Früher war alles besser. Der C-64 lief wie am Schnürchen, Spiele übten noch den Reiz des Unbekannten aus und Oma strickte derweil warme Socken in der ebenso warmen Stube, damit der Bub beim Spielen auch keine kalten Füße bekommt. Heute nervt das Betriebssystem mit Abstürzen, ein Spiel gleicht dem anderen und kalte Füße hat man obendrein.

Denn Oma hat die Stricknadeln längst in die Ecke geworfen. Seit sie eines schönen Mittwochs, im Lebensmitteldiscounter nebenan, ihren ersten Computer erstanden hat, lebt sie quasi im Exil. Im Altersheim? Aber nicht doch. Sie rennt, springt und schießt um sich – in den schillernd schönen Welten der Online-Games.

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Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehn´…

Meist beginnt es ganz harmlos – mit einem Kurs an der örtlichen Volkshochschule. Als Rentner hat man ja Zeit für so etwas. Englisch II wurde bereits erfolgreich im letzten Semester mit Bravour abgeschlossen. EDV ist da die konsequente Fortführung in Sachen lebensabendlicher Bildung. Ein wenig holprig wirkt es anfangs ja, denn die Finger entwickeln beim „Maus-Drücken“ bisweilen ein Eigenleben. Auch schießt der „Zeigepfeil“ regelmäßig über die angepeilte „Kachel“ hinaus.

MMOG - Zockende Rentner - Wenn Omas Elfe Noobs verhaut

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Der Renner für Rentner: EDV-Kurse für Senioren erfreuen sich großer Beliebtheit.
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Den Kursleiter bringt so etwas schon lange nicht mehr aus der Ruhe. Er kennt das ungewöhnliche Vokabular der EDV-Rentner. Gutmütig zeigt er Verständnis für Zickzackfahrten und Klick-Orgien. Einfache Zielübungen sollten da Abhilfe schaffen. Ein spezielles Trainingsprogramm für solch harte Fälle liegt auch schon auf dem Desktop bereit. Und mit dem „Drücken“ auf die „Kachel“ Moorhuhn nimmt das Unheil seinen Lauf.

Was im Unterricht noch nicht sitzt, muss zu Hause umfassend exerziert werden. Da wird das Enkelchen rasch mal in den Fachmarkt geschickt – und schon wird vom gemütlichen Sessel aus auf das fiese Federvieh „gedrückt“. Als Rentner hat man ja Zeit für so etwas. Es vergehen ein paar Wochen, der Computer-Führerschein hängt schon an der Wand, gleich neben dem Hirschgeweih. Und die Moorhühner – nun, die hat Oma langsam satt.

Zudem schmerzen längst die Finger, vom vielen „Drücken“ und von der Gicht. Solitär ist da eine passende Alternative und kann auch einige Tage Spaß bereiten. Allerdings scheint das bergeweise konsumierte tägliche Knobi-Doping in der Tat Wunder zu wirken, denn das betagte Spielerherz giert schon bald nach mehr. „Was spielst du denn so, mein Junge?“, wird der Enkel konsultiert. „Ach Oma, das ist ein MMORPG, das ist nichts für dich.“ sprachs – und sollte sich noch wundern.

Grau auf dem Kopf, grün hinter den Ohren?

So, oder so ähnlich, spielt es sich derzeit in zahlreichen Familien ab. Die VHS-Kurse sind gut besucht, die Lebensmittel-Discounter verkaufen ihre Komplett-Systeme oft binnen weniger Stunden ab – und in den Fachmärkten sieht man immer häufiger grau behaarte Köpfe hinter den Regalreihen der Videospiel-Abteilung herumirren. Dass Geiz geil ist, wissen die Veteranen schon seit der harten Nachkriegszeit und blöd sind sie natürlich auch nicht. Nur etwas unerfahren noch, in der schönen neuen Welt der digitalen Vergnügungen. Und sie sind auf der Suche. Ja, was suchen sie eigentlich?

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Ältere Semester sind in einschlägigen Spielemärkten kein seltener Anblick mehr.
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„Ein Spiel. Nicht zu schwierig, aber bitte komplex. Nicht zu bunt, aber bitte künstlerisch wertvoll. Auch nicht zu schnell und vielleicht etwas, bei dem man sich mit dem Enkel messen kann. Aber natürlich nicht brutal, vielleicht etwas für zwischendurch, das große Freude bereitet, auch für sehr lange Zeit. Denn Zeit habe ich ja als Rentner, verstehen Sie?“. Nichts versteht er, der arme Verkäufer vom Fach. Gegen diesen Kunden sind die beiden Stamm-Rotzlöffel, die jeden Tag die Testkonsolen einsauen, eine echte Traumkundschaft.

Wer alt ist, darf auch Ansprüche haben!

Mühsam unterdrückt so mancher Anwesende, der mehr oder weniger unfreiwillig Zeuge des Verkaufsspektakels geworden ist, ein Grinsen, während der geplagte Verkäufer vergeblich eine bunte Packung nach der anderen anpreist. Doch dann steht man plötzlich vor dem großen Stapel. World of Warcraft – na, wenn das nicht jene Welt ist, in der das Enkelchen sein digitales Unwesen treibt. Vielleicht ist es an der Zeit, dem Bub mal einen Besuch abzustatten.

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„hi elf bunny! me = 68/m/germany!“ - „Hallo Zwerg Nase...ich auch!“
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So ähnlich hat es sich auch bei Lothar zugetragen. Mittlerweile ist er seit einigen Jahren im verdienten Ruhestand. Früher arbeitete er bei einer Bank – im Vorstand. Hohe Geldsummen waren sein tägliches Geschäft. Heute bückt sich sein Avatar nach den kleinen Münzen im Computer – im MMOG Lineage 2. Lothar spielt dort einen Ork – eine Orkerin, um genau zu sein. Oder heißt das Orka? Egal - sie trägt nicht nur wenig Kleidung, sondern auch noch den passenden Namen „ZackZack“. Auf Zack ist Lothar immer – auch im Umgang mit der grünen Amazone, seiner „Figur“, wie er sie nennt. Unbeirrbar prügelt er auf diverse Echsen ein, bis sie ihr Erspartes für ihn „wegwerfen“, wie er es nennt.

„Uneffektiv!“, kommentiert sein erwachsener Sohn, der am Rechner nebenan EvE-Online spielt, denn Lothar verzichtet im Kampf auf Munition. „Das geht zwar, dauert aber furchtbar lange. Auf die Stunde gerechnet, kommt man mit Munition viel schneller voran“, kommentiert der Filius. Doch Munition kostet Gold. Und Lothar hat – und dabei strahlt er vor Glück: „Vollen Gewinn bei einer Investition von Null, Reingewinn also!“. Was will ein Banker mehr? Und warum soll Lothar sich auch von der Jugend hetzen lassen? Er hat doch die Zeit, als Rentner.

Auf die Dauer hilft nur Frauenpower!

Auch Ute ist längst in Pension, war früher Lehrerin. Sie hat dem Treiben ihrer Männer auf dem Bildschirm wochenlang zugesehen, bis es ihr zu bunt wurde. Immer wieder verstarb der holde Ehegatte – oder besser gesagt dessen grünhäutige Orkserin – aus Unachtsamkeit und mangels Munition. Früher hat sie ab und zu helfend eingegriffen. Dann hatte sie Spaß an der Sache und startete einen eigenen Charakter.

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Das Munitions-Imperium der rüstigen Rentner hat den Markt fest im Griff.
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Schnell begriff sie, wie der Markt im Spiel funktionierte, erschuf sich einen Zwerg, einen Baumeister und produzierte Munition. Weitere Charaktere und Accounts kamen hinzu – die organisierte Massenproduktion begann. Mittlerweile versorgt sie den halben Server mit den Geschossen, hat – gemeinsam mit ihrem Bruder – ein Monopol errichtet. Die zwei Computer-Oldies sind virtuelle Multi-Milliardäre. Würde man das Spielgeld in harte Währung umrechnen, kämen einige tausend Euro zusammen – und es wird täglich mehr.

Ihren Sohn hat Ute im Spiel längst abgehängt, genau wie die Masse der anderen Spieler auf dem Server. Den jugendlichen Lümmeln zieht sie regelmäßig im PvP die Ohren lang. Immerhin besitzt sie eine Ausrüstung, von der mancher Hardcore-Zocker nur träumen kann. Lothar hebt derweil weiter seine Goldhäufchen vom Boden auf.

Das muss er auch noch etwa 12 Jahre lang tun, wenn er jemals so reich sein will, wie seine Frau – trotz „Reingewinn“. Es geht eben nichts über ein modernes Geschäftsmodell. Dumm nur, dass Ute nachher aus dem Haus muss. Der Enkel hat heute Geburtstag. „Das kostet Millionen an entgangenen Einnahmen, und es kostet Zeit!“ – und Zeit hat Ute bei all ihrer virtuellen Geschäftigkeit ja nun wahrlich nicht viel...