verwendung von grellen Farben erduldet und keine Probleme mit dem knackigen Schwierigkeitsgrad hat, erhält hier eine wirklich nett erzählte Story mit Subquests und allem, was dazugehört.

Pirate Cards
In » Pirate Cards« findet ihr euch in der Hafenkneipe »Black Spot« wieder. In der haben die Grog saufenden Seeleute ausnahmsweise ihre Schatz- gegen Spielkarten eingetauscht. Der Autor ist Adam Miller, welcher auch verantwortlich zeichnet für das hervorragende » Dark Waters«. Im Gegensatz zu letzterem hat er mit »Pirate Cards«, dem »Demon Cards«-Nachfolger, ein Mod geschaffen, das mit »Neverwinter Nights« nur noch den Rechteinhaber Hasbro teilt.

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»Piratecards«: Das Mod von Adam Miller bietet Tradingcardspaß für Geizige.
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Denn es handelt sich um ein mit NWN2-Engine dargestelltes Kartenspiel basierend auf »Magic the Gathering«. Ihr kauft Starter- und Expansion-Sets, bastelt Decks zusammen und tretet dann im Einzel- oder Mehrspielermodus gegeneinander an. Fokussteine spenden hierbei die magische Energie zum Wirken von Zaubern und Beschwören von Kreaturen. Die so Erschaffenen duellieren sich im Gegensatz zum RL-Vorbild »Magic the Gathering« auf einem Kampfplatz hinter den vor euch aufgereihten Karten. Gesamtnote: Niedlich.

Tragedy in Tragidor
Weitaus typischer ist wiederum das rund 100 MByte große » Tragedy in Tragidor«. Auch in diesem erwarten den Helden Auseinandersetzungen mit der bewährten Fantasypopulation von Goblin bis Oger. Von allen Mods setzt es die grafischen Elemente mit der größten Cleverness ein. Zwar gibt es um das Walddörfchen Tragidor nur wenige spektakuläre Sehenswürdigkeiten, die Gestaltung der Umgebung beweist aber deutlich, dass ein Abenteuer aus einem Bauskasten nicht zwingend auch so aussehen muss.

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Auch in »Tragedy in Tragidor« lautet die 1. Heldenregel: je unscheinbarer der Auftrag, desto größer die Tragödie.
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Erfreulicherweise trägt zudem die muntere NPC-Bevölkerung ihren Teil dazu bei, dem digitalen Dorfalltag Leben einzuhauchen. Ein klarer Fall von »Weniger ist mehr«. Letzteres gilt allerdings nicht für die Gegnerhorden. »Tragedy in Tragidor« zeichnet sich vielmehr durch Massenschlachten aus. In Kombination mit den zahlreichen »No-Rest«-Zonen stellt sich dies mitunter durchaus als Herausforderung dar.