„Detectives sollten sich nicht die Finger schmutzig machen. Ich hingegen habe sie alle besiegt, habe nie einen Kampf verloren. Bis jetzt“, sagt ein Typ namens Ronan O’Connor mit rauchiger Stimme, die irgendwo zwischen Jack Bauer und Max Payne liegen könnte. Er trägt Drachen-Tattoos an Arm und Hals, eine Polizeimarke an der linken Westentasche und will sich gerade eine Kippe anzünden. Doch warum teleportiert sich die Zigarette auf die andere Seite? Und was zur Hölle macht dieser vermummte Kerl?

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„Sir, was tun Sie da?“ Ähm, Scheiße, der kniet ja über uns. Und wir sind ziemlich tot, hingerichtet mit sieben Schüssen. Das ist der Auftakt für das wohl abstruseste Spiel der E3 2013, irgendwo zwischen „L.A. Noire“, Ghost Trick, Schizophrenie und einem Hauch Mystery, die bis in die Zeiten der Hexenverfolgung zurückreicht.

Murdered: Soul Suspect - Be-geisternd: Geister-Cop jagt seinen Mörder

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Keine 08/15-Story: Die Dialoge sind gut geschrieben und lassen erahnen, dass es zwischen Protagonist und anderen Charakteren interessante Beziehungen gab.
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Auf den Spuren von John McClane

Doch wie kommt man auf eine solch schizophrene Idee? „Stirb langsam war schuld“, erklärt ein kleiner, leicht untersetzter Mann namens Eric Studer. Er ist der Produzent des Washingtoner Teams und erzählt von einer Szene aus dem ersten „Stirb langsam“: „Da blutet dieser John McClane wie ein abgestochenes Schwein, kann sich kaum noch halten und legt trotzdem eine kleine Armee um.

Was wäre eigentlich, wenn eine von zigtausend Kugeln aus Dutzenden Maschinenpistolen getroffen hätte? So im Bereich der Halsschlagader oder in die Brust oder direkt das Herz?“ Gute Frage, Exitus wäre wohl die Antwort. Selbst McClane ist nicht gepanzert und hält es in den meisten „Stirb langsam“-Teilen nicht mal für nötig, sich die Kevlar-Schutzwesten seiner getöteten Gegner überzuziehen, sondern stellt sich lieber im Feinripphemd in den Kugelhagel.

„Nehmen wir also an, McClane wäre tot, was würde er tun?“ Vermutlich in der Hölle landen. „Er würde alles daran setzen, seine Mörder zur Strecke zu bringen.“ Ronan O’Connor ist vom gleichen Schlag wie dieser New Yorker Cop.

Max, bist du es?

Die Atmosphäre überzeugt schon mal: Wie sich dieser leichte Film-noir-Schleier über die Szenerie legt, der Regen auf die Leiche prasselt, sich unser Bruder über uns beugt und mit tiefer, trauriger Stimme nur ein „Warum konntest du nicht warten? Wenn du Julia da oben siehst, sag ihr, dass ich sie über alles liebe“ herausbringt, könnte die Szene auch aus „Max Payne 2“ stammen. Tausche Julia gegen Mona und es passt.

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Spannend: Wir finden eine Frau, die vor 321 Jahren bei den Hexenprozessen von Salem getötet wurde. Wie wir ihr helfen können, erfahren wir auf der E3 aber leider nicht.
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Der Grundton ist also düster und die Kollegen waren dem Opfer offensichtlich auch nicht so wohlgesinnt. Ein muskulöser Kerl mit fahlblasser Haut tritt an die Leiche heran (also an uns, fühlt sich komisch an, das so zu schreiben) und schnauft nur ein höhnisches „Pah, so ein Ronan O’Connor ruft natürlich keine Verstärkung. Stupid son of a bitch“ (aus Gründen des Jugendschutzes übersetzen wir das mal nicht). Er rümpft die Nase, wendet sich ab und tuschelt etwas mit seinem Kollegen. Das ist die Gelegenheit, mal zu erfahren, was die Kollegen wirklich von uns gehalten haben.

Als Geist können wir nämlich in jede lebende Person hineinschlüpfen und so Gespräche belauschen. Officer Robinson sagt zwei interessante Dinge: Zum einen hält er O’Connor für einen Kriminellen, der Geschäfte mit der Mafia laufen hatte. Und zum anderen wusste er, dass wir zu diesem Appartement hier fahren würden, hat aber bewusst keine Verstärkung angefordert. Interessant gemacht, spielerisch aber eher belanglos: Eine künstlerisch verzierte Schrift fordert uns auf, den Tathergang nachzuvollziehen. Wir wurden erschossen, das ist ziemlich eindeutig. Und wir sind nicht freiwillig aus dem dritten Stock gesprungen, sondern wurden gestoßen – auch dazu braucht man nicht Sherlock Holmes zu sein.

