Mutig sind sie ja schon, ohne Frage. Doch so ganz einfach wird das nicht, den Leuten da draußen zu erklären „Hey, wirklich zocken könnt ihr zwar nicht, dafür ist die Story aber ziemlich cool!“ Ein gesundes Maß an freundlichem Wohlwollen werdet ihr hierfür also schon mitbringen müssen, und selbst damit könnte es knifflig werden. Steht und fällt alles mit diesem einen Typen.

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Eine Hasenfußtruppe waren die Jungs von SquareEnix noch nie. Nicht alles war super, was der japanische Publisher da in den letzten Jahren auf uns losgelassen hat, manches enttäuschend, der Großteil aber richtig ordentlich und immer wieder überraschend wagemutig. Der Kauf des eingestellten True Crime: Hong Kong und das daraus resultierende Sleeping Dogs, das großartige, den Wurzeln der Serie treubleibende Deus Ex: Human Revolution oder die gewagten Neuausrichtungen des Final-Fantasy-Schlachtschiffes: muss man nicht unbedingt alles gutheißen, aber zumindest nickend anerkennen. Hier probiert jemand gern etwas Neues. Applaus dafür.

Murdered: Soul Suspect ist - gemessen am Verhältnis von monetärem und zeitlichen Aufwand – eines der vielleicht gewagtesten Projekt der Firma, die in dieser Form erst seit 2003 besteht und seine Ressourcen in den letzten Monaten vor allem auf die Wiederauferstehung alter Geister konzentrierte. Klappte mal mehr, mal weniger, jetzt werden aber ohnehin neue beschwört. Buchstäblich.

Murdered: Soul Suspect - Der Geist ist willig, aber das Spiel ist schwach

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Blöd gelaufen, Ronan hat's erwischt.
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Ronan O'Connor heißt der in diesem Fall, bad boy a. D., good guy und Ordnungshüter auf Bewährung. Oder bis vor kurzem, als der geläuterte Ex-Gangster noch auf der anderen Seite des Gesetzes Jagd nach denen machte, in deren Kreisen er bis vor dem Kennenlernen der Liebe seines Lebens noch selbst verkehrte. Dann, ein Einsatz wie fast jeder andere: „Hab ich tausendmal gemacht“-Attitüde hier, Selbstüberschätzung da – peng! – schon ist's vorbei mit der Polizeikarriere im heimeligen Salem, Massachusetts.

Wäre nicht so schlimm, ziemlich aushaltbar sogar, wenn er den Armen seiner verstorbenen Frau nicht sogleich wieder entrissen worden wäre. Statt inniger Wiedervereinigung ist der auf den ersten Blick recht austauschbare Kettenraucher zwischen Dies- und Jenseits gefangen. In einer Art Zwischenwelt wandelt er fortan als Geist umher, dazu verdammt, den Typen zu fassen, der ihn erst unsanft aus dem Fenster geschleudert und mit ein paar Schüssen auch noch den kleinen Rest seiner Existenz ausgelöscht hat.

Murdered: Soul Suspect - Der Geist ist willig, aber das Spiel ist schwach

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Ganz so schick wird Murdered wohl nicht aussehen. Hier darf sich ruhig noch was tun.
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Film mit Spiel- oder Spiel mit Filmelementen?

Es ist der nicht ganz filmreife, gelegentlich auf eine unfreiwillig-sympathische Weise leicht trashige, aber doch einigermaßen schick inszenierte Einstieg von etwas, das fast mehr Film als Spiel ist, das seine Geschichte bedingungslos vor alles andere stellt. Keinesfalls mit der kompromisslosen Breitseite eines Beyond: Two Souls; einen Controller werdet ihr schon brauchen. Nur besonders geschickt müsst ihr damit nicht sein.

