Während draußen die Sommerhitze brutzelt, ist es drinnen ein Leichtes an einen Ort zu glauben, an dem zumindest dem Namen nach nie Winter herrscht. Im malerischen Amsterdam präsentierte uns Publisher Perfect World das neueste MMO aus dem Dungeons-&-Dragons-Universum: Neverwinter.

Neverwinter - Sommerfestival im Trailer37 weitere Videos

Orks im Blut

„Vor allem zwei Dinge machen Neverwinter zu etwas Besonderem“, fassen die Entwickler die im Marketing-Jargon USP genannten Alleinstellungsmerkmale zusammen: „Das Kampfsystem und der Editor.“ Recht haben sie und stellen dabei ihr eigenes Licht unter den Scheffel. Denn Neverwinter bietet so viel mehr.

Zäumen wir aber das Pferd von hinten auf und stellen zunächst fest, was Neverwinter nicht besonders macht. „Töte 25 Orks und befreie 10 Gefangene“, trägt mir der erste Questgeber in Niewinter auf und fegt damit gleich zu Beginn die Hoffnung fort, Neverwinter könne auch nur ein Iota vom Retorten-Design typischer MMO-Quests abweichen. Was soll’s – welches Spiel tut das schon?

100 Jahre nach den Ereignissen der Bioware-Abenteuer „Neverwinter Nights“ liegt die Stadt in Trümmern. Eine lang andauernde Belagerung der Orks konnte zwar vorübergehend zurückgeschlagen werden, doch wurden viele Teile der Stadt nur notdürftig restauriert, ein massiver Wall anstelle der Stadtmauer hochgezogen, um einen zweiten Ansturm abzuwehren. Überall in den Straßen sind die Zeichen der großen Schlacht noch deutlich abzulesen: eingestürzte Häuser und verbranntes Land bestimmen das Bildnis dieser einst majestätischen Metropole. Selbst vom großen Wachturm ist nur noch der Stumpf einer Ruine zu sehen. Der Rest liegt brüchig und umgekippt daneben, hat eine Schneise durch die Fachwerkhäuser geschlagen.

Neverwinter - Frühling, Sommer, Herbst... Niewinter

alle Bilderstrecken
Das Design von Neverwinter besticht durch stimmungsvolle Architektur.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 320/3231/323

Mit solcherlei Details schafft Neverwinter eine beispielhafte Atmosphäre, erzählt seine Vorgeschichte durch Beiläufigkeiten und erweckt so den Eindruck einer Welt, die nicht erst soeben von einem Designer im 3D-Editor entworfen wurde, sondern Jahre und Jahrhunderte Geschichte erfahren hat.

Überhaupt konnte kaum ein Free-to-Play-MMO zuvor derart den „Touristen“ in mir wecken: In der Taverne bleibe ich stehen und bewundere den sich drehenden Schweinebraten über dem Feuer und die adrette Orktänzerin auf dem Tresen. Die Katakomben unter dem Wachturm werden nicht von schnöden Fackeln, sondern einem unheiligen Lichtschein aus brüchigen Sarkophagen an den Wänden erhellt. Und das Orklager der Belagerungsarmee wirkt wie ein provisorisch zusammengezimmertes Holzkonstrukt aus zerfledderten, ineinander gestapelten Windmühlen.

Neverwinter - Frühling, Sommer, Herbst... Niewinter

alle Bilderstrecken
In den Dungeons unter der Stadt warten garstige Kreaturen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder

„Ich spiele Dungeons & Dragons seit 1979“, erzählt uns Cryptic-Chef Jack Emmert. „Ich habe es sozusagen im Blut.“ Und diese Liebe zur Materie merkt man dem Spiel an. Und das, obwohl Neverwinter mit der Pen-&-Paper-Vorlage auf den ersten Blick wenig gemein hat. Die komplexen Würfeleien wurden durch ein actionbetontes Echtzeit-Kampfsystem ersetzt, wie es zuletzt TERA in ähnlicher Form versuchte. Gewürfelt wird allerdings dennoch – nur eben unmerklich im Hintergrund.

Action-Kampfsystem und Editor: Zwei Gründe, die allein schon für Neverwinter sprechen. Aber es gibt noch einige mehr...Ausblick lesen

Statt Gegner mit der Maus zu selektieren und dann die Nummernklaviatur zu spielen, kämpft ihr in Neverwinter wie in einem Third-Person-Shooter bzw. -Hack-n-Slay. Sprich: Als Fernkämpfer müsst ihr zielen, als Nahkämpfer ausweichen, in jedem Fall taktisch agieren und stets in Bewegung bleiben. Die beiden Standardangriffe liegen dabei auf den beiden Maustasten: Beim Zauberer eine Art Feuerball und ein Energiestrahl, beim Krieger ein schneller und ein ausholender, starker Schlag mit Schwert oder Axt. Die wichtigsten Skills liegen direkt neben den Fingern auf Q und E. Einfacher geht nicht. Klasse gelöst.

Klicken statt würfeln

Wie taktisch das Kampfsystem wirklich ist, wird mir so richtig bewusst, als ich mich alleine in eine Instanz, die Abwasserkanäle der Stadt, begebe und dort mit meiner, eben noch in Torchlight 2 angewöhnten Dauerklick-Angriffstechnik kein Land gegen die Skelette und Totenbeschwörer sehe. Wer nur mit dem Kopf durch die Wand zu rennen versucht, wird schnell vom Gegner gegen selbige geschleudert. Statt einfach nur schnell zu klicken, muss ich meine Schläge exakt timen, um noch rechtzeitig vor den Attacken des Gegners ausweichen oder die Flucht ergreifen zu können.

Die Arbeiten am Balancing haben gerade erst begonnen. Ich hoffe aber, dass Cryptic das anspruchsvolle System beibehält. Die Zauberer-Klasse wiederum war nämlich eindeutig zu stark und konnte das meiste gemütlich aus der Entfernung erledigen, ohne sich in Gefahr begeben zu müssen.

Mach’s dir doch selber!

Eine lange Weile eures Abenteuers verbringt ihr innerhalb der Mauern des weitläufigen Neverwinter und den modrigen Verließen darunter. Erst später dürft ihr auch die Regionen außerhalb und weiter entfernt erforschen. Auch wenn wir dazu keine genaueren Informationen haben, befürchten wir, dass die Spielwelt zum Release nicht die Größe vergleichbarer Titel haben könnte.

Neverwinter - Frühling, Sommer, Herbst... Niewinter

alle Bilderstrecken
Erst später könnt ihr auch die Gegenden außerhalb der Stadt Neverwinter erforschen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 320/3231/323

Um das typische MMO-Phänomen fehlenden Endgame-Contents und zu weniger Quests zu umgehen, hofft Cryptic offenbar auf Hilfe von ungewohnter Seite und baut auf die Unterstützung der Community. Denn mit dem mitgelieferten Editor lassen sich neue Quests, Gebiete und Geschichten erstellen und auf der offiziellen Seite zum Download anbieten. Klingt interessant, zu Gesicht bekamen wir das Tool aber noch nicht.

Im schlimmsten Fall will Cryptic sich durch dieses Feature vor allem Zeit und Geld sparen, indem man die Fans die ganze Arbeit machen lässt. Im besten Fall entsteht derart ein nicht enden wollender Abenteuernachschub – und vielleicht auch endlich mal einfallsreiche MMO-Quests, in denen mehr auf dem Spiel steht als: „Töte 25 Orks und befreie 10 Gefangene“…