Von Goofy und Donald in die morbide Geisterwelt

„Murdered: Soul Suspect“ ist schon mal deswegen spannend, weil das Team so bunt durchgewürfelt ist, dass einfach ein interessantes Produkt rauskommen muss. Creative-Director Yosuke Shiokawa hat vorher am quietschbunten Kult-Action-Rollenspiel „Kingdom Hearts“ gearbeitet und war dort als sogenannter "Lead-Battle-System-Planer" für das Kampfsystem verantwortlich. Wer „Kingdom Hearts“ kennt, der weiß, wie abstrus und ausgefallen die Ideen hinter den Kämpfen und der ganzen Welt sind. „Kingdom Hearts“ ist quasi ein neues Genre, der optimale Mix aus westlicher Comic-Kultur Marke Walt Disney und Helden, die man vom Stil her eher in die Final-Fantasy-Ecke stellen würde.

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Die Entwickler spielen viel mit dem religiösen Element. So werden Türen von Schutzpatronen vor Geistern bewacht, wir müssen ergo andere dazu bewegen, diese für uns zu öffnen.
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Auch „Murdered“ soll so eine Art Mix werden, eine gute Mischung aus möglichst realistischem Detektiv-Thriller im Stil von L.A. Noire mit überirdischen Elementen und einer Geschichte, die Moderne und Vergangenheit mixt. Denn in Salem wurden im Jahre 1692 bei den „Hexenprozessen von Salem“ 20 Frauen brutal gesteinigt. Ähnlich wie die spanische Inquisition sahen die Puritaner in jedem nicht ganz normalen Verhalten den Teufel. Wer beispielsweise eine spastische Lähmung oder auch psychische Probleme hatte, wurde per Folter zum Geständnis gezwungen und umgebracht. Mit diesen grausamen Morden der Geschichte spielt „Murdered: Soul Suspect“ auf seine eigene Weise.

Murdered: Soul Suspect hat viele gute Ideen, ein interessantes Art-Design und ist technisch stark. Was jetzt allerdings dringend folgen muss ist Spielsubstanz.Ausblick lesen

Hexenprozesse: Die Dämonen von Salem

Laut dem Entwickler ist jeder Tote so lange in einer Art Parallelwelt, dem sogenannten „Dusk“, gefangen, bis er seinen Mörder gefunden hat. Die 20 Frauen schwirren hier noch immer herum und weil die christlichen Einwohner von Salem sie für den Teufel halten, haben sie sich zu Dämonen weiterentwickelt, die mit Flammenbällen um sich werfen und O’Connor an die Lederweste wollen. Wird jetzt geballert? Nö, Gott sei Dank nicht. Entwickler Airtight Games möchte mit alten Spielkonzepten brechen und einen reinrassigen Detektiv-Thriller abliefern.

„Ihr müsst euch anschleichen und könnt sie dann überwältigen oder müsst sie in Fallen laufen lassen“, erklärt Produzent Eric. Der Entwickler zeigt sich auf der E3 noch recht verschlossen, was Spieldetails angeht, lenkt aber schon mal einen Blick auf einen Gashahn, den wir aufdrehen können. Gas + Feuer = Bumm. Inwiefern wir damit Feuerdämonen bekämpfen sollen, bleibt derzeit noch nebulös.

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Sieben Schüsse aus nächster Nähe: Unser Mörder wollte auf Nummer sicher gehen.
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Wer hat das Mädchen auf dem Gewissen?

Zwischendurch treffen wir in der Geisterwelt immer wieder verlorene Seelen. „Entschuldigung, ich fühle mich etwas durcheinander. Ich weiß nicht, wo mein Körper ist“, jammert eine junge Lady und wir helfen ihr. Mit ein paar Klicks finden wir heraus, dass ein Rentner-Ehepaar das Mädel auf dem Gewissen hat. „Ich dachte, ich hätte die Bratpfanne nicht so hart geschwungen“, grübelt der Alte. Wäre es nicht so morbide, wäre die Szene fast schon lustig.

Wir wissen jetzt also, wer der Mörder ist. Bleibt noch Aufgabe Nummer zwei zu lösen: Wo befindet sich der Körper? „Diese fünf Meilen raus aus der Stadt waren die längsten meines Lebens“, verrät die ältere Dame in der Wohnung, als wir ihre Gedanken lesen…