Kein Geringerer als Napoleon Bonaparte stand Pate für den aktuellen Ausbau der „Total War“-Serie, die bei Strategiefans bereits seit Längerem aufgrund von hoher Spieltiefe und Detailtreue für Begeisterung sorgt. Entwickler Creative Assembly hat sich trotz aller Lobeshymnen aber auch die Kritik der Vergangenheit zu Herzen genommen und in den neuesten Ableger Napoleon: Total War viele kleine Änderungen sowie eine Reihe bedeutender Neuerungen implementiert. Rechtfertigt die auch ohne Hauptspiel spielbare Erweiterung den Vollpreis?

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Wer gleich in die Vollen starten möchte und sich ganz Europa als mächtiger Feldherr per Handstreich unter den Nagel reißen will, erhält zunächst ein Spielablaufs-Stoppschild vor die Nase gehalten. Bevor ihr im letzten von insgesamt drei Kampagnen-Abschnitten den Thron Kontinental-Europas besteigen könnt, müsst ihr euch eure Sporen zunächst in zwei kleineren Feldzügen verdienen.

Napoleon: Total War - Erobert! Erst Europa, jetzt eure PCs

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Wer sich mit einer unterlegenen Armee in Gebäuden verschanzt, kann aufgrund KI-Schwächen trotzdem gewinnen.
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Abgesehen von den kurzen Tutorial-Episoden, die nur für Anfänger interessant sind, beginnt Napoleon: Total War historisch korrekt mit einem Einsatz in Italien. Denn hier - und mit der folgenden Mission in Afrika, wo Napoleon gen Ägypten zog - begründete sich schließlich der Ruhm des 1769 in Korsika geborenen militärischen Genies, der ihm letztlich behilflich war, Kaiser der Franzosen zu werden.

Bis dahin ist es jedoch auch in Napoleon: Total War, das ihr übrigens via Steam authentifizieren müsst, ein weiter und vor allem steiniger Weg. Die ersten beiden Kampagnen stellen dabei nur den Auftakt einer anspruchsvollen Aufgabe dar, die im Spielverlauf immer heikler, aber auch vielseitiger wird. Die Eroberung Italiens fällt vergleichsweise einfach aus, auch wenn Anfänger von den bereits hier recht aggressiv auftretenden KI-Kontrahenten gefordert sein dürften.

Viel Ehr, viel Feind!

Erfahrene Strategen werden sich in dem bekannten Stilmix aus Echtzeitschlachten und rundenbasierter Nationenverwaltung schnell zurechtfinden und diesen Auftakt zum Warmspielen nutzen. Der Wiedererkennungs- effekt ist hoch: Viele Features sind im Vergleich zum Vorgänger Empire: Total War gleich geblieben, Änderungen haben die Entwickler vor allem im Detail vorgenommen.

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Beim Erobern feindlicher Provinzen gibt es nun mehr strategische Optionen.
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Ob ihr als Napoleon ins Spielgeschehen eingreift oder euch für einen der politischen Konkurrenten wie Russland, Preußen oder Österreich entscheidet (Kampagnen der Koalition), die wiederum ganz eigene Ziele verfolgen, ihr erhaltet in allen Kampagnenabschnitten konkrete Zielvorgaben. Diese innerhalb des Limits zu erreichen, fällt nur beim napoleonischen Italien-Feldzug eher leicht. Alles, was danach folgt, ist in die Bereiche fordernd bis happig einzuordnen.

Napoleons Feldzug zeigt sich in vielen Punkten gegenüber dem Vorgänger verbessert.Fazit lesen

Das liegt vor allem an der deutlich verbesserten KI der feindlichen Nationen. Diese wartet nicht mehr passiv die Aktionen des Spielers ab. Bei Napoleon: Total War ergreift sie selbst Initiative und drängt euch in die Defensive. Zum Beispiel beim Ägypten-Feldzug, wo Napoleon (abermals historisch korrekt, wie übrigens auch Uniformen und Formationen der Einheiten) von seinen Verbündeten und Nachschublieferungen abgeschnitten und auf sich allein gestellt ist. Das Ziel Kairo ist weit entfernt auf der aufgehübschten Kampagnenkarte, die mit optischen Effekten wie Hitzeflimmern und Sandstürmen oder auch Schnee für Atmosphäre sorgt.