Trotz guter Ansätze holt Murdered: Soul Suspect aus der vielversprechenden Prämisse noch zu wenig heraus.Ausblick lesen

Murdered: Soul Suspect lässt euch nicht scheitern, wird euch nie einen Game-Over-Screen vor die Füße rotzen, während es gemütlich seinen Mystery-Thriller erzählt – und ignoriert damit Möglichkeiten, in die David Cage seit Jahren kopfüber hineinspringt. Bis auf das Fazit der letzte unausweichliche Quantic-Dream-Vergleich dieser Vorschau, versprochen, doch die Heavy-Rain- und Beyond-Macher haben eine Sache verstanden, die Airtight Games böse auf die Füße fallen könnte: die Rolle des Spielers in der Erzählung.

Wenn O'Connor seine am Tatort zusammengeklaubten Hinweise zu einer deduktiven Glanzleistung kombiniert muss, stehen euch dafür unbegrenzt viele Versuche zur Verfügung. Nachdenken ist ein guter Tipp für die ersten zwei Stunden; die frühen Fälle ließen sich beim ersten Versuch durch kurzes Nachdenken logisch lösen, immerhin. Doch wären es zwei, fünf oder zehn gewesen, es hätte nichts am Verlauf der Handlung geändert, obwohl das Spiel etwas anderes suggerieren will.

Während eine falsche Entscheidung bei Heavy Rain schon mal den endgültigen Tod eines Charakters bedeuten konnte, tut ihr bei Soul Suspect einfach so, als wäre nichts passiert – und kümmert euch schlimmstenfalls von Mal zu Mal weniger darum. Trotz größerer spielerischer Möglichkeiten degradiert Murdered den Spieler damit deutlich stärker zum Zuschauer als David Cages Thriller. Zuhören ist okay, nachfragen auch irgendwie, eingreifen dann eher nicht so. Ein bisschen Selbstmotivation werdet ihr also schon brauchen. Schwer abschätzbar, wie viel euch die Geschichte abnimmt, es darf aber ruhig ein größerer Brocken sein. Allzu viel bleibt sonst nicht.

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Vor Dämonen muss erst Reißaus genommen werden, bevor sie sich hinterrücks erledigen lassen.
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Die Stadt macht die Musik

Am ehesten noch Salem selbst, eine morbide Kulisse mit Strand, Friedhof, Kirche und auch sonst einigen Örtlichkeiten, an denen ein Geist nicht ganz deplatziert wirkt. Alles zusammenhängend und frei begehbar, Sammelgelöt mitsamt Hintergrundinformationen zu Hinz und Kunz finden sich ebenfalls an jeder Ecke. Eine Karte wird niemand dafür brauchen, an ein paar Kreuzungen kann ein kurzer Blick zur Orientierung allerdings auch nicht schaden. Airtight Games wollen das für sich arbeiten lassen, was schon für Stephen King Anlass genug war, dieses Städtchen mehr als einmal zum Schauplatz eines Romans machen. Der Schriftsteller stellt das bisweilen geschickter an, ein sicheres Auge haben allerdings auch die Designer.

Einige ihrer Kollegen hatten indes etwas weniger Gespür; die wenigen Passanten auf den Straßen etwa wirken lebloser als O'Connor selbst, wissen bis auf ein paar Wörter nicht viel zu erzählen und sind häufig identisch animiert. Manche schleppen ein paar Probleme mit sich herum, oder auch „Side-Cased“, wie das dann im Hauptmenü heißt. Zumindest während des Anspielens nicht mehr als ein kurzes Absuchen der unmittelbaren Umgebung nach Indizien, wie ihr es nur oft tun werdet.

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Wenn sich bis zur Veröffentlichung noch einiges tut, kann Murdered ganz ordentlich werden.
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Zwischendurch huscht ihr in Geisterform durch ein paar Wände, verliert dabei gelegentlich die Orientierung, versteckt euch vor Dämonen und seid damit beschäftigt, in jeden armen Teufel zu fahren, der nicht bei drei sein Kruzifix umgehängt hat. „Gedanken lesen“ ist dann oft die einzige Option, die drei anderen bleiben die meiste Zeit über grau unterlegt. Nur an wenigen bestimmten Stellen seht ihr auch durch die Augen des Wirts, beeinflusst Handeln und Gedanken. Alles vorgegeben, kann man nicht viel falsch machen. Fraglich, ob das auch auf Murdered: Soul Suspect selbst zutrifft.