Mit manchen beiläufigen Bemerkungen sollte man vorsichtig sein. „Das ist ein echter Geheimtipp, würde dir garantiert gefallen!“ ist so eine. „Solltest du gespielt haben!“ eine andere. Wer sich durch das Befolgen dieser gut gemeinten Hinweise ein paar Mal in die Nesseln gesetzt hat, quittiert jene fortan nur noch mit einem freundlichen Nicken. „Klar, guck' ich mir mal an.“ Oder auch nicht.

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Mit dieser Taktik kam ich die letzten Jahre ziemlich gut über die Runden. Es ist wie beim Telefonieren: Wer es ernst meint, wird schon zurückrufen. Zumindest, wenn nicht ständig besetzt ist. Ein guter Freund scheint meine Nummer allerdings auf die Kurzwahltaste gelegt zu haben.

„Ich sag dir: Monster Hunter musst du dir unbedingt zulegen“. „Hast du Monster Hunter mittlerweile mal gespielt?“. „Hey, derzeit gibt’s 'Monster Hunter' im Angebot – jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um endlich zuzuschlagen!“.

Tut-tut.

Dann kündigte Nintendo „Monster Hunter 3 Ultimate“, die Neuauflage des rund drei Jahre alten dritten Teils, für Wii U und 3DS an und mir war klar: Jetzt kommst du nicht mehr drumherum. Zum Glück. Künftig werde ich öfter auf meinen Freund hören.

Ein Spiel, das den Superlativ bereits im Namen trägt und konsequent umsetzt - im Guten wie im Schlechten.Fazit lesen

Wer Spaß haben will, muss leiden

Bis zu diesem Eingeständnis war es allerdings ein weiter Weg, denn kaum ein Spiel versteht es besser, seine Vorzüge so lange im Verborgenen zu halten. Statt den Neuankömmling mit demütiger Unser-großer-Retter-in-der-Not-Attitüde willkommen zu heißen, hätten mich die Bewohner des Dörfchens Moga genauso gut mit erhobenem Mittelfinger und Gelächter begrüßen können. Wie es sich für einen unfähigen Trottel gehört.

Monster Hunter 3 Ultimate - Ich liebe dich, du Mistvieh

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In dieser Rolle werdet ihr euch die ersten Stunden häufig wiederfinden: flüchtend.
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Als solcher stapft nämlich unweigerlich jeder durch die Pampa, der zum ersten Mal mit Jaggis, Wetzsteinen und windeltragenden Schweinen in Berührung kommt. Erst fünf, dann zehn Stunden. Während ihr andere Spiele längst durchgespielt und wieder vergessen habt, rotzt euch MH3U noch immer winzige Texteinblendungen als „Hilfestellung“ entgegen. „Das ist ein großes Monster. Besiege es.“

Beinharte Serienfans mögen Recht haben, wenn sie sagen, dass diese anstrengende Einführungszeit einfach dazugehört. Nur in mühevoller Kleinarbeit setzt man Stück für Stück die Teile des Spiels zusammen, bis sich irgendwann etwas erkennen lässt, das entfernt einen sinnvollen Eindruck macht. Und trotzdem hätte ich jedem Besserwisser im schier endlosen Strudel aus Überforderung, fehlender Motivation und Gereiztheit jederzeit eine herzliche Beleidigung entgegengeschmettert, wenn er mir altklug von sich auszahlender Geduld gepredigt hätte.

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Die Doppelschwerter zählen zu den schnellsten Waffen im Spiel, richten aber vergleichsweise wenig Schaden an.
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Wer jemals das Abenteuer „Dark Souls“ auf sich genommen hat, wird es, nicht ganz unberechtigt, mehr als einmal zum Vergleich heranziehen. Warum auch nicht: Beide Titel verlangen vom Spieler ein immens hohes Maß an Aufmerksamkeit, Lernbereitschaft und Leidensfähigkeit. Während sich die Motivation auf dem mittelalterlichen Schlachtfeld aber aus der ständigen Verbesserung der eigenen Fähigkeiten speist, setzt die Lernkurve von „Monster Hunter“ vor allem beim Begreifen der hochkomplexen Spielmechanik selbst an.

Natürlich will ich sie auf eigene Faust erkunden, diese faszinierende Welt, will ihre Facetten verstehen lernen, Fehler machen und selbstständig begreifen, wie ich diese künftig vermeiden kann – und das alles, ohne ständig an der Hand herumgeführt zu werden. Im Dickicht aus Kämpfen und Sammelwahnsinn wird aber nicht mal ein kleiner Finger gereicht. Allenfalls der Mittelfinger.

Der Mensch: Jäger und Sammler

Vielleicht habt ihr nicht das zweifelhafte Glück, von einem halbfanatischen Kumpel immer wieder getriezt, vorangepeitscht zu werden. Ohne kleinen Mann im Ohr ist die Gefahr allzu groß, „Monster Hunter“ vorschnell wieder mit einem halbherzigen „Ist halt nicht mein Ding“ im Regal verschwinden zu lassen.

Der nächste AAA-Titel ist ja nur ein paar Amazon-Klicks weit entfernt, danach kann man es vielleicht noch mal versuchen. Kein Monster ist so schwer in die Knie zu zwingen wie der eigene Schweinehund.

Aber irgendwie geht es voran. Ein Schritt folgt dem anderen, wenn auch quälend langsam - zu langsam, als dass man es ernsthaft schönreden könnte. Trotzdem schlägt man sich so durch, mit guter Miene zum bösen Spiel und der Hoffnung, dass es bestimmt bald besser werden wird.

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Monster Hunter sah nie schöner als auf der Wii U aus. Der technische Gesamteindruck ist dennoch durchwachsen.
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Und dann, auf einmal, entpuppen sich die verschachtelten Menüs, die noch eben geflissentlich weggeklickt wurden, als hilfreiche, gar unabdingbare Auflistung verschiedenster Werte und Fakten. Plötzlich scheinen die Worte des Dorfältesten mit der Erfahrung der letzten Jagd im Hinterkopf nicht mehr die eines senilen Greises, sondern eines erfahrenen Jägers zu sein, der genau weiß, wovon er spricht. Auch die erste eigene Klinge, kaum mehr als ein rostiges Buttermesser mit Holzgriff, entwickelt sich in den fähigen Händen des Schmieds und zu einer scharfen Waffe, nachdem ihr dem rüstigen Mann ein paar Monsterhäute und Knochen zur Verfügung gestellt habt. Es ist kein Schwert mehr wie jedes andere: Es ist eure ganz persönliche Klinge.

Vielleicht habt ihr schon vor drei Stunden mit dem Angebot des Schmieds geliebäugelt. Aber woher das Geld nehmen, wie an die Rohstoffe gelangen? Ohne einen zweiten Gedanken an sie zu verschwenden, folgt ihr diesen zentralen Fragen, die den bislang nur träge dahinrollenden Motivationskarren endlich auf Touren und zwei der am tiefsten verwurzelten Triebe im menschlichen Handeln überhaupt zum Klingen bringt: das Jagen und Sammeln.

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Der Schmied verdient gutes Geld an euch.
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So simpel und so genial

So abrupt „Monster Hunter 3 Ultimate“ in seiner unzugänglichen Komplexität auch beginnen mag, so sanft hat es mich vom blutigen Anfänger mit zwei linken Händen zum erfahrenen Jäger heranreifen lassen. Irgendwann, vielleicht nach der fünften großen Kreatur, die endlich zu Fall gebracht wurde, oder dem Abschluss einer schweren Quest folgte ein kurzer Moment des selbstreflexiven Innehaltens. Erst dann realisiert man, wie tief man bereits ins Spiel eingetaucht ist und worin genau dieser Reiz begründet liegt, von dem Fans immer schwärmen.

Oder man nimmt die Disc aus der Konsole und surft Amazon an.

Denn mit dieser Einsicht kommt noch eine weitere einher: Im Grunde ist das Konzept hinter Capcoms Goldesel, der vor über einem halben Jahrzehnt quasi im Alleingang dafür gesorgt hat, dass Sonys bis dahin schwächelnde PSP auf dem asiatischen Markt Fuß gefasst hat, ein denkbar einfaches. Auf den Kampf folgt das Einsammeln der Rohstoffe, diese werden anschließend zu einer neuen Rüstung, einem mächtigeren Schwert oder für was auch immer verarbeitet. Das war's. Warum also weiterspielen?

Zwischen Himmel und Hölle bleibt wenig Platz für Kompromisse

Eigentlich müsste „Monster Hunter“ ein absoluter Kritikerliebling sein, hat es doch so viel von dem modernen Zeitgeist, der in jedem dritten Test in Form von „Ecken und Kanten“ heraufbeschworen wird. Tatsächlich brilliert die Monsterhatz auf vielen Ebenen – versagt dafür allerdings genauso kläglich auf anderen.

Viele Fehler fallen kaum ins Gewicht, sind verschmerz- oder zumindest tolerierbar. Es soll dem Spieler nicht leicht fallen; Erfolge müssen mühsam erarbeitet werden. Allein die Entscheidung für eine der zwölf verschiedenen Waffenarten kann Stunden in Anspruch nehmen, da jede eine vollkommen andere Herangehensweise und Taktik verlangt. MH3U treibt dieses Konzept auf die Spitze und bemüht sich sogar um ebenjene Ecken und Kanten, die dieses Spiel so unvergleichlich machen.

Aus diesem Grund denken die Entwickler nicht einmal daran, die Trägheit der Steuerung dem Jahr 2013 anzupassen. Nur deshalb gibt es keinen niedrigeren Schwierigkeitsgrad, keine Hilfestellung für Neulinge oder eine automatische Zielerfassung.

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Mit dem Bogen solltet ihr möglichst nur in einer Gruppe auf die Pirsch gehen.
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All das muss man nicht mögen – viele werden es sogar hassen –, aber zumindest anerkennen. Denn im Grunde ist kaum ein Spiel derart ehrlich wie dieses. Dann gibt's eben keine Geschichte. Warum auch? Immerhin wird der Spieler nicht im Glauben gelassen, es wäre anders. Wer „Monster Hunter“ kauft, weiß, was er bekommt. Wen interessieren schon die anderen?

Doch so sympathisch diese mittlerweile ungewohnte Ehrlichkeit auch sein mag: Sie ist kein Freifahrtschein für Stagnation. Ganz besonders dann, wenn sie den Spielfluss hemmt oder den Spieler in anderer Form benachteiligt. Dies tun weder die behäbige Steuerung, die nach reichlich Einarbeitungszeit perfekt funktioniert, noch die wahnwitzige Menge verschiedener Objekte, die man mit der Zeit wie von selbst kennenlernt. Auch die unnötig komplizierte Menüführung ist allenfalls ein wenig nerviger als nötig.

Wenn mir eine turmhohe Urzeitbestie allerdings nur aufgrund der völlig chaotischen Kameraführung (die vor allem 3DS-Spieler ohne Circle-Pad-Pro-Erweiterung verfluchen werden) den Todesstoß verpasst, bleibt mir nichts anderes mehr übrig, als auf Nintendos Qualitätsstandards zu hoffen, wenn das GamePad Richtung Boden saust.

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Online-Spieler werden diesen Ort bald wie ihre Westentasche kennen.
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Ich liebe dich, du Kackspiel

Selten habe ich mich der Schizophrenie näher gefühlt als beim Spielen von MH3U. Gerade noch voller Begeisterung für das fantasievolle Design der Monster und ihr individuelles Verhalten, das es unabdingbar macht, die Wesen genauestens zu studieren, um Schwachstellen und Muster aufzudecken, war ich im nächsten Augenblick wütend auf jeden einzelnen Entwickler.

Wütend, weil sie mir die Glaubwürdigkeit dieser Welt dadurch zerstören, dass sie keine zusammenhängenden Jagdgebiete schaffen, sondern jedes in einzelne Zonen unterteilen. Wütend, weil sie nicht einmal versucht haben, interessante Quests zu schreiben. Stattdessen sind diese nicht mehr als Mittel zum Zweck; nur wer sie abschließt, erhält Zugang zu weiteren Gebieten und Monstern, während die eigentliche Belohnung lediglich mit einem müden Lächeln zur Kenntnis genommen wird.

Wütend, weil die grünen Berge, schneebedeckten Landschaften und lavaspuckenden Vulkane wenig Spielraum zum Erkunden bieten. Selbst als „Monster Hunter 3“ vor drei Jahren erstmalig auf der Wii erschien, hätten diese Makel bereits ausgemerzt sein müssen – nun haben sie sogar eine ganze Konsolengeneration überdauert.

Dann erkenne ich plötzlich die kaum wahrnehmbare Bewegung des bislang unbezwingbaren Monsters, anhand derer sich der folgende Angriff vorhersagen lässt. Mit diesem Wissen lässt sich gezielt der lange Schweif angreifen und letztlich abtrennen. Der Rest ist ein Kinderspiel. Mit den gewonnenen Materialien renne ich sofort zum Schmied, um mein Großschwert zu verbessern. Und ich stelle fest: Ich liebe dieses Kackspiel.