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Schlechte Wetterkonditionen schaden den eigenen Truppen und verhindern ihre Aufstockung.
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Es genügt keinesfalls, eine große Armee auszuheben und mit ihr gen Osten zu marschieren, denn Feinde wie Mamelucken stoßen sofort mit kleinen Einheiten nach und besetzen eure wichtigen Industrieanlagen, belagern unbewachte Städte und sorgen dafür, dass ihr euch euer Vorgehen sehr genau überlegen müsst. Euer taktischer Sinn wird auf die Probe gestellt, wenn ihr entscheiden müsst, ob ihr eine wohl gerüstete Armee zurücklasst, um euch gegen eventuell per Schiff auftauchende Entsatzkräfte der Briten zur Wehr zu setzen, oder versucht, diese mit einem eigenen Überraschungsangriff auf Zypern auszuradieren und damit Hilfsgüter zu sichern.

KI-Feinde nutzen Schwächen

Nie könnt ihr euch sicher sein, gerade die Oberhand zu haben. Das ist herausfordernd, kann jedoch mit der Zeit auch ganz schön auf die Nerven gehen. Wenn beispielsweise die Feinde immer wieder von irgendwoher noch Einheiten rekrutieren können und euch zwingen, gegen die Aufrührer oder Rebellen vorzugehen und euch damit von wichtigen Zielen abhalten bzw. wertvolle Zeit kosten. Auch wenn jeder Spielzug nun nur noch zwei Wochen vergehen lässt, verfliegen die zwei Jahre des Ägypten-Kapitels trotzdem im Handumdrehen.

Der Spiel-Stress erreicht jedoch ein ganz neues Niveau, wenn ihr euch in die Europa-Kampagne stürzt. Hier erwarten euch nicht nur eine Vielzahl neuer Widersacher mit einem immerwährenden Mehrfrontenkrieg, der kaum zu kontrollieren - geschweige denn gewinnen - ist. Auch die spielerische Tiefe und die Neuerungen von Napoleon: Total War kommen ab diesem Punkt erst so richtig zum Tragen.

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Hübsche Rauch- und Partikeleffekte sorgen für atmosphärisches Schlachten.
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Während ihr in Afrika den Hitzetod eurer Einheiten in unwirtlichen Wüstenumgebungen mit landesüblichen Truppen noch umgehen könnt und damit das neue Verschleiß-Feature etwas abgeschwächt wird, müsst ihr nun die Bewegungen eurer Truppen noch besser koordinieren und planen. Vor allem in winterlichen Gebieten erholen sich eure Armeen gar nicht mehr, sondern erleiden Verluste durch Krankheit und Desertion.

Nur in von euch kontrollierten Provinzen erholen sich angeschlagene Truppenteile langsam, doch zum Rasten bleibt auf der großen Map und vielen vorgegebenen Zielen kaum Zeit. Wenn euch nicht die bereits unterjochten Österreicher in den Rücken fallen, wird sich garantiert das feindliche Schweden zu einem spontanen "Besuch" einfinden, Preußen ein ständiger Unruheherd bleiben oder Russland mit störenden Nadelstichen piesacken.

Dafür habt ihr nun jedoch oft die Entscheidung, ob ihr eroberte Territorien entweder selbst übernehmen, gründlich plündern, sich selbst überlassen oder in ein Protektorat verwandeln wollt. Letzteres bringt euch kurzfristig zwar weniger Einnahmen, mittelfristig aber einen strategischen Partner und weniger Mikromanagement-Aufgaben, von denen es ohnehin mehr als genug gibt.

Plündern oder Versklaven?

Leicht erweitert wurden beispielsweise die Diplomatie-Möglichkeiten, rund um neue Spionage- (und Sabotage-)Einsätze, könnt ihr eure Aristokraten beauftragen, Bündnisse zu schmieden, um euch im Hinterland den Rücken frei zu halten und gewinnbringende Handelsbündnisse (oder Embargos!) zu schmieden. Leider bleiben die Wahlmöglichkeiten jedoch noch immer etwas zu beschränkt und statisch und auch die Reaktionen der KI-Nationen häufig unverständlich.

