Chaos! Überall bricht alles in sich zusammen, Häuser, Straßen, Brücken, Abwasserkanäle. Es bröselt, es brennt, es bleibt kein Stein auf dem anderen. Spektakulär, könnte man meinen, wenn es nur glaubhafter inszeniert wäre. Rennpilot im Zentrum der Apokalypse zu sein, das stelle ich mir jedenfalls anders vor.

MotorStorm: Apocalypse - Das Skyline-Gebiet

Dystopia voraus. Irgendwo zwischen der Donnerkuppel aus Mad Max und der Ödnis von Fist of the North Star liegt das Land der Plattitüden. Ein Ort, an dem Politik ein Faustrecht ist, an dem alle Männer Muckis haben und Frauen ohne Brustimplantate offenbar aus der Gesellschaft ausgestoßen werden. Ein Land ohne Kultur, ohne Moral, ohne Regeln, dafür gefüllt mit Tattoos, Schmaldenkern und lasziven Atombusen-Chickas mit Glasaugen.

Hier, im Herrschaftsgebiet der Haudrauf-Idioten und Super-Machos, im Landkreis Hooker's Finest, findet ein halsbrecherisches Rennfestival statt, bei dem die härtesten und abgebrühtesten aller Selbstmordkandidaten zusammenkommen, um endlich mal wieder den Penis-Zollstock anzulegen.

MotorStorm: Apocalypse - Sodom und Gomotor: Mit der Rennfaust durch die Asche

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Nicht sehr heimelig, das alles hier. Wirklich nicht.
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Für ein angeblich brachiales Endzeitrennen mit Offroad-Charakter sind die drei Rennklassen von Motorstorm: Apocalypse erstaunlich gut organisiert. Obwohl die meisten Kurse durch die bröckelnden Ruinen einer einstigen Metropole führen, ist jede Kurve brav beschildert, führen rote Lichtlein selbst volltrunkene Geisterfahrer durch jeden noch so instabil erscheinenden Tunnel. Ja, selbst auf der hochdramatisch inszenierten Flucht vor den Auswirkungen eines Erdbebens haben Heinzelmännchen bereits den Kurs abgesteckt. Egal ob Turbo-Buggy, Muscle-Car, Racing-Truck oder hochfrisiertes Zweirad, jedes Fahrzug schaufelt sich mit Höchstleistung durch ein Gemisch aus Abfall, Straßenresten, Matsch und Gestein, als ob die Scuderia Ferrari im Hintergrund die Fäden zöge.

Was nicht heißt, dass man das hanebüchene Geheize nicht mit einem Grinsen auskosten könnte. Motorstorm bleibt Motorstorm, ein Arcade-Racer vor dem Herrn. Spritzig, schnell und effektgeladen war die Serie schon immer, und zu behaupten, es sei technisch mangelhaft oder spielerisch einseitig, wäre eine glatte Lüge.

Packshot zu MotorStorm: ApocalypseMotorStorm: ApocalypseErschienen für PS3 kaufen: Jetzt kaufen:

Dennoch fällt es diesmal schwer, den Evolution Studios das Seemannsgarn abzunehmen. Erst recht, wenn man schon ein paar Runden auf der Piste verbracht hat und feststellt, dass sich spielerisch so gut wie nichts seit Motorstorm: Pacific Rift getan hat. Es bleibt somit beim altbekannten System, bei dem lediglich die zuschaltbare Nitroeinspritzung das Köpfchen rauchen lässt, da es zu entscheiden gilt, wo sie am brauchbarsten ist. Dauerheizen mit dem Turbo im Genick führt zur Überhitzung des Motors mit anschließendem Freiflug in die Pampa, maßvoller Einsatz ist also oberstes Gebot.

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Spielerisch hat sich gar nicht so viel getan, wie man meinen möchte.
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Es sei denn, man fährt vor dem großen Knall noch schnell durch eine Pfütze und lässt den Motor dadurch abkühlen. Aber das kennen wir ja schon aus dem Vorgänger wie auch alle anderen fahrerischen Aspekte von Motorstorm: Apocalypse. Ein paar neue Vehikel und die Luftkühlung des Turbos bei Sprüngen kommen als Ausnahmen in den Sinn.

