Vor ziemlich genau einem Jahr schickte Lucas Arts Adventure-Fans dorthin zurück, wo für viele von ihnen 19 Jahre zuvor die Liebe zum Genre begonnen hatte: irgendwo in der Karibik, zwischen Grog schwingenden Männern ohne Moral und vegetarischen Kannibalen. Guybrush Threepwood, mächtiger Möchtegern-Pirat, war zurück, in einer exzellent überarbeiteten Special Edition.

Da war es selbstverständlich nur eine Frage der Zeit, bis sich die Rätsel-Experten auch des zweiten Teils, LeChuck’s Revenge, annehmen würden, für viele, den Autor dieser Zeilen eingeschlossen, der beste Teil der Serie, ja, sogar das beste Adventure aller Zeiten. Doch hält Guybrushs Nachfolge-Abenteuer auch mit abgesetzter Nostalgie-Brille dem Zahn der Zeit stand? Wurde die etwas verkorkste PC-Steuerung überarbeitet? Und erklären die Adventure-Legenden Gilbert, Schafer und Grossman im Audiokommentar zum Spiel endlich, was es mit dessen merkwürdigem Ende auf sich hat? Wir verraten es euch.

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Das Largo-Embargo: 20 Jahre später

Zu Recht zählt The Secret of Monkey Island bis heute zu den besten Spielen, die das Adventure-Genre je hervorgebracht hat. Die Gründe dafür haben wir in unserem Test zur letztjährigen Special Edition zu ergründen versucht und fanden Argumente wie das unvergleichliche Piratenflair, der übersprudelnde Witz und die genre-prägenden LucasArts-Tugenden, die bedingungslosen Spielspaß über möglichen Frust stellten. Nichtsdestotrotz speist sich ein nicht zu unterschätzender Anteil des threepwoodschen Legendenstatus’ aus der im Rückspiegel der Spielegeschichte verklärten nostalgischen Wahrnehmung.

Monkey Island 2: LeChuck's Revenge - Das beste Adventure aller Zeiten: jetzt in noch besser

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Guybrush mit runtergelassenen Hosen: Wie schlägt sich Monkey 2 in der Special Edition?
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Denn so unvergleichlich der Ausflug auf die Affeninsel zweifelsohne war, so augenscheinlich drängten sich beim erneuten Durchspielen 19 Jahre nach dem ersten Karibikurlaub die Kritikpunkte auf: manch unfaires Rätsel, eine relativ kurze Spieldauer, lange Laufpassagen… Monkey Island 1 war nicht deswegen besser als seine Konkurrenten, weil es wegweisend innovativ oder anders gewesen wäre, sondern weil es viele Kleinigkeiten einfach richtiger machte.

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Easteregg: Am Ende gibt es ein Wiedersehen mit diesem Schauplatz aus Teil 1.
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Doch erst das geniale Monkey Island 2 zementierte den Mythos, der die Serie bis heute zum Inbegriff eines ganzen Genres macht. Am erstaunlichsten beim erneuten Durchspielen knapp zwei Dekaden nach der Erstveröffentlichung war dabei für mich die Erkenntnis, dass Teil 2 im Gegensatz zu seinem Vorgänger mit der Zeit nicht nur kein bisschen von seiner Klasse eingebüßt hat, sondern im Gegenteil erst vor dem Hintergrund der vorangeschrittenen Spiele-Historie aufzeigt, wie haushoch überlegen es noch immer allem Adventure-Treibgut ist, das in seinem Fahrwasser an den Genre-Strand gespült wurde.

Monkey Island 2: LeChuck’s Revenge ist, gefolgt von der hauseigenen Konkurrenz Day of the Tentacle, Indiana Jones and the Fate of Atlantis und Zak McKracken, nach wie vor das beste Adventure überhaupt. Und erst recht in der Special Edition.

Vier Kartenteile: Rätsel, Humor, Umfang, Spielspaß

Nach seinem Sieg über den Geisterpiraten LeChuck ist Guybrush Threepwood zu einem Langweiler geworden, der seiner mittlerweile in die Brüche gegangenen Beziehung zu Gouverneurin Elaine Marley nachtrauert und abgehalfterten Piraten am Lagerfeuer immer noch sein Abenteuer aus Teil 1 erzählt. Neue Herausforderungen müssen her – und so begibt sich Guybrush auf die Suche nach dem sagenumwobenen Schatz Big Whoop. Zu dumm nur, dass der Tollpatsch dabei seinen alten Erzfeind zurück ins untote Leben holt – und der schwört mit jeder Faser seines verwesten Zombiekörpers Rache an dem Möchtegern-Piraten.

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Gut abgehangen: Monkey 2 ist über die Jahre sogar noch gereift. Diese Szene ist übrigens die einzige, in der Guybrush sterben kann. Oder auch nicht...
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Glücklicherweise hat Guybrushs alte Freundin, die Voodoo-Lady, einen untodsicheren Tipp: Big Whoop ist nämlich zufälligerweise kein x-beliebiger Piratenschatz, sondern ein mächtiges Artefakt, mit sich die Bedrohung durch LeChuck auf immer bändigen ließe. Also machen wir uns auf die Suche nach der zugehörigen Schatzkarte, die in vier Teil zerrissen über die halbe Karibik hinweg verteilt wurde…

So schematisch sich die Ausgangssituation auch liest, so effektiv ist sie in ihrer Umsetzung: Kaum ein Adventure, das mir bekannt wäre, ist so umfangreich und dabei gleichsam nicht-linear wie Monkey Island 2. Während in heutigen Adventures meistens nur eine Handvoll Bildschirme gleichzeitig aufgesucht werden können und zum Lösen noch weniger Rätsel auffordern, bis sich die darauf folgenden „freischalten“, bietet LeChuck’s Revenge in seinem zweiten Kapitel die schier unfassbare Anzahl von drei zu bereisenden Inseln mit jeweils etwa 10-15 Schauplätzen.

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Irgendwo und überall in der Karibik: Die riesige Spielwelt ist bis heute einzigartig.
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Nachteil dieser offenen Spielweise mag sein, dass sich Anfänger mitunter auf verlorenem Posten fühlen; unschätzbarer Vorteil jedoch ist wiederum, dass es immer und überall irgendwo weitergehen kann. Wo man in anderen Spielen in einer Sackgasse verzweifelt oder genervt die Komplettlösung bemüht, weil einem die eine Aktion nicht einfallen mag, die das Spiel erwartet, wechselt man in Monkey Island 2 einfach den Standort und tüftelt an einem anderen Rätselfaden.

Einfach nur überwältigend ist in diesem Zusammenhang auch die Puzzle-Dichte: An jeder Straßenecke, in jeder Gasse und hinter jedem Baum warten neue Aufgaben – allein der Pier auf Phatt Island eröffnet beispielsweise innerhalb eines einzigen Bildschirms Zugang zu fünf unterschiedlichen „Questgebern“. Kein Rätsel steht dabei für sich alleine, sondern bildet einen unverzichtbaren Teil einer langen Kette, die nicht selten zu einem befriedigenden Dominoeffekt führt, wenn nach einer zündenden Idee mehrere Lösungen am Stück wie Schuppen von den Augen fallen.

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Easteregg: Wer sich im Dschungel verläuft, ruft bei der LucasArts-Hintline an.
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Wenngleich Monkey Island 2 beim Rätsel-Design nicht ganz den Einfallsreichtum eines Day of the Tentacle vorweisen kann, sind alle Kopfnüsse logisch und oftmals mit Hinweisen zwischen den Zeilen der ausnahmslos pointiert geschriebenen Dialogen versehen. Einzig das im Deutschen nicht funktionierende Wortspiel „monkey wrench“ wird auch dieses Mal wieder für Kopfschütteln sorgen.

LeChucks Festung: Ein Bollwerk für die Ewigkeit

Möchte man Monkey Island 2 im direkten Vergleich zum Vorgänger einen Vorwurf machen, dann allenfalls, dass die Atmosphäre dort ein klein wenig dichter ist, dass die Story durch die extrem nicht-lineare Spielweise manchem ein wenig zu zerfasert anmuten mag und dass das Piraten-Karibik-Flair unter den zahlreichen postmodernen Anspielungen auf die Gegenwart leidet (ein Abwasserkanal in der Höhle, ein Elvis- Teller im Souvenir-Laden…).

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Späte Rache: LeChucks Fluch trifft auch heute noch jeden Genre-Konkurrenten, der sich mit diesem Spiel messen möchte.
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Abseits dessen trifft LeChucks Rache fast zwanzig Jahre nach seinem ersten Grummeln sämtliche Genre-Herausforderer der Zwischenzeit mit der vollen Wucht eines Voodoo-Fluches: Unvergessliche Szenen wie der lässige Skeletttanz, der fiese Spuckwettbewerb und natürlich das unerklärliche Ende reihen sich aneinander wie Perlen auf einer Schnur. Da fällt es schon gar nicht mehr auf, dass Monkey 2 als einziger Teil der Reihe die legendären Schwertkämpfe, ja, nicht einmal die titelgebende Affeninsel selber nötig hat, um restlos zu begeistern. Wo andere abkupfern, vergoldet Gilbert sein eigenes Denkmal.

Ein Spiel für die Ewigkeit: Selbst nach Ablegen der Nostalgie-Brille ist Monkey Island 2 über jeden Zweifel erhaben und zementiert seinen Ruf als bestes Adventure aller Zeiten.Fazit lesen

Und wo wir schon das rätselhafte Ende erwähnt haben: Auch der Audiokommentar der Lucas-Arts-Legenden und Monkey-Island-Erfinder Ron Gilbert, Tim Schafer und Dave Grossman, die sich in Schlüsselszenen der Special Edition per Tastendruck zuschalten lassen, weiß nichts Erhellendes darüber zu verraten.

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Der Audiokommentar lässt sich in Schlüsselszenen per Tastendruck zuschalten - leider pausiert das Spiel nicht automatisch.
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Was leider für den Großteil des Kommentars gilt: Denn neben wenigen informativen Anekdoten und einigem witzigen Geplänkel erschöpfen sich die Gespräche der Altmeister zumeist darin, sich gegenseitig Erinnerungsstütze bei der aktuellen Szene zu leisten. „Daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern? Weiß jemand, was das ist?“ – „Ja, das kenne ich, das war doch… Na, sag schon! Ich komm’ gleich drauf…“ Dennoch eine tolle Idee, die wir gerne sehr viel öfter in Spielen sehen würden – insbesondere auch in neueren Titeln, wo die Erinnerung der Macher noch frischer sein dürfte…

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Einer unserer Favoriten: Die Gouverneursvilla veranschaulicht mit am besten die Qualität des neuen Grafikstils.
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Abseits dessen ist die Überarbeitung des Originalspiels in der Special Edition wie schon bei Teil 1 ein kleiner Geniestreich: Der grafische Stil ist sehr viel verspielter, poppiger, mutet bisweilen gar an wie mit Wasserfarbe gemalt. Das Charakterdesign, größter Kritikpunkt der ersten Special Edition, ist sehr viel besser gelungen, insbesondere der verhasste Look von Guybrush mit rasierten Schläfen und Waver-Tolle liefert nunmehr keinen Anlass mehr zur Kritik.

Die wie gewohnt hervorragende englische Sprachausgabe komplettiert nun auch das akustische Vergnügen, das mit Erfindung des iMuse-Soundsystems einen Höhepunkt im Adventure-Genre darstellte: Statt einfach nur einzelne Musikstücke runterzududeln, passt sich die Musik in Monkey Island 2 dynamisch der jeweiligen Lokalität und Situation an – ein Verfahren, das nie wieder in gleicher Perfektion angewendet wurde wie im Original von 1991. Das komplette Neueinspielen des Soundtracks wäre insofern gar nicht unbedingt nötig gewesen, zumal der iMuse-Effekt in der neuen Edition weniger zum Tragen kommt.

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Retro per Tastendruck: Gag am Rande: Wo im Original Chaoshase Max rechts im Bild war, sieht man in der SE das Purpurtentakel.
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Doch dafür kann der Retro-Enthusiast wie schon in der Monkey 1 Special Edition jederzeit per Tastendruck in die alte Version wechseln, inklusive 320x200-Pixelschock, MIDI-Musik, alter Steuerung und neuer Sprachausgabe – Lucas Arts hat sich die Kritik an der ersten SE offenbar zu Herzen genommen, in der die Charaktere nach Wechseln in den Classic-Modus nostalgisch korrekt stumm blieben. Apropos Steuerung: Die hat sich seit der umstrittenen ersten Special Edition stark verbessert – mit der mittleren Maustaste bzw. dem fummeligen Mausrad ins Inventar zu wechseln, ist jedoch noch immer nicht die Gelbe-vom-Ei-Lösung.

Dinky Island: Das X markiert die Kritikpunkte

Und wenn wir schon am Meckern sind: Warum Lucas Arts das komplette Intro in der Special Edition gestrichen hat, ist mir das größte, gleichermaßen unverzeihliche Rätsel des Spiels. Das Fehlen des erweiterten Abspanns, das viele Kritikerkollegen bemängeln, ist hingegen kein Beinbruch, da dieser meines Wissens ohnehin nur in der deutschen Version enthalten war.

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Explosives Finale: Nun warten wir sehnsüchtig auf die Ankündigung der Day of the Tentacle Special Edition.
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Auch dass die beiden Schwierigkeitsgrade des Originals nicht mehr zur Wahl stehen, kann ich verschmerzen. Wer möchte schon wirklich die Light-Version eines Spiels spielen, in der er nur etwa ein Viertel aller Inhalte zu Gesicht bekommt?

Als wirklich störend erwies sich lediglich ein Bug, der es bei einigen zeitkritischen Rätseln notwendig machte, in die Classic-Umgebung zu wechseln, da es sonst nicht möglich war, die korrekte Aktion rechtzeitig einzugeben. Doch das sind nur Krümel auf der blütenweißen Weste eines ansonsten perfekten Spiels.