Wäre das neue Need for Speed ein Auto, es wäre ein Fahrschulwagen: pragmatisch, auf Funktionalität getrimmt und zugleich auf aufregende Weise respekteinflößend. Ein anfangs noch schwer zu beherrschendes Biest mit keifendem „So wird das nie was“-Beifahrer und angezogener Handbremse, irgendwann schließlich zähm-, aber nie völlig kontrollierbar. Die vermeintlich coolste Art der Fortbewegung – bis man die Prüfung bestanden hat und in den routinierten Alltag entlassen wird.

Ob Fluch oder Segen lässt sich nicht so genau sagen; hängt auch ein bisschen davon ab, welche Assoziation euch beim breit aufgestellten „Need for Speed“-Begriff zuerst durch den Kopf schießt. War so ziemlich alles dabei in den vergangenen Jahren, sowohl qualitativ als auch spielerisch; EAs Rennspielreihe hatte zuletzt so viele Gesichter wie Veröffentlichungen: von Shifts knackigem Simulationsansatz über The Runs schreckliches Pseudo-„Ich bin ein spielbarer Film“-Quatsch und die sympathisch arcadige Burnout-Ehelichung in Most Wanted.

Insofern ergibt EAs Großreinemachen schon Sinn, die hier gewählte Form (zumindest auf den ersten Blick) aber nur bedingt. Ein Reboot der Reihe ist überfällig, das Reduzieren auf die kleinsten gemeinsamen Nenner vernünftig, damit der vormals große Name wieder konkreter wird als der vage Sammelbegriff für Rennspiele aller Art, mit dem wir uns seit einer halben Ewigkeit herumschlagen. Nur warum ausgerechnet dann auf einen Untertitel verzichten, wenn er problemlos „Underground 3“ lauten könnte?

Need for Speed - Die Stadt, die immer schläft

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Ohne Drifts geht hier nichts: Das neue NfS ist wieder ein Arcade-Racer der alten Schule.
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Weil er ungenau wäre. Weil diese Interpretation von Ghost Games tatsächlich ein Reboot im eigentlichen Sinne ist, ein Zusammendampfen der vergangenen Auswüchse auf die markantesten Elemente der Serie – und das Underground-Straßenrennen-Szenario ist dabei eben nur das: ein Szenario.

Es sind völlig verschiedene Versatzstücke, aus denen sich die Schweden hier ein modernes Need for Speed basteln, und wenn man von Shift vielleicht einmal absieht, ist tatsächlich so ziemlich alles dabei, was in den letzten zehn Jahren unter dem bekannten Namen firmierte. Um Undergrounds Rolle in diesem Mosaik abzuschließend zu verorten, euch gegebenenfalls sogar zu warnen, falls ihr fest mit einer Fortsetzung dieser Reihe rechnet: Bis auf die chronische Abwesenheit jeglicher Sonnenstrahlen, glänzende Vaseline-Straßen und vor allem das optische Tuning eurer Kisten werdet ihr überraschend wenig davon wiederentdecken, was euch womöglich noch vor 13 Jahren begeistert hat. Wie gesagt, hat schon seinen Grund, dass EA auf einen Untertitel verzichtet.

Packshot zu Need for SpeedNeed for SpeedErschienen für PS4, Xbox One und PC kaufen: Jetzt kaufen:

„Es ist das Herz hinter den Worten, nicht die Worte selbst“

Andernfalls wäre „Gute Drifts, schlechte Drifts“ eine passende Möglichkeit gewesen. Schon im Vorfeld heftig beworben, gehen Ghost Games auch im fertigen Spiel alles andere als spärlich mit ihren Realfilm-Sequenzen um, erzählen euch die Geschichte von... nun, Autos und so Zeug eben. Besser als befürchtet, schlechter als erhofft, in seinen besten Momenten auf eine Guilty-Pleasure-Art sogar richtiggehend unterhaltsam – trotz peinlichem Saubermann-Image (kein Alkohol, keine Zigaretten, dafür plumpe Produktplatzierungen). Und dennoch sind das Ressourcen, die an anderer Stelle vielleicht besser verwendet gewesen wären.

