Dieses Wasser. Dieses herrliche Wasser . Ich kann mich noch an meinen Unglauben erinnern, als mich ein Freund fragte, ob ich schon dieses neue Rollenspiel kennen würde. Das mit dem supertollen Wasser und der Hammergrafik. Ich verneinte und konnte meinen Augen kaum glauben, als er mir dann einen Screenshot zeigte. Das war im Jahre 2001. Der Screenshot war auf echtem Papier gedruckt, suchte sich ein hübsches Plätzchen in meinem Kopf und richtete sich häuslich ein. Ein Jahr später kam dieses Überrollenspiel raus und wir alle hatten damals nichts Eiligeres zu tun, als uns eine Kopie dieses zauberhaften Abenteuers zu besorgen.

Ein simples Wort: Wow.

Kaum gestartet zog Morrowind mich in seinen Bann. Allein in der Charaktererstellung verbrachte ich eine gute Stunde. Die Möglichkeiten erschienen einfach so umfassend, so tiefgreifend und so komplex, dass ich schier erschlagen wurde. Nehme ich einen starken Barbaren oder doch lieber einen magiebegabten Dieb? Oder vielleicht eine vorgefertigte Klasse? Ich wusste es wirklich nicht. Soweit ich mich erinnern kann, war mein erster Charakter damals ein Schwertkämpfer.

Zumindest glaubte ich, dass ich die Dinge ausgewählt hatte, die ihn zu einem guten Schwertkämpfer machen würden. Naja, das hat nicht hingehauen. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie oft ich dieses Spiel wieder neu angefangen habe, um etwas Neues auszuprobieren, und sei es nur, um am Anfang nicht nach Norden, sondern nach Süden zu laufen. Einfach nur, weil es ging. Hach, das war toll.

Morrowind - Ich will wieder zurück nach Vvaardenfell!

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Das Wasser sah damals unglaublich realistisch aus und kann sich auch heute noch sehen lassen.
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Überhaupt! Was da alles ging. Das Rollenspielgenre bestand damals für mich aus der alten Might-and-Magic-Reihe und, alle Hühneraugen zugedrückt, aus Diablo 2. Und dann kommt so ein Monster von Morrowind um die Ecke und stellt mich vor Möglichkeiten, die es vorher für mich nicht gab, ja die noch nicht einmal an die entferntesten Winkel meiner Vorstellungskraft zu klopfen wagten. Ich kann alles nehmen, was mir gefällt, mich darf nur keiner sehen?

Ich kann also quasi stehlen? Ich werde besser im Schwertkampf, wenn ich aktiv mit der Klinge trainiere? Ich kann überall hin laufen, auf jeden Berg, den ich sehen kann, und auch mit jedem NPC sprechen, den ich treffe? Wie? Die reagieren auch noch unterschiedlich auf mich? Wahnsinn! Ich kann mir einen Ruf erarbeiten und habe dadurch tatsächliche Boni? Wie geil ist das denn?

Packshot zu MorrowindMorrowindErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Am meisten beeindruckt hat mich das Levelsystem. Dieses zweigeteilte Biest ließ mich durch aktives Nutzen meiner Fähigkeiten die Primärattribute steigern, und sobald ich dann einen bestimmten Wert erreicht hatte, konnte ich mein Level erhöhen, was mir wiederum mehr Auswahlmöglichkeiten an Fähigkeiten bescherte. Wenn ich also das Primärattribut „Athletik“ gewählt hatte, dann konnte ich durch stumpfes Umhergerenne nicht nur leveln, sondern der Fortschritt der Fähigkeit machte sich auch direkt durch eine schnellere Laufgeschwindigkeit bemerkbar. Was war ich baff.

Felswände, die ich vorher nicht hochkam, konnte ich nach einer ganzen Weile des Trainings bespringen und so an Orte gelangen, die vorher nicht zugänglich waren. Nicht, weil sie Teil eines anderen Levels waren, den ich noch nicht freigespielt hatte, sondern weil mein Charakter einfach noch nicht gut und hoch genug springen konnte. Ein tatsächlicher Trainingseffekt in einem Spiel. Ich war begeistert.

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Viel üben, dann klappt's auch mit so 'nem Hammer!
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Ja, es gab auch noch andere Spiele, die Konsequenzen von Handlungen kannten und für die Handlungsfreiheit mehr war als nur die Wahl der Tötungsoption eines Gegners. Teilweise gab es das auch schon vor Morrowind. Man kann die Ultima-Serie nennen oder auch das gute alte Gothic ins Feld führen. Aber diese Titel sind damals schlicht an mir vorbeigegangen und so kam ich eben das erste Mal bei Morrowind mit solchen Dingen in Berührung. Daher auch meine Begeisterung.

Was für ein Heidenspaß das damals war, zu versuchen, einen Laden auszurauben, und sich dann mit der Beute vom Acker zu machen, den Wachen zu entkommen und zu hoffen, dass irgendwann Gras über die Sache wächst. Ich hatte das erste Mal in einem Rollenspiel den Eindruck, Teil einer lebenden, atmenden Welt zu sein.

Arbeitslos und Spaß dabei

Der dynamische Tag-und-Nacht-Wechsel trug ebenso dazu bei wie das sich dieser Tatsache anpassende Verhalten der NPCs. Ich konnte eben nicht zu jeder Zeit in den Laden. Nachts war der geschlossen. Dafür konnte ich ihn aber in der Dunkelheit astrein ausrauben. Ich weiß noch heute, wie ich „nachts“ durch die Städte geschlichen bin und versucht habe, maximale Beute rauszuschlagen. Oder auch die Tatsache, dass einige Quests meine Anwesenheit an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten erforderten. Häufig dunkle Machenschaften in dunklen Gassen, während der Mond am Himmel stand...

Nachts ist sowieso ein gutes Wort, um Morrowind zu beschreiben. Ganz einfach, weil ich nächtelang an den Bildschirm gefesselt war. Und eigentlich habe ich nie großartig die Hauptgeschichte verfolgt, sondern bin einfach immer nur gelaufen. Einfach um zu schauen, was wohl hinter der nächsten Ecke liegt.

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Schon allein die Landschaft lud zum Erkunden und Entdecken ein.
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Überall gab es etwas zu entdecken. Fallen wurden mir gestellt, Mörder wollten mich im Schlaf erdolchen, ohne dass ich wusste, warum. Seltsame Kreaturen warteten darauf, gefunden zu werden. Und natürlich jede Menge Feinde wollten mir ans Leder. Das Kämpfen fand ich damals doof. Heute natürlich auch noch. Ich fand es dämlich, dass man nur stupide auf die Gegner einschlagen und -stechen konnte. Je nach Waffe eben in einer anderen Animation, aber prinzipiell war das Diablo in 3-D. Zum Glück sorgte das oben beschriebene Lern- und Levelsystem dafür, dass auch diese simplen Kämpfe irgendwie motivierend waren, da man deutlich merkte, ob man mit der Waffe umgehen konnte oder nicht.

Oder die Magie! Da konnte man sich ja eigene Zaubersprüche bauen. Das hat mich völlig fasziniert. Stunde um Stunde hing ich in der Magiergilde herum, nur um allein die Möglichkeiten auszukundschaften. Nicht, dass man das gebraucht hätte. Das Programm versorgte mich mit so unheimlich vielen Sprüchen, dass ich eigentlich nur ein paar für den Kampf brauchte und natürlich das megacoole Schlösserknacken. Egal. Kame-Hame-Giftfeuerball!

Die Haupt-Quest war mir also völlig schnuppe. Ich fand es viel interessanter, in den Gildenrängen aufzusteigen, die Diebesgilde zu finden, mich in zwielichtigen Spelunken herumzutreiben und mich in den endlosen Quest- und Handlungstexten zu verlieren. Wurde damals immer bemängelt, dass die Texte so uferlos wären. Ich fand das unglaublich toll und spannend. So ziemlich jeder NPC hatte einen kleinen Hintergrund, eine Meinung, etwas, das ihn von anderen unterschied. Wenn man einen neuen Journaleintrag hatte, dann wussten sogar diejenigen etwas dazu zu sagen, die ich bereits für andere Themen bemüht hatte. Man musste sich eben nur darauf einlassen.

Generell war dieses Abtauchen in eine völlig andere Welt das Größte für mich und etwas, das Morrowind halbwegs authentisch erschienen ließ. Allein schon, dass ich merklich langsamer wurde, je mehr Gepäck ich hatte oder je schwerer meine Rüstung war. Da hat man sich dann zweimal überlegt, ob man jetzt den Rückweg mit der gefundenen Plattenrüstung macht oder lieber bei der aus Leder bleibt. Auf jeden Fall bin ich fröhlich durch die Welt von Vvaardenfell gerannt und habe allerlei Schabernack angestellt, der allerdings genauso wenig zielgerichtet wie effizient war.

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Solche Rüstungen erregten Neid- und Raubmordgedanken.
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So lange, bis ich irgendwo mal gehört habe (ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wo das war), dass es eine Vampirseuche geben soll. Man konnte sich also irgendwo beißen lassen und hatte dann eine gewisse Chance zu mutieren, sich zu verwandeln und zu einem fiesen Wesen der Nacht zu werden. Danach bestand die Lebensaufgabe meines Charakters darin, diese seltsamen Vampirwesen zu finden, von denen man die Gnade der Unsterblichkeit erhalten konnte. Irgendwann hatte ich es geschafft und war ein Wesen der Nacht. Aber wirklich nur nachts.

Die Sonne hatte legendenkonform einen fiesen Einfluss auf mein neues Vampir-Ich. Und ich musste essen und trinken... Was für ein irres Spielerlebnis. Ich war irre schnell und ließ im Hochsprung jeden Olympioniken weit hinter mir, aber es durfte niemand mein dunkles Geheimnis erfahren. Man fühlte sich richtig überlegen, wie ein Raubtier auf Beutezug. Ein Untier in der Dunkelheit. Herrlich!

Beratungsresistent und bestialisch gut drauf

Blöderweise hatten die Normalos natürlich Angst vor mir, sobald die Kunde von meiner Verwandlung die Runde machte. Ich konnte nirgends mehr etwas kaufen, niemand wollte etwas mit dem netten Vampir von nebenan zu tun haben. Nur die Vampir-Clans hatten noch Arbeit für mich. Und auch das nur in recht beschränktem Umfang. Man musste sich also aktiv um Heilung kümmern.

Nicht dass es mit der Infektion eine Quest gegeben hätte, eine nach dem Motto: „Du bist infiziert. Renne schnell zu Heiler HeileheileGänschen in Flauschestadt. Hier ist ein Pfeil, der deinen Weg aufzeigt. Du willst nicht laufen? Hier: Schnellreise aka Ich-verpiss-mich-Stein. Direkt zum Heiler! Mit freundlichen Grüßen deiner Casual-Versicherung.“. Es stand lediglich der Hinweis im Fließtext des Journals: „Es gibt Möglichkeiten, den Fluch zu heilen.“ Das war's. Mehr hatte man nicht und musste den Rest selbst herausfinden. Aber man war ja auch selbst schuld. Ich hätte ja auch nicht in diese vermaledeite Höhle laufen müssen und mich so lange von den Dingern da drinnen beißen lassen, bis das Programm mir mitteilte, dass mein Charakter sich „komisch“ fühle. Verdammt...

Dann kam das zweite Erweiterungspack „Bloodmoon“ heraus. Es spielte im hohen Norden und bediente sich vieler Elemente der nordischen Mythologie. Außerdem konnte man sich mal wieder beißen lassen und ein abgefahrener Werwolf werden. Natürlich durfte niemand die Verwandlung sehen, sonst war man wieder ein sozialer Pariah. Ich hatte natürlich nichts aus dem Vampir-Fiasko gelernt und rannte ständig des Nächtens durch die schneeverhangenen Wälder des Add-ons, nur um mich beißen zu lassen. Das sogar mit Erfolg und mit der fixen Erkenntnis, dass man es als Wolf auch nicht unbedingt einfacher hatte denn als Vampir. Scheißegal! Ich war ein verfluchtes Biest mit Pranken, die jedem Kohlebagger das Fürchten lehrten! Hell yeah!

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In der Zeit vor Twilight waren Werwölfe noch Bestien und keine zu groß geratenen Chihuahuas.
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So, das Schreiben hat mir wieder tierisch Lust auf das Erkunden, das Vertiefen, das Herumlungern und das Ausprobieren gemacht. Einfach wieder einen Charakter erstellen und durch die Weiten Tamriels streifen. Das wäre jetzt was. Sich wieder in dieser völligen Abenteurerfreiheit verlieren und noch mal in uralte Zwergenruinen hinabsteigen, Untoten das Handwerk legen oder selbst zu einem werden.

Nachts jagen zu gehen und immer Angst haben zu müssen, dass nicht ein Werwolf Jagd auf einen selbst macht. Die Freude darüber, dass man endlich die Meisterschaft im Schwertkampf erlangt hat. Die Rüstung abzulegen und dann wieselflink durch die Gassen zu huschen. Hach, ja, all das war Morrowind für mich. Und ich hoffe so sehr, dass Skyrim das wieder werden kann!

Für Leute, die noch mal eben einen KURZüberblick haben wollen. Morrowind in siebeneinhalb Minuten durchgespielt. Speedruns zu Bethesda-Spielen sind schon lustig. Zum Vergleich: Der aktuelle Rekord für das Durchspielen von Skyrim liegt bei etwas über zwei Stunden.