Anderweitig hat sich nur eines geändert, nämlich die Umgebung. Das urbane Dystopia ist durchaus nett anzusehen und unterliegt ständigem Wandel. Hier stürzt eine Brücke ein, da fällt ein Wolkenkratzer um oder ein Militärhelikopter schießt mal nebenbei ein Loch in die Straße, bevor man plötzlich in der Kanalisation herumheizt. Es kracht und staubt an jeder Straßenecke, beinahe durchgehend. Aber die Draufgängerpiloten der Motorstorm-Liga juckt das scheinbar überhaupt nicht.

Der inszenierte Weltuntergang

Einige davon gehören zur sogenannten Bruderschaft, einer Art Klan im verwegenen Motorstorm-Rennzirkus. Was die Bande zusammenhält, ist aber schwer zu sagen. Keine der vorgestellten Figuren hat auch nur ansatzweise so etwas wie eine Persönlichkeit, besteht doch jeder einzelne von ihnen aus einer Ansammlung ausgelutschter Endzeitklischees, die in den Cut-Scenes von Motorstorm Apocalypse über Bildgeschichten im gewollt coolen (aber nicht gekonnten) Comic-Stil vermittelt werden.

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Kein Rennen, in dem nicht die halbe Stadt zusammenfällt. Wenn's nur nicht so berechenbar wäre....
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Natürlich braucht man für die wilde Offroad-Sause nicht zu verstehen, worum es in der Handlung geht. Sie versucht, die linear aufgereihten Spritvernichtungswettkämpfe lose zu verknüpfen, schafft es aber nur selten, einen Konsens aufzubauen. Zu sagen, das Setting sei plump zusammengeklöppelt, wäre noch geschmeichelt, weil buchstäblich kein Stein auf dem anderen bleibt. Egal ob in den Zwischensequenzen oder in den Rennen.

Bombast allein macht noch kein gutes Rennspiel. An grafischen Effekten fehlt es Motorstorm: Apocalypse garantiert nicht, aber es mangelt an Glaubwürdigkeit und fahrerischen Finessen.Fazit lesen

Arcade-Racer oder nicht, der Lachkrampf ist vorprogrammiert, wenn man an einer Startlinie steht und bemerkt, dass keine zwanzig Meter weiter ein unüberwindbarer Abgrund klafft, der erst während des Rennens durch einen umstürzenden Wolkenkratzer überbrückt wird. Motorstorm Apocalypse möchte uns Chaos und Unberechenbarkeit vorgaukeln, aber das Adrenalin will nicht hochpumpen, weil man sieht, wie konstruiert und künstlich das ganze Szenario aufgezogen wurde. Stürzt eine Brücke ein, wird daraus nie eine Sackgasse, die einen zwingt, alternative Wege einzuschlagen. Wenn irgendetwas zu Bruch geht, darf man immer schön weiter geradeaus fahren, als ob der Kurs schon immer so geplant war. Meeeh.

Das Schema der veränderlichen Umwelt ist sogar so offensichtlich, dass man schon in der ersten von meist vier Runden voraussagen kann, welches Gebäude als Nächstes einstürzt. Und da es permanent irgendwo scheppert, macht sich schon nach drei bis fünf Rennen ein Abnutzungseffekt bemerkbar. Was nicht heißt, dass es Motorstorm 3 an Rasanz und Spannung fehle, nur kommen diese Tugenden nicht durch den inszenierten Weltuntergang zutage, wie es sich Evolution Studios offenbar erhofft hatten.

Wenn Motorstorm: Apocalypse an den Nerven zuppelt, dann höchstens durch das dichte Fahrerfeld von bis zu 16 Teilnehmern, das vor allem online so richtig ins Schwitzen bringt. Abgesehen von der erhöhten Abwechslung durch modifizierbare Aufstellungs- und Ausscheidungsregeln ist es die unberechenbare menschliche Reaktionsfreude, die den Funken überspringen lässt und nebenbei zu so manch spektakulärem Crash führt. Arcade-typisch darf man anschließend mit geringem Zeitverlust weiterfahren, ohne Frust zu schieben.

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Im Elimination-Modus tickt ein Countdown. Erreicht dieser den Nullpunkt, fliegt der langsamste Teilnehmer aus dem Rennen.
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Eine Fahrt gegen die CPU zeichnet sich hingegen durch eine Ambivalenz aus, die man im Reich der Videospiele selten wahrnimmt. Auf der einen Seite herrscht der sorglose, wenn auch erheiternde Bleifuß. Ich war in der Lage, die erste Rennliga fehlerlos an einem Stück zu meistern, ohne auch nur ein einziges Mal zu bremsen. Völlig gleich, wie eng die nächste Kurve aussieht, irgendein alternativer Weg davor erlaubt es trotzdem, auf dem Gaspedal zu bleiben - da ist das Weglassen des Nitros oder kurzes Vom-Gas-Gehen noch das Höchste der Gefühle.

Mit der Konsequenz, dass man beim dritten oder vierten Kurs der zweiten Rennliga erst mal volle Kanne gegen eine Wand heizt, weil erstmals eine Kurve so eng ausfällt, dass man tatsächlich in die Eisen steigen muss. Dennoch bleibt es weiterhin ein seltenes Ereignis.

Turbo auf der Müllkippe

Auf der anderen Seite plagt das Elend einer ziemlich unfairen Fahrermeute, die offenbar gar nicht gewinnen will, sondern schon zufrieden ist, wenn sie mich am Siegen hindert. Mit dem neuen Setting hat sich nämlich ein Hauch mehr Road-Rash in das Fahrerfeld gemogelt. Mit Quadrat- und Kreisknopf darf man sogar selbst zur Seite ausscheren, um heftige Rempelduelle vom Zaun zu brechen. Was aber absolut sinnlos ist, weil es nur aufhält.

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An jedem Rennen nehmen unterschiedlichste Fahrzeuge Teil - vom Buggy bis zum Truck.
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Einmal mit einem anderen Fahrzeug verharkt, rasen alle anderen Kontrahenten gemütlich vorbei, was den Streithähnen überhaupt nichts bringt. Umso mehr ärgert man sich natürlich, wenn man im Spitzenfeld plötzlich quer steht, weil ein neunmalkluger CPU-Trottel einem ohne Sinn und Verstand in die Seite fährt. Wie ich schon sagte, es ist das Land der Haudrauf-Idioten und Super-Machos, und das gilt nicht nur für die Zwischensequenzen.

In gewisser Hinsicht muss man selbst erst mal das Hirn abschalten, bevor man in Motorstorm: Apocalypse Land sieht, denn mit jedem neuen Rennen bekommt man ein anderes Fahrzeug vorgesetzt. Sich an die Eigenschaften eines bestimmten Wagens zu gewöhnen oder gar seine Stärken ausreizen zu wollen, das ist somit als verschwendete Zeit einzustufen.

Entweder man nimmt das Fahrverhalten der aktuellen Spritschleuder Ad-hoc an oder man verliert das Rennen und versucht es noch mal. Bei der nächsten Veranstaltung gelten sowieso wieder ganz andere Regeln. Zumal selbst bei Eliminierungs-Events wenig Unterschiede im strategischen Rennverlauf herrschen. Man heizt einfach drauf los und hofft, dass alles gut geht.

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Keine Angst vor Helikoptern. Sie sprengen nur die Straße auf, aber tun keiner Fliege etwas zuleide.
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Somit fehlt Motorstorm 3 der lange Atem, der bei jedem Rennspiel präsent sein sollte: der schmerzende Splitter im Fleisch, der einen dazu bringt, sich permanent zu verbessern, der den Kampfgeist weckt, jede einzelne Kurve perfekt zu nehmen. Selbstverständlich werden auch Zeitrennen angeboten, die eine Hatz nach Bestleistungen unterstützen, doch in der Kampagne hat man nicht die leiseste Chance, irgendetwas von dem Gelernten umzusetzen.

Die einzige Motivation, gezielt nach bestimmten Pfaden zu suchen, liegt in auffindbaren Bonuskarten, die meist hinter irgendwelchen Hindernissen versteckt wurden. Normalerweise versucht man hingegen just dem Einfluss des restlichen Fahrerfelds so gut wie möglich zu entfliehen, egal auf welchem Weg.