Need for Speed - Die Stadt, die immer schläft

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Hmm, auf einmal habe ich das unerklärliche Verlangen, einen Energy-Drink zu trinken.
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Ich möchte hier gar nichts madig reden und wage sogar die vorsichtige Prognose, dass einige von euch durchaus Spaß an den Mini-Filmchen mit „richtigen“ Schauspielern haben werden. Sie sind so professionell produziert, wie man es unter EAs Ägide erwarten kann, verbinden clever reale Film- mit Spielszenen, erzählen aber nun mal absolut keine Geschichte. Obwohl geredet wird, wird nichts gesagt. Nicht, dass ich das von einem Need for Speed überhaupt erwarten würde, aber wenn ein Entwickler dermaßen viel Zeit und Geld in ein paar Filmschnipsel pumpt, sollten sie auch etwas mehr als nur cool sein, das Spiel als Ganzes voranbringen und nicht nur als Werbemittel dienen.

Zumal gar keine Notwendigkeit besteht, Ghost Games' Flitzer cool aussehen zu lassen – das schafft er schon ganz gut allein. Um das mal vorwegzunehmen: In seinem Kern ist das neue Need for Speed ein gutes bis sehr gutes Rennspiel. Es hat seine Schwächen, zum Teil sogar bedeutend unglücklichere, als ich gehofft hatte und auf all diese werden wir nachfolgend auch noch zu sprechen kommen. All die Kritik ändert aber nichts an dem großartigen Fundament, das die Schweden zusammenprogrammiert haben. Keine Ahnung, ob es ein „Was zählt, ist auf'm Platz“-Äquivalent für Rennfahrer gibt, aber sollte dem so sein, wäre es nirgendwo treffender als hier.

Tolles Rennspiel, schwaches Spiel: Need for Speed ist auf der Strecke ein Geschoss, dümpelt abseits davon aber im Niemandsland herum.Fazit lesen

In dieser Hinsicht hat dasselbe Team schon vor zwei Jahren mit Rivals mehr richtig als falsch gemacht, nun haben sie sich nochmals gesteigert, was ehrlich gesagt eine beachtliche Leistung ist. Natürlich dürft ihr keine Simulation erwarten, sogar alles andere als das. Während sich andere Arcade-Racer allerdings hinter der „Ätsch, ich will ja gar nicht realistisch sein!“-Ausrede verstecken und ihre schwammige Steuerung damit kaschieren wollen, wisst ihr hier mit ein wenig Gespür immer, wie eure Karre reagieren wird. Spielt gar keine Rolle, ob und wie realitätsnah das alles ist: glaubhaft, nachvollziehbar muss es sein. Mission erfüllt.

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Eure hochgezüchteten Töff-Töffs sind biestig und haben Gewicht, selbst wenn sie wie an der Schnur gezogen mit 250 Sachen durch Bergkurven driften. Natürlich ist das völlig überdreht, aber ist nicht das einer der Gründe, warum wir überhaupt Videospiele spielen: um etwas zu tun, das in der Realität unmöglich wäre? In dieser Hinsicht: Viel Spaß hiermit. Need for Speed weiß um seinen arcadigen Ansatz, macht sich, viel wichtiger: euch einen Spaß daraus – wenn ihr euch darauf einlassen könnt.

Hatte ich anfangs meine Probleme mit, zugegeben. Die Steuerung ist eine Spur zu driftlastig für meinen Geschmack, bisweilen näher an Ridge Racer als einem klassischen NfS (wenn es so etwas überhaupt gibt) und damit etwas, an das man sich durchaus gewöhnen muss. Geht unterm Strich aber schon in Ordnung, allein deshalb, weil das Fahren per se Spaß macht, weil Ghost Games ein großartiges Geschwindigkeitsgefühl vermitteln und ihr Spiel, man kann es nicht anders sagen, fantastisch aussieht.

Das hat aber seinen Preis, sogar einen äußerst hohen: Wie aktuell scheinbar jedes zweite moderne Spiel wirft euch auch dieses in eine offene Welt. Keine nach allen Himmelsrichtungen hin überschwappende, immerhin, aber doch groß genug, um PS4 und Xbox One ordentlich ackern zu lassen. Nicht auf die offensichtliche Art; Ruckler gibt es so gut wie keine und auch der Rest der Technik läuft enorm stabil, Applaus dafür. Irgendwann ist das Limit allerdings erreicht und in diesem Fall eben ganz konkret auf der Straße – oder vielmehr eben nicht dort. Ihr könnt zum Teil mehrere hundert Meter am Stück fahren, ohne einem anderen Fahrzeug zu begegnen; die Straßen von Los Angeles Ventura Bay wirken fast verlassen wie in einem Horrorspiel.

Need for Speed - Die Stadt, die immer schläft

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Need for Speed: Silent Hill Edition.
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Das hat gerade in den späteren Stunden durchaus seine Vorteile, wenn ihr mit 300 Sachen durch den Gegenverkehr pflügt, ist der sonst so dichten Stimmung allerdings enorm abträglich. Überhaupt hat EAs Flitzer so seine Probleme mit der Übersichtlichkeit und wird bisweilen richtig hektisch – und zwar nicht auf die gute Art. Bis auf kleine Pfeile als grobe Richtungsweiser bekommt ihr während der Rennen kein Feedback, in welche Richtung es nun weitergeht, was gleich mehrere Probleme mit sich bringt. Das offensichtlichste: Warum zur Hölle muss die Fahrbahnmarkierung derart dezent ausfallen? Sieht sonst scheiße aus, sehe ich ein, ist mir im Zweifel aber auch egal, wenn ich die falsche Ausfahrt nehme und das Rennen danach neu starten muss. Womit wir dann auch beim nächsten Punkt wären: der Straßenführung.

Eine offene macht noch keine gute Welt

Need for Speed ist nicht das erste Rennspiel mit einer offenen Welt und den Orientierungsproblemen, die diese eben so mit sich bringt, es geht allerdings beinahe gleichgültig mit diesen um: Burnout Paradise umschifft etwa gleichermaßen stilistische als auch Wegweiser-Probleme, indem es euer Auto einfach in die einzuschlagende Richtung blinken lässt. Das mag bei der Neon-Ästhetik hier weniger auffallen, wäre aber zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Und im Zweifel: Spielbarkeit > Ästhetik.

Um mal bei Burnout zu bleiben: Dort gab es eine offene Welt, weil die Entwickler eine klare Vorstellung davon hatten, was sie mit dieser erreichen wollten. Nun will ich Ghost Games keine Planlosigkeit vorwerfen, aber spätestens bei der Umsetzung müssen sich die Schweden fragen lassen, warum sie nicht stattdessen auf eine kleinere, vielleicht sogar gar keine offene Welt gesetzt haben, wenn sie diese nicht zu befüllen wissen.

Need for Speed - Mit Vollgas durch die Stadt: Impressionen zum Test

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Need for Speed - Mit Vollgas durch die Stadt: Impressionen zum Test

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Weil der Online-Multiplayer und das gleichzeitige Umherdüsen mit anderen Spielern in der Stadt nicht möglich gewesen wäre, sehe ich ein. Ändert aber keinen Deut daran, dass Ventura Bay wie ausgestorben wirkt, keine spannenden Abzweigungen, Abkürzungen oder irgendetwas bietet, das sich aufzuspüren lohnt. Mit Most Wanted hat bereits ein anderes Need for Speed vorgemacht, wie es besser geht.

Gilt übrigens auch für die hier vereinzelt umhergurkendes Cops. Ohne jede Übertreibung: Die Polizisten in Ventura Bay sind die größten Schnarchnasen, die ich in den vergangenen zehn Jahren in einem Rennspiel gesehen habe. Es reicht, mit einem durchschnittlichen Wagen auf gerader Strecke das Gaspedal durchzudrücken und sie verschwinden binnen fünf Sekunden aus eurem Rückspiegel. I shit you not. In 15 Spielstunden wurde ich nicht ein einziges Mal geschnappt und so gern ich auch behaupten würde, das läge an meinen übermenschlichen Fähigkeiten: Die Kerle sind schlicht Vollpfeifen. Hätte ich es nicht für diesen Test darauf angelegt, wüsste ich etwa nicht einmal, dass sie überhaupt Krähenfüße auswerfen, ach was, das sie über 200 km/h fahren können.

Dieses Problem der ausgewogenen Herausforderung ist ohnehin eines, das sich durch das gesamte Spiel zieht. Während ihr die ersten Stunden (nach der erwähnten Eingewöhnung) einsam eure Bahnen fahrt, euch nicht mal einen neuen Wagen kaufen müsst, zieht das später schlagartig an und führt sogar soweit, dass ihr gezielt Rennen immer und immer wieder fahren müsst, um mehr Kohle und Erfahrungspunkte zu gewinnen. Grind for Speed, viel Spaß dabei.

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