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Etwas vielseitiger, aber immer noch zu statisch: das Diplomatie-Menü.
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Mit diplomatischen Winkelzügen allein werdet ihr Europa jedoch nicht erobern, militärische Auseinandersetzungen bestimmen daher nach wie vor den Spielablauf. Wer den Ausgang der Schlachten nicht auswürfeln lässt (und damit das eine oder andere merkwürdige Ergebnis verhindert), landet in den Echtzeitschlachten. Auch hier zeigt sich, das Creative Assembly nochmals einige Arbeit in Verbesserungen gesteckt hat: Partikeleffekte verzücken das Auge (u.a. brennende Häuser, wabernder Musketendampf und Nebel, Einschlagkrater der Kanonenkugeln), Bäume und Sträucher wiegen sich malerisch im Wind und auch die Einheiten wirken dank vieler Details nicht mehr ganz so klonhaft wie noch vor Jahresfrist.

Darüber hinaus wirken sich die verschiedenen Eigenschaften der Einheiten nun deutlicher auf die Schlachten aus: Linieninfanterie agiert nun überzeugender und ist aufgrund ihrer besseren Ausbildung effizienter im Kampf, Generäle verleihen umstehenden Truppenteilen nun einen Motivationsschub und verhindern allzu rasche Flucht ihrer Untergebenen. Wer diese Vorteile zu nutzen weiß, kann sich auch mit einer zahlenmäßig unterlegenen Armee gegen übermächtig wirkende Gegner behaupten.

Und zwar trotz verbesserter KI-Cleverness. Die computergesteuerten Kontrahenten greifen nun zwar häufiger auf durchschlagkräftige Taktiken wie Flankenangriffe zurück und setzen auch Artillerie effektiver ein, was die Gefechte deutlich anspruchsvoller macht. Trotzdem gibt es noch einige Macken, die man zu seinem Vorteil ausnutzen kann: Wer sich mit seiner Armee in Siedlungen oder Häusern verschanzt, wird die nur zögerlich nachrückenden Einheiten der Feinde nach und nach aufreiben können.

Drop-in-Gefechte mit menschlichen Gegnern

Bisweilen genügte es im Test sogar, einfach die Zeit herunterlaufen zu lassen, weil sich der Gegner nicht zum Angriff auf die gut gesicherte Position durchringen konnte und seine Artillerie nicht nachrücken ließ. Immer noch nervig sind übrigens Einheiten, die auf nicht vorhandene Kontrahenten feuern, was vor allem Artillerietruppen immer wieder zu sinnlosen Geschossarien auf harmlose Hügellandschaften veranlasst. Störend ist zudem die immer noch zu hakelige und zickige Ausrichtung der eigenen Einheiten, die sich nicht immer wie gewünscht positionieren lassen und auch Deckungsmöglichkeiten selten automatisch nutzen.

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Die Übermacht der Feinde im Mehrfrontenkrieg ist zeitweise erdrückend.
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Gravierende Wegfindungsprobleme, Abstürze oder anderweitige technische Macken haben wir diesmal aber nicht beobachtet, allenfalls die Ladezeiten erscheinen bisweilen noch immer zu lang. Es wäre zudem wünschenswert, schlecht laufende Schlachten neu starten zu können, wie das zuletzt in "King Arthur" vorbildlich gelöst war.

Dafür eröffnen sich hinsichtlich der Mehrspielermodi völlig neue Möglichkeiten. Abgesehen von den bereits bekanten Scharmützel-Schlachten für bis zu acht Spieler könnt ihr zum einen in Echtzeitgefechten die Gegenseite per Drop-in-Option von einem menschlichen Kontrahenten besetzen lassen (auf Wunsch auch nur von jemandem aus eurer Steam-Freundesliste). Zum anderen dürft ihr nun die einzelnen Kampagnenabschnitte mit zwei Spielern (online und LAN) angehen und euch entweder bekriegen oder auch gemeinsame Sache machen.

Besonders gut ist gelöst, dass ihr zwar immer noch rundenbasiert spielt, der jeweils andere Spieler jedoch nicht untätig herumsitzen muss, sondern seine Provinzen verwalten kann und sich der Spielstand jederzeit sichern lässt. Zudem könnt ihr euch auch (gemeinsam) für das Auswürfeln von Schlachten entscheiden.