Hachja, das waren noch Zeiten, als Mitte der 90er das Shootergenre so richtig ins Rollen kam. Die Branche experimentierte fröhlich mit den Möglichkeiten der 3D-Engines und trieben das Regelwerk der legendären Id Software-Pioniere augenzwinkernd auf die Spitze. Das Resultat: Abgedrehte Ballerorgien ala „Duke Nukem 3D“, „Shadow Warrior“ oder „Redneck Rampage“.

Damals wollte der Spieler noch keine spektakulären Skripts oder atmosphärische Open World-Areale, das Wörtchen KI kannten viele Zocker überhaupt nicht und an Physikengines war nicht einmal zu denken. Warum wir über diese betagten Klassiker schwadronieren? Weil mit „Necrovision“ jetzt ein Egokracher erscheint, der sich auf genau diese Prinzipien spezialisiert hat.

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Postbote im Weltkrieg

„Kannst du diesen Brief meiner Frau Sara bringen, bevor ich sterbe?“, fragt uns ein sterbender Kamerad. Und wo in „Call of Duty“ an dieser Stelle eine patriotische Fanfare anleiern und der Held durch bleiernste Kugelhagel das blutbefleckte Schriftstück zur Angetrauten des Kameraden tragen würde, rotzten wir dem Hilflosen in „Necrovision“ ein genervtes „Seh’ ich etwa aus wie dein Postbote“ entgegen. Juhu – Willkommen zurück in den Neunzigern.

Necrovision - Der Shooter-Geheimtipp der Painkiller-Macher

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So muss das sein: Als Held von Welt stellen wir uns jeder Gefahr.
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Beschriebene Szene spielt im ersten Weltkrieg. Genauer gesagt direkt im Bunker der deutschen Wehrmacht. Warum da ein britischer Soldat herumsitzt und Briefe schreibt? Gute Frage – aber so ist das nun mal in Necrovision, dem ersten Projekt des polnischen Entwicklers The Farm 51. Die Handlung? Irgendetwas mit Zombies. Und Dämonen. Und Zombie-Dämonen.

Zumindest dem Necrovision-Hauptcharakter ist es ziemlich wurscht, was da eigentlich um ihn herum gerade passiert. Eben noch stürmt er einen von den Deutschen besetzten Hügel, nur um sich im nächsten Moment einer riesigen Zombiehorde entgegen stellen zu müssen. Warum? Ist ihm egal. Wichtiger ist, dass man in solchen Situationen den passenden Spruch auf den Lippen hat. „Man, siehst du scheiße aus!“, wäre so einer.

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In der deutschen Version verpuffen getroffene Gegner zu Staub.
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Oder dieser hier: „Hmm, schön feurig – fehlen nur noch die Zwiebeln“, zischt unser Alter Ego seinen brennenden Gegnern entgegen, wenn er sie per Gasflasche entzündet hat. Das ist so rotzig und gleichzeitig übertrieben cool, wie es selbst der Duke (Friede seiner Asche) zu seinen besten Zeiten nicht hinbekommen hätte. Hach, die Neunziger – „Necrovision“ atmet sie in wirkliche jedem Bit.

Spielprinzip aus den Neunzigern

Wem die Mischung aus Weltkrieg meets Höllenthematik plus coole Sprüche bekannt vorkommt, hat sich vor fünf Jahren wahrscheinlich durch das wunderbar abgedrehte „Painkiller“ geballert. Die Ähnlichkeit kommt nicht von ungefähr: Gut ein Drittel der ehemaligen Painkiller-Entwickler sitzt heute in den „The Farm 51“-Büros. Ja, und das merkt man zur Genüge…

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Dual-Gatling: DAS würde selbst mit massig Steroiden nicht funktionieren.
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Die Logik etwa hält zu 90% des Spielvergnügens ein gemütliches Mittagsschläfchen: Waffen werden nachgeladen, obwohl wir eigentlich gar keine Hand dafür frei haben, Dynamitstangen entzünden sich nicht durch Feuer sondern Luftreibung, an anderer Stelle tragen wir eine überdimensionale Gatling-Gun zu Felde – und zwar eine auf jedem Arm. Allzu ernst meint es „Necrovision“ also schon mal nicht.

Dazu passt auch die Handlung, die sich am Anfang noch völlig nichtexistent zeigt, später dann etwas an Substanz zulegt, dabei aber trotzdem nur gängige Genreformeln zitiert. Natürlich gibt’s da den verrückten Wissenschaftler oder okkulte Experimente (dafür waren wir Deutschen früher scheinbar bekannt) und die Legende vom „Auserwählten“ darf selbstredend auch nicht fehlen.

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So muss ein Bossgegner aussehen: Die dicken Brocken machen wahrlich Laune.
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Erzählt wird das Storygerüst anhand kleiner Comicschnipsel, die nach jedem Akt eingeblendet werden oder in kleinen Zwischensequenzen in Spielgrafik. In diesen solltet ihr eure Boxen aber tunlichst ausschalten: Den britischen Soldaten haben die Sprecher einen total verquasten Denglisch-Akzent verpasst, der nicht selten klingt, als hätte Topmodel-Juror Bruce Darnell bei den Sprachaufnahmen die Zunge mit im Spiel gehabt.

Mit dem Spaten in den Kampf

Auch spielerisch meint man ein ums andere mal, der Schmerzkiller hätte hier seine Hände im Spiel: Feindwelle um Feindwelle wirft uns „Necrovision“ entgegen, die wir so lange bearbeiten bis die Gewehrläufe glühen. Hin und wieder wartet dann ein besonders dicker Brocken (sprich Bossgegner) darauf von der virtuellen Bühne geputzt zu werden – natürlich nicht ohne uns zusätzlich weitere Zombiearmeen um die Ohren zu werfen.

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Massenaufkommen: Die Gegner treten ausschließlich im Rudel an.
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Kommen euch die Höllenschergen einmal zu Nahe, erwehrt sich euer Recke zudem im Nahkampf: „Nutze vielfältige Kombos um deine Gegner zu besiegen“, will uns die Packungsrückseite mitteilen. In der Praxis entpuppen sich die anfangs recht spaßigen Keilereien allerdings recht schnell als tumbes Tastengeprügel, dem es auf Dauer an Abwechslung und Substanz mangelt.

Willkommen zurück in den Neunzigern: "Necrovision" ist hoffnungslos veraltet - aber auf eine sehr charmante Art.Fazit lesen

Dass derartiges Dauergemosche alles andere als tiefgründig oder motivierend ist, haben wahrscheinlich auch die Entwickler gemerkt. Fordernd soll es schließlich sein. Und was macht man, um dies zu erreichen? Richtig: man dreht so lange am Schwierigkeitsgrad, bis dieser selbst gestandene Shooter-Profis in den Wahnsinn treibt. „Necrovision“ ist ein echtes Brett, das selbst auf mittlerer Stufe für jede Menge Frust sorgt.

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Erhaltet ihr die Necro-Kralle geht's den Zombies an den Kragen.
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Dabei entbehren die Gegnertypen im Grunde jeglicher KI: Clevere Taktiken nutzt hier niemand, stattdessen stürmen die tumben Biester geradewegs auf euch zu und hören erst auf, mit dem Kopf gegen euch zu laufen, bis ihr im Staub liegt - „Serious Sam“ lässt grüßen. Die schiere Masse an Feinden und deren extrem überzogene Zähigkeit sorgen jedoch dafür, dass der Quickload-Knopf häufiger benutzt wird als die linke Maustaste.

Zombies im Mondschein

Wenn man sich schon spielerisch bewusst klassisch gibt, ist es eigentlich nur konsequent, die Grafik auf ähnlich angegrautem Niveau zu halten. Dementsprechend spröde sieht „Necrovision“ dann auch in einigen Belangen aus, besonders die Texturen sind nicht immer up-to-date. Trotz der beschränkten technischen Möglichkeiten sieht das Actionfeuerwerk jedoch nie wirklich schlecht aus.

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Stimmung pur: Die Atmosphäre ist den Entwicklern wirklich gelungen.
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„The Farm 51“ versteht sich blendend darauf, eine möglichst atmosphärische Kulisse zu schaffen. Gerade der Einstieg, in dem wir im fahlen Licht des Mondes durch zerbombte Schützengräben flitzen, sorgt für schaurige Stimmung. In der deutschen Fassung wird diese jedoch leicht gedämpft: getroffene Gegner zerpuffen hier in kleinen Rauchwolken – das zehrt an der sehr gelungenen Atmosphäre.

Erst gegen Ende lässt der Spaß dann nach: Die Spielzeit ist mit gut 15 Stunden für einen Shooter ausgesprochen lang, spätestens ab der Hälfte verwandelt sich das Geschehen jedoch in die triste Routine: Die Freude am unnachlässigen Geklicke nimmt ab, die Ideen der Entwickler ebenso, und selbst zwei Abschnitte, in denen wir uns auf dem Rücken eines Drachen bzw. im Bauch eines Mechs fortbewegen, wirken da eher unnötig gestreckt als kurzweilig.

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Im gepanzerten Mech blasen wir selbst große Gegner im Nu aus den Latschen.
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Wer mag, darf sich anschließend noch im so genannten Herausforderungsmodus versuchen. Hier kann man sein Geschick in kleineren Missionen wie „Töte 100 Gegner mit der Schaufel“ versuchen. Das ist nicht nur noch weniger anspruchsvoll als in die ohnehin schon dumpfen Gefechte der Kampagne sondern auch noch deutlich schwieriger. Als Belohnung gäbe es zwar ein paar neue Schießprügel, gebraucht werden diese aber nicht.