Mit Fantasy-MMOs ist es ähnlich wie mit dem Umweltschutz - obwohl alle davon reden, unternehmen die Wenigsten wirklich etwas. Das soll jetzt nicht falsch verstanden werden, ich habe nichts gegen Fantasyspiele und wäre ich Bundeskanzler(in), würde ich sagen: „Niemand spricht davon, die Fantasy-MMOs abzuschaffen.“

Aber: Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft ich gelesen habe, dass den Leuten Zwerge, Elfen und Orcs zum Hals heraushängen. Kommt allerdings ein neues Spiel ohne kleine bärtige Männer und grunzende grüne Klopse auf den Markt, herrscht meist gähnende Leere auf den Servern. Warum eigentlich?

„Endlich“, dachte ich, als der Postbote Pirates of the Burning Sea in die Redaktion brachte und ich es testen konnte. „Endlich kann ich mit anderen Spielern Häfen plündern und meine Gegner mitsamt ihren Nussschalen auf den Meeresgrund schicken“. Ich sah mich schon als Held der Karibik eine Spielerflotte anführen und fand, dass mir ein Piratenschiff ohnehin außerordentlich gut stehen würde.

MMOG - Ork-müde und Elfen-drüssig - Wieviel Fantasy muss sein?

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Ein ganzer Strand für mich allein - im Urlaub vielleicht schön, im Spiel dürfte dagegen ruhig etwas mehr Betrieb herrschen.
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Leider währten meine Träume nicht lange: Nachdem ich einen Tag lang gespielt hatte, musste ich feststellen, dass trotz des bereits erfolgten Verkaufsstarts auf den Servern Spielerflaute herrschte. Meine Vorfreude wich der Ernüchterung – der Postbote hätte statt des Spiels genauso gut einen Sack Ziegelsteine liefern und ihn über meinem Kopf auskippen können. Auch während der restlichen Zeit war kaum eine Menschenseele in der virtuellen Karibik anzutreffen.

Da fragt man sich doch, warum zum Beispiel bei Warhammer Online schon im Vorfeld die Bude tobt und 500.000 Menschen auf einen Zugang zur Beta warten, während man bei Piratenspielen angesichts der auf den Servern herrschenden Leere eigentlich die Grillen zirpen hören müsste, aber selbst diese anscheinend vor Langeweile eingeschlafen sind.

Auch bei anderen Piraten-MMOs sieht es nicht wesentlich besser aus. Sicher, auch Bounty Bay oder Pirates of the Caribbean Online haben ihre Spieler, allzu erfolgreich ist aber keins von beiden. Besonders bei Letzterem wundert mich das allerdings wenig: Zwar waren die Filme außerordentlich gut besucht, aber ob deswegen die Kinogänger und DVD-Käufer bei der Ankündigung eines Onlinespiels zum Film sofort scharenweise die Geschäfte entern, um sich Disneys neuesten Entertainmentspaß zu gönnen, ist eher fraglich - oder welche Zielgruppe sollte sonst angesprochen werden?

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Und nun heben wir beherzt den linken kleinen Zeh - und eins und zwei...
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Aber nicht nur Piratenspiele könnten besser laufen, auch sonstige Genres sind eher als Wackelkandidaten anzusehen. Abzuwarten bleibt zum Beispiel, ob Empire of Sports – ein Mix aus Sport und MMORPG – tatsächlich die Erwartungen der Entwickler erfüllen wird. Da bleibt zu hoffen, dass sich Computerspieler darüber im Klaren sind, dass Zocken nicht gerade nen schlanken Fuß macht und ihr Gewissen beruhigen wollen, indem sie wenigstens virtuell im Fitnesscenter Gewichte durch die Gegend wuchten.

Aber zurück zur Gretchenfrage: Muss es unbedingt Fantasy sein? Es ist sicherlich nicht abzustreiten, dass das Genre einige Vorteile mit sich bringt. Zunächst mal das Szenario: In einer Fantasywelt bietet es sich an, den Spieler seinen Charakter aus verschiedenen Rassen auswählen zu lassen, die nicht unbedingt menschlich sein müssen und deshalb mehr Abwechslung bieten, als zum Beispiel die erwähnten Piratenabenteuer. Auf Dauer ist eben doch viel versprechender, mal einen Zauberer und mal einen Zwerg zu spielen, als zwischen Pirat und Freibeuter wählen zu dürfen.

Auch der Einsatz von Magie stellt in diesem Zusammenhang kein Problem dar, während zum Beispiel zaubernde und auf Drachen reitende Skifahrer zum einen unglaubwürdig wirken und zum anderen nebenbei das gesamte Spielkonzept eines realen Sportspiels ad absurdum führen würden. Seltsam anmuten würden auch Soldaten in einem Kriegsspiel, die plötzlich vor einem schrecklichen Eidechsenkönig stehen und sich in seltene schnarchulesische Schnarrbären verwandeln würden.

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Warum Telekinese, wenn es auch mit Fantasy geht...
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In einer Fantasywelt wäre so etwas dagegen mit der richtigen Hintergrundgeschichte durchaus möglich. Ohnehin sind der Fantasie der Entwickler in diesem Genre keine Grenzen gesetzt – der Name allein sagt es ja schon. Und wenn man dann mal einen fliegenden Berg haben möchte, baut man ihn eben ein.

Aber soll es das wirklich gewesen sein? Manchmal kommt es mir so vor, als wenn die Entwickler zuviel Zeit damit verbringen, eine Entscheidung darüber zu treffen, in was für einer Welt das Spiel angesiedelt werden soll. Was für mich wirklich zählt, sind das Gameplay und die Features, denn diese trennen letztendlich die Spreu vom Weizen.

Was ändert es, ob ich ein Schwert oder eine Pistole benutze, wenn die Spielmechanismen eh dieselben sind? Man macht es sich zu einfach, wenn man das Problem nur auf das Genre reduziert, letztlich aber mangelnde Innovation beim Gameplay eine mindestens genauso große Rolle spielt – ich würde auch ein Candyland-MMO zocken, wenn die Lollipop-Langschwerter und Marshmallowkanonen gut durchdacht wären und das Spielkonzept stimmen würde. Dass es auch anders geht, zeigt ja zum Beispiel Eve Online.

Der Grund dafür, dass sich so viele Spieler neue Szenarios wünschen und genug vom Fantasygenre haben, dürfte neben den mangelnden Innovationen im Gameplay vor allem folgender sein: Wer lange genug dabei ist, hat dieselbe Art von Spielen immer und immer wieder gespielt und braucht Abwechslung – und der Wunsch nach frischen Szenarios ist nun mal der einfachste und naheliegendste Weg, nach etwas Neuem zu fragen.

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Bär? Orc? Cyberpunk? Man kann es auch übertreiben....
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Da Fantasy im MMO-Bereich das beliebteste und zugleich repräsentative Genre darstellt, rebellieren die Spieler dagegen, denn von eben diesem Genre gibt es einfach die meisten Titel, genau davon haben die Spieler am meisten gesehen und wurden auch genauso häufig enttäuscht – obwohl Fantasy natürlich ohne Zweifel auch die größten Erfolge feierte.

Das Problem ist wohl, dass die Entwicklung von Videospielen immer noch zum Business zählt, in dem es um Existenzen geht. Es gibt genug Beispiele, die zeigen, dass Fantasyspiele nach wie vor extrem beliebt sind. Selbst Leute, die keine MMOs spielen, werden wahrscheinlich World of WarCraft nennen, wenn es um das „beste“ Spiel in diesem Sektor geht. Und wenn ein Entwickler sein Geld in die Produktion eines Spiels investiert, wird dieser wahrscheinlich eher an das anknüpfen, was er als „Gewinner“ in diesem Bereich sieht.
Genau deswegen werden Fantasyspiele auch in Zukunft nicht vom Markt verschwinden – sollen sie auch gar nicht. Mir würde es schon reichen, wenn sich die Entwickler in Zukunft mehr Gedanken um Innovation machen – sei es nun in Zusammenhang mit Zwergen und Elfen oder nicht.