Viele Entwickler bezeichnen ihr aktuelles Spiel als Herzensprojekt. Ob das immer so stimmt, kann wohl angezweifelt werden – dass es immer wieder gesagt wird, ist hingegen verständlich. Glauben möchte ich dieses vermeintliche Bekenntnis jedes Mal und beim Recherchieren der Hintergründe zu Never Alone habe ich mich wie nie zuvor bestätigt gefühlt, dass es dieses Mal wirklich so ist.

Never Alone (Kisima Innitchuna) - Wii U TrailerEin weiteres Video

Eine Inuit-Folklore in Videospielformat, inszeniert als Jump-and-Run-Abenteuergeschichte. Never Alone ist das erste Spiel von Upper One Games und um es gleich vorwegzunehmen: Das Ding ist okay, mehr aber auch nicht. Never Alone schafft es zwar, eine besondere Atmosphäre zu erzeugen, die zum Wegträumen einlädt, doch spielerische Probleme beeinträchtigen im Endeffekt die Gesamterfahrung. Dabei ist der von den Entwicklern verfolgte Ansatz so vielversprechend.

Never Alone ist ein spielbarer Kultureinblick in die Legenden und Mythen der Inuit. Mehr als 40 Künstler, Gemeindemitglieder und Geschichtenerzähler haben bei der Inszenierung mitgewirkt. In deren Mittelpunkt steht das Inuit-Mädchen Nuna und ihr Polarfuchs, die sich durch einen unbarmherzigen Schneesturm kämpfen. Gemeinsam gehen sie der Ursache des nicht enden wollenden Unwetters auf den Grund, wobei sie zahlreichen Figuren aus der Sagenwelt der Iñupiat begegnen. Tiergeister helfen euch über Eisschollen und Gletscherspalten und der „Eulenmann“ gibt euch ein wichtiges Item. Gefräßige Eisbären und der „Menschentöter“ jagen euch durch die Arktis.

Never Alone (Kisima Innitchuna) - Eine Folklore mit festgefrorenem Gameplay

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Die Charaktere sind knuffig, aber nicht kitschig.
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Nuna und ihr Fuchs lassen sich unabhängig voneinander steuern, so dass man die individuellen Fähigkeiten der beiden Figuren nutzen kann. Nuna kann Kisten verschieben und mit ihrem Bola (an einem Seil zusammen gebundene Kugeln) vereiste Passagen zugänglich machen. Der Fuchs kann sich dafür durch Eisspalten zwängen und höhere Vorsprünge erreichen.

Während ihr euch durch den Schneesturm kämpft, werden etliche Passagen durch gesprochene Erzählungen in Inuinnaqtun untermalt. Hier strahlt Never Alone in seiner ganzen Pracht, da gerade diese Stellen atmosphärisch sehr dicht und glaubwürdig erscheinen.

Never Alone (Kisima Innitchuna) - Eine Folklore mit festgefrorenem Gameplay

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Mystische Tiergeister aus den Legenden der Inuit.
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Das Spiel wirkt weder belehrend noch erdrückend, stattdessen weckt es Neugierde und präsentiert seine Handlung charmant, herzlich und unaufdringlich. Genau dieses Ziel hat Upper One Games von Anfang an verfolgt. Eine beeindruckende Punktlandung in Sachen Inszenierung. In gewisser Weise drückt Never Alone auch auf die Tränendrüse, allerdings gleitet es es nie zu sehr ins Kitschige ab.

Never Alone ist ein Spiel zum Wegträumen, bis euch das Gameplay brutal wachrüttelt.Fazit lesen

Auch die mit rund zwei Stunden sehr knappe Spielzeit wirkt sich nicht negativ auf die Spielerfahrung aus. Lieber eine auf den Punkt gebrachte Erzählung als zähe und überflüssige Elemente.

Holprig Unterwegs im ewigen Eis

Wie wichtig den Machern der kulturelle Einblick in die Lebensweise und Mythenwelt der Inuit ist, zeigen die vielen Clips, die ähnlich wie die Ausschnitte aus einer Dokumentation verschiedene Aspekte der Inuit-Kultur thematisieren. Eine sehr schöne Sache, da die freigespielten Videos direkt während des Spiels angesehen werden können.

Never Alone schafft es, Neugierde zu erzeugen – und zwar, weil es euch seinen Inhalt eben nicht mit dem Holzhammer einbläut, sondern eine liebevoll erzählte Geschichte inszeniert, die an euer Mitgefühl appelliert.

Der Vergleich mit dem Genreprimus Limbo drängt sich automatisch auf. Never Alone greift im Prinzip auf dasselbe Konzept zurück, nur erzeugt es eine komplett andere Stimmung. Limbo weckte bei mir eine bedrückende Anspannung, während sich bei Never Alone ein Gefühl von kindlicher Neugierde einstellt.

Never Alone (Kisima Innitchuna) - Eine Folklore mit festgefrorenem Gameplay

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Nunas Bola: eine krampfige Angelegenheit.
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Nunas Polarfuchs ist für sie mehr als ein Begleiter: er ist ein Teil von ihr, eine mentale Stütze. Ein Freund, der sich jederzeit für sie opfern würde. Das mag kitschig klingen, doch Never Alone schafft es, mit seiner Bildsprache echtes Mitgefühl und kein fremdschämendes Augenrollen hervorzurufen.

Wie beim Adventure Brothers: A Tale of Two Sons wird die Bindung zwischen den Protagonisten durch spielerische Elemente unterstützt, was deutlich besser funktioniert, als dem Spieler mit Zwischensequenzen die Kontrolle über das Spiel zu nehmen. Kooperatives Handeln der Charaktere, wie das gemeinsame Erklettern einer Festung oder das Erreichen eines Vorsprungs, wirkt einfach weniger aufdringlich.

Never Alone (Kisima Innitchuna) - Eine Folklore mit festgefrorenem Gameplay

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Böse Nordlichtgeister warten in der Dunkelheit.
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Wie bei Limbo gibt es weder Herzen noch Lebensbalken. Ein Hieb mit der Eisbärpranke und ihr seid futsch. Kein Problem, sofern man aus eigenem Unvermögen scheitert. Allerdings sorgt die ein oder andere Kinderkrankheit an mehreren Stellen für Bauchschmerzen. Das betrifft sowohl das Leveldesign als auch die Steuerung. So segelt Nunas Fuchs manchmal elegant an der abstehenden Planke vorbei bzw. hindurch, während sich Nuna ohne Probleme daran festhalten kann. Dabei konnte sich der quirlige Fuchs zuvor an jedem Vorsprung hochziehen.

Auch die Steuerung ist nicht frei von Fehlern, die durchaus sensibler und filigraner hätte sein können. Das betrifft das Herunterklettern von kleinen Vorsprüngen und Kisten ebenso wie das Wegducken bei starken Windböen, die mich mehr als einmal ohne mein Verschulden von den Füßen rissen. Auch die Kontrolle über Nunas Bola ist ein ständiger Fingerkrampf. Böse Zungen würden den Entwicklern Nachlässigkeit unterstellen und genau das kann sich so ein atmosphärisch dichtes Spiel eigentlich nicht erlauben. Hier kann ich durchaus nachvollziehen, wenn jemand das Pad zur Seite legt, weil er sich, frustriert angesichts dieser Mängel, nicht mehr in die Spielwelt einfühlen kann. Genau diese Erfahrung habe ich